Wider die Musealisierung

Gastkommentar Plakatgestaltung bedeutet Zeitgenossenschaft sowie effektvolles Changieren zwischen Kunst und Kommerz, meint der Grafik-Designer K. Domenic Geissbühler.

Gastkommentar Plakatgestaltung bedeutet Zeitgenossenschaft sowie effektvolles Changieren zwischen Kunst und Kommerz, meint der Grafik-Designer K. Domenic Geissbühler.
Für die Jüngeren unter uns zunächst ein Definitionsversuch: Plakat [das; frz., ndrl.], öffentlich angebrachtes, meist grossformatiges Anschlagblatt mit mitteilendem oder werbendem Charakter, oft künstlerisch gestaltet. Man unterscheidet das textlose Bildplakat, das nur aus Text bestehende Textplakat und als Mischung dieser beiden Plakatarten das Bildtext- und das Textbildplakat.Das Plakat war schon immer ein Kind der Strasse, gemacht für die Menschen auf den Strassen dieser Welt. Worin aber liegt seine kommunikative Eigenart, sein ästhetischer Reiz, seine künstlerische Faszination? Ist das Plakat gar ein Wegbereiter zeitgenössischer Kunst? Durchaus. Genauer: Es ist ein Vorläufer serieller Kunst.
Zudem ist es ein Medium mit hoher zeitgeschichtlicher Aussagekraft. Ob Film, Theater, Getränke, Versicherungen oder Autos: Alle bedienen sich seiner, um ihre Einzigartigkeit und Zeitgenossenschaft zu illustrieren. Entsprechend mutierte der Plakatgestalter immer mehr zum Kommunikator, der dieses oder jenes Produkt zum Erfolg führen soll.
Früher waren die kommerziellen den kulturellen Plakaten qualitativ oft überlegen; heute ist es umgekehrt. Nicht geändert haben sich die Gesetze, nach denen Plakate funktionieren – oder nicht. Büstenhalter, Leberwurst und Goldschmuck haben hier eines gemeinsam: Sie brauchen eine gewisse Grösse, um über dieses Medium zur Geltung zu kommen. Mit vergrösserten Inseraten aus der Werbekampagne ist es also nicht getan.
Die Mehrheit der Plakate hatte zu jeder Zeit keinen künstlerischen Wert. Aber einige sind im kollektiven Gedächtnis haften geblieben, haben die Betrachter herausgefordert und berührt. Diese Aushängeschilder unserer Zunft erreichen erstaunliche Auktionspreise und werden in Sammlungen gehortet. So erfreulich diese Form der Wertschätzung ist, so gefährlich ist sie auch. Denn Musealisierung ist der Tod von Zeitgenossenschaft. Und genau dadurch zeichnet sich das Strassenmedium Plakat ja aus.
Erfreulich ist auch die im Begriff «Musealisierung» mitschwingende künstlerische Anerkennung. Die Litfasssäule als Freilichtmuseum: Tatsächlich stehen die Leistungen auf dem Gebiet des Plakats den Meisterwerken der Grafik in nichts nach. Umgekehrt ist und bleibt das Plakat für den Grafik-Designer jenes Medium, mit dem er am meisten über sich selbst sagen kann.
PS: Als langjähriger Auftragsempfänger des Opernhauses Zürich und anderer kultureller Institutionen schätze ich Sponsoring sehr, denn es gibt unsereins die Möglichkeit zur kompromisslosen Gestaltungsarbeit.
> Karl Domenic Geissbühler ist ADC-Mitglied und selbstständiger
Grafik-Designer in Zürich.

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