Balzrituale und böse Briefe

Oliver Classen über Licht und Schatten des Jean-Frey-Turnarounds.

Oliver Classen über Licht und Schatten des Jean-Frey-Turnarounds.Das hat man nun davon, wird sich Filippo Leutenegger gedacht haben, als er Ende letzter Woche dicke Post öffnete: Kaum zurück in den schwarzen Zahlen und schon (wieder) die Gewerkschaften vor der Tür! Keine 48 Stunden nach Verkündigung des überraschend üppigen Jahresgewinns von 10 Millionen Franken, den der Jean Frey Verlag (JF) im Krisenjahr 2003 einfahren konnte, forderte nämlich Comedia dessen CEO ultimativ zu Kompensationszahlungen an die internen Opfer des Turnarounds auf.Dieser Appell ist so nahe liegend wie naiv: Denn hätte Leutenegger für die 40 Entlassungen damals nicht seine – von Comedia zu Recht monierte – Salamitaktik gewählt, könnte er heute kein zweistelliges Ergebnis ausweisen. Und ohne erfolgreiche Sanierung bliebe nicht nur die Zukunft der übrig gebliebenen 250 Arbeitsplätze unsicher; auch als potenzielle Braut auf dem internationalen Heiratsmarkt macht eine radikal verschlankte und gold-behängte JF definitiv mehr her.
In Branchenkreisen höchstgehandelter Freier bleibt weiterhin der Springer Verlag. Dies weniger, weil sich die Welt-Herausgeberin mit
Roger Köppel bereits das intellektuelle Kronjuwel der Jean Frey gesichert hat. Vielmehr schreien die Verdopplung des Jahresgewinns auf 130 Millionen Euro und eine entsprechend pralle Kriegskasse geradezu nach einer Aufstockung des Tafelsilbers. Man darf also gespannt sein, ob die «neuen Spielräume für Investitionen ins Kerngeschäft», von denen Springer-Chef Matthias Döpfner an der Berliner Bilanzpressekonferenz sprach, bis in die Schweiz reichen.
PS: Trotz des Abbaus von über 1500 Arbeitsplätzen allein im vergangenen Jahr hat Döpfner keine Drohbriefe der deutschen Mediengewerkschaft bekommen. Dafür wurden im Rahmen der Lohnverhandlungen jüngst auch einige Springer-Redaktionen bestreikt. Dann doch lieber eine zünftige, letztlich aber zahnlose Nachzahlungsforderung, wird sich Leutenegger denken.
> Oliver Classen, Redaktor

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