Berner Plappermäulchen
Aufgefallen Zur Erreichung massenmedialer Präsenz scheint unseren Volksdienern zuweilen jedes Mittel recht. Im Fall Dosé selbst jenes der Vor- respektive Falschinformation. Ein Rückblick.
Kolumne Zur Erreichung massenmedialer Präsenz scheint unseren Volksdienern zuweilen jedes Mittel recht. Im Fall Dosé selbst jenes der Vor- respektive Falschinformation. Ein Rückblick.Am 7. März 2004 war es fast auf den Tag genau das zweite Mal, dass eine führende Schweizer Persönlichkeit über einen Artikel im SonntagsBlick stolperte. Im Frühling 2001 wurde der damalige Schweizer Botschafter in Berlin, Thomas Borer, von seinem Vorgesetzten, EDA-Vorsteher Bundesrat Josef Deiss, auf Grund eines SoBli-Berichts über eine angebliche Affäre zurückgepfiffen. Diesmal traf es den CEO der Swiss, André Dosé, dem sein Verwaltungsrat das Vertrauen entzog. Tags zuvor hatte das Blatt berichtet, gegen Dosé werde wegen des Absturzes einer Crossair-Maschine im November 2001 eine Untersuchung eingeleitet.Auch diesmal fielen die Schlagzeilen vor allem in Bern auf fruchtbaren Boden: Zeitungsberichten zufolge war es Peter Siegenthaler, Chef der Eidgenössischen Finanzverwaltung, der im Swiss-Verwaltungsrat jene Initiative ergriff, die schliesslich zu Dosés Abgang führte.
Dass Behörden und Politiker willfährige Werkzeuge der Medien sind, ist hinlänglich bekannt. Der Fall Dosé zeigte zudem in erschreckender Weise, wie es aus bundes- und nationalrätlichen Mündern unkontrolliert daherplappert, sobald sich ein Mikrofon oder eine Kamera in Griffnähe befindet.
So gab etwa CVP-Präsidentin Doris Leuthard dem «10vor10»-Reporter zu Protokoll, Dosés Abgang stehe im Zusammenhang «mit dem Unfall in Überlingen». (Dort waren 2003 zwei Flugzeuge zusammengestossen, was weder mit Crossair noch Swiss das Geringste zu tun hatte). Ihr SVP-Ratskollege Hans Kaufmann sprach derweil davon, dass «gegen Herrn Dosé ad personam Strafklage erhoben worden ist», obschon zum Zeitpunkt seiner Aussage noch nicht einmal sicher war, ob es zu einer Untersuchung kommt. (Eine Strafklage ist übrigens bis heute nicht eingereicht worden.) Und FDP-Bundesrat Hans-Rudolf Merz wagte gar die kühne Behauptung, das Ausscheiden des Swiss-CEO – mitten im Überlebenskampf seines Unternehmens – sei «ein guter Schritt».
Statt also, wie in solchen Fällen üblich, über den bösen Boulevard zu jammern, der erneut ein unschuldiges Opfer forderte, fragt man sich besser, wer hier die Täter sind. Die Medien, welche ein Thema aufs Tapet bringen und dabei unter Umständen professionelle Kompetenz und Distanz vermissen lassen? Oder aber die Politiker, die ohne genaue Sachkenntnis mit (vor)schnellen Äusserungen zur Stelle sind, bloss um einige Schlagzeilen oder Augenblicke vor der Kamera zu erhaschen? Im vorliegenden Fall scheint klar: Die Politiker haben den bei weitem grösseren Schaden angerichtet, weil sie ihre Glaubwürdigkeit ein weiteres Mal untergraben haben.
Dass sich Willfährigkeit gegenüber den Medien nicht auszahlt, hat inzwischen auch der Swiss-Verwaltungsrat erfahren. Was als Befreiungsschlag gedacht war, geriet zum Bumerang: Landauf, landab wurde das Aufsichtsorgan dafür gegeisselt, dass es ohne glaubwürdige Ersatzlösung überstürzt den Abgang des eigenen CEO ausgelöst hatte. Auf den Punkt brachte es die Neue Zürcher Zeitung mit der Feststellung: «Kurzschluss».
Ein Kurzschluss wäre indes auch, den Fall Dosé als Beweis dafür zu nehmen, dass der Einfluss der Medien auf Politik und Wirtschaft immer negativ sein muss. Die gegenwärtige Diskussion um exorbitante Managersaläre zeigt, dass auch das Gegenteil möglich ist. Wenn etwa die Credit Suisse Group bekannt gibt, künftig auf Saläranreize in Form von Optionen zu verzichten, dann zeigt sie, dass sie die Medien als Sensor
für das Befinden respektive den Unmut der Bevölkerung ernst nimmt.
Fazit: Der richtige Umgang mit den Medien ist eine Gratwanderung. Um sie zu bestehen, braucht es Urteilsvermögen und Rückgrat. Verwaltungsräte und Politiker, die dies vermissen lassen, werden von Tätern schnell zu Opfern der Medien. Selbst verschuldet.
Sacha Wigdorovits ist Chef der Zürcher Kommunikationsagentur Contract Media. Er hat André Dosé in der Startphase der Swiss und bei der Bekanntgabe seines Rücktritts kommunikativ unterstützt.
Dass Behörden und Politiker willfährige Werkzeuge der Medien sind, ist hinlänglich bekannt. Der Fall Dosé zeigte zudem in erschreckender Weise, wie es aus bundes- und nationalrätlichen Mündern unkontrolliert daherplappert, sobald sich ein Mikrofon oder eine Kamera in Griffnähe befindet.
So gab etwa CVP-Präsidentin Doris Leuthard dem «10vor10»-Reporter zu Protokoll, Dosés Abgang stehe im Zusammenhang «mit dem Unfall in Überlingen». (Dort waren 2003 zwei Flugzeuge zusammengestossen, was weder mit Crossair noch Swiss das Geringste zu tun hatte). Ihr SVP-Ratskollege Hans Kaufmann sprach derweil davon, dass «gegen Herrn Dosé ad personam Strafklage erhoben worden ist», obschon zum Zeitpunkt seiner Aussage noch nicht einmal sicher war, ob es zu einer Untersuchung kommt. (Eine Strafklage ist übrigens bis heute nicht eingereicht worden.) Und FDP-Bundesrat Hans-Rudolf Merz wagte gar die kühne Behauptung, das Ausscheiden des Swiss-CEO – mitten im Überlebenskampf seines Unternehmens – sei «ein guter Schritt».
Statt also, wie in solchen Fällen üblich, über den bösen Boulevard zu jammern, der erneut ein unschuldiges Opfer forderte, fragt man sich besser, wer hier die Täter sind. Die Medien, welche ein Thema aufs Tapet bringen und dabei unter Umständen professionelle Kompetenz und Distanz vermissen lassen? Oder aber die Politiker, die ohne genaue Sachkenntnis mit (vor)schnellen Äusserungen zur Stelle sind, bloss um einige Schlagzeilen oder Augenblicke vor der Kamera zu erhaschen? Im vorliegenden Fall scheint klar: Die Politiker haben den bei weitem grösseren Schaden angerichtet, weil sie ihre Glaubwürdigkeit ein weiteres Mal untergraben haben.
Dass sich Willfährigkeit gegenüber den Medien nicht auszahlt, hat inzwischen auch der Swiss-Verwaltungsrat erfahren. Was als Befreiungsschlag gedacht war, geriet zum Bumerang: Landauf, landab wurde das Aufsichtsorgan dafür gegeisselt, dass es ohne glaubwürdige Ersatzlösung überstürzt den Abgang des eigenen CEO ausgelöst hatte. Auf den Punkt brachte es die Neue Zürcher Zeitung mit der Feststellung: «Kurzschluss».
Ein Kurzschluss wäre indes auch, den Fall Dosé als Beweis dafür zu nehmen, dass der Einfluss der Medien auf Politik und Wirtschaft immer negativ sein muss. Die gegenwärtige Diskussion um exorbitante Managersaläre zeigt, dass auch das Gegenteil möglich ist. Wenn etwa die Credit Suisse Group bekannt gibt, künftig auf Saläranreize in Form von Optionen zu verzichten, dann zeigt sie, dass sie die Medien als Sensor
für das Befinden respektive den Unmut der Bevölkerung ernst nimmt.
Fazit: Der richtige Umgang mit den Medien ist eine Gratwanderung. Um sie zu bestehen, braucht es Urteilsvermögen und Rückgrat. Verwaltungsräte und Politiker, die dies vermissen lassen, werden von Tätern schnell zu Opfern der Medien. Selbst verschuldet.
Sacha Wigdorovits ist Chef der Zürcher Kommunikationsagentur Contract Media. Er hat André Dosé in der Startphase der Swiss und bei der Bekanntgabe seines Rücktritts kommunikativ unterstützt.
