Emanzipierte Konsumenten

Oliver Classen über die positiven Aspekte des Beschwerdebooms.

Oliver Classen über die positiven Aspekte des Beschwerdebooms.
Die beiden Selbstkontrollorgane der Schweizer Medienwirtschaft ächzen unter «einer kaum mehr bewältigbaren Arbeitslast»: Die Lauterkeitskommission als auch der Presserat konstatierten jüngst eine veritable Klagelust der Werbe- und Zeitungskonsumenten – das ist der Preis der öffentlichen Aufmerksamkeit, den die beiden Organe gesucht haben. Diese lässt die Weltwoche besorgt nach der «Verluderung» unseres (Thesen-)Journalismus fragen. Und die NZZ mutmasst, dass der in Anzeigen wie Artikeln immer aufdringlicher geführte Aufmerksamkeitskampf die Medienkonsumenten gereizter werden lässt.
Beide Deutungen tönen plausibel, greifen jedoch zu kurz und führen zudem auf eine falsche, kulturpessimistische Fährte. Reflexartige Variationen des Branchen-Mantras «Qualitätsverfall» tauchen die neue Protestbereitschaft in düsteren Nebel statt ins klärende Licht der Gegenwart. Eine deren zentraler Entwicklungen und Errungenschaften ist bekanntlich die – durchs Internet mit seiner Transparenz und Interaktivität katalysierte – Machtergreifung von Kunden und Käufern.
Dieses neue Selbstbewusstsein macht vor dem Konsum von Printprodukten und der sie finanzierenden Werbung offenkundig nicht Halt. Und das ist gut so. Denn kritische, engagierte und wehrhafte Leserinnen und Leser, die sich nicht mehr jede Provokation und Spekulation bieten lassen, sind für unser schnell und zuweilen hohl drehendes Mediensystem ein wirksames, wertvolles Korrektiv. Wer motzt, denkt mit – und ist mittelfristig vielleicht bereit, für faire und kompetente Informationsware etwas mehr auszugeben.
Profitieren von einem solchen Trend zum «ethischen Medienkonsum» könnte etwa die von Presserat und Lauterkeitskommission noch nie gerügte WochenZeitung. Dass deren weisse Weste, wie Kurt W. Zimmermann in der Weltwoche suggeriert, das Resultat redaktioneller Zahm- respektive Lahmheit ist, darf jedenfalls getrost ausgeschlossen werden.
> Oliver Classen, Redaktor

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