Schmollen bringt nichts

Aufgefallen Politiker sollen und können Journalisten nicht boykottieren. Versuchen sie es dennoch, erweisen sie sich und ihrem Amt einen Bärendienst, findet Peter Glotz.

Kolumne Politiker sollen und können Journalisten nicht boykottieren. Versuchen sie es dennoch, erweisen sie sich und ihrem Amt einen
Bärendienst, findet Peter Glotz.
Die Entourage des deutschen Kanzlers ist sauer, er selbst wohl auch. Böse beutelt ihn der Boulevard, vor allem Bild. Aber auch die linksliberalen Organe der «Hamburger Kumpanei», Spiegel und Stern, hetzen und verhöhnen die Regierung. Das Nachrichtenmagazin rückte zur Fasnacht ein Stück ins Heft, in dem das von Schröder regierte Deutschland als Tollhaus karikiert wurde. Und im Stern schreibt dessen Berliner Statthalter einen rot-grünen Totalverriss nach dem anderen.Fair sind diese Parforce-Ritte oftmals nicht. Immerhin ist Schröder der Erste, der sich überhaupt an die überfälligen Kurskorrekturen im Sozialstaatswesen herantraut. Dass der Reformkanzler «not amused» ist, kann man verstehen.
Die Reaktion seines Apparats ist jedoch, gelinde gesagt, unprofessionell. Das Bundespresseamt verhängte einen Journalistenboykott: Die bösen Buben bekommen keine Interviews mehr oder dürfen bei Auslandvisiten nicht in das Kanzlerflugzeug. Das ist ein grober Fehler. Denn besseres Medienecho bekommt man durch Kommunikation, nicht durch Kommunikationsverweigerung. «Strafe» ist ein Mittel zur Erziehung Minderjähriger; Meinungsmacher kann man nicht abstrafen.
Verstärkt wird dieser Fauxpas durch das Gerede des Regierungssprechers, obwohl der es als früherer Bild-Redaktor besser wissen müsste. Dieser waltet seines Amts nicht durch subtilen Druck, sondern durch beleidigt-sein. Das Resultat sind Demarchen der Bundespressekonferenz, des deutschen Journalistenverbands sowie Protestbriefe aus Chefredaktionen.
Schröder kann sich auf seinen Vorgänger Kohl berufen. Der gewährte dem Spiegel während seiner 16-jährigen Amtszeit kein einziges Interview. Zweckmässig ist so eine Strategie trotzdem nicht. Allenfalls ein Schriftsteller oder ein Bischof kann Massenmedien boykottieren. Wenn sie Moral wichtiger nehmen als Wirkung, trägt das sogar zu ihrer Reputation bei jenen Minderheiten bei, denen sie sich verpflichtet fühlen. Der Kanzler aber ist weder Günter Grass noch Kardinal Ratzinger; er muss seine Politik dem ganzen Volk erklären. Wie soll er das schaffen, wenn er die wichtigsten Kanäle aus irregeleitetem Stolz nicht nutzt?
Klar gibt es Grenzen. Medien, die die persönliche Integrität verletzen, darf jeder meiden. Aber Kritik, auch scharfe und ungerechte, ist niemals ein legitimer Grund fürs Wegducken. Schon richtig: Niemand gibt jedem zu jeder Zeit ein Interview. Aber eine Regierung ist schlecht beraten, wenn sie die Gesprächsanwälte des eigenen Volkes in Schafe und Böcke teilt.
> Peter Glotz ist Professor für Medien- und Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen.

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