Explosives Mediengemisch
Aufgefallen Mit «Infomercials» und «Advertainment» diskreditierte sich die Branche bislang nur selbst. «Infoganda» hingegen könnte unser gesamtes demokratisches Politsystem ins Wanken bringen.
Kolumne Mit «Infomercials» und «Advertainment» diskreditierte sich die Branche bislang nur selbst. «Infoganda» hingegen könnte unser gesamtes demokratisches Politsystem ins Wanken bringen.Kürzlich erhielt ich einen besorgten Brief von der Verkaufsleitung eines angesehenen grossen deutschen Mediums über die immer pestilenzartiger um sich greifende Vermischung redaktioneller Inhalte mit Werbung und PR. Überraschenderweise sorgen sich die kundigen Praktiker kommerzieller Kommunikation nicht nur ums eigene Metier; sie zerbrechen sich auch den Kopf ihrer journalistischen Kollegen. Und das zu Recht, denn die Lage ist in der Tat alarmierend.Zum einen weisen die Schreiber auf eine technische Entwicklung hin, die bisher selten diskutiert wurde. Mit Hilfe von Festplattenrecordern werden die Fernsehzuschauer bald schon Werbeblöcke nach Belieben ausblenden können. Die Folge werde sein, so die Kollegen, dass sich «die Auftraggeber beziehungsweise deren Agenturen auf das Drehbuchschreiben und die Übernahme der Regiestühle einrichten werden». Wenn Werbung, eingefriedet in Blöcke, nicht mehr zur Kenntnis genommen werde, muss man eben Werbung in die Inhalte selbst einsenken.
Solange es nur darum geht, welche Automarke die Helden der gesendeten Seelendramen fahren, mag einem das ja egal sein. Wenn aber in naher Zukunft auch Reportagen von Sponsoren finanziert werden, geht jegliche Objektivität flöten. Nicht nur die finanziell schwächeren Special-Interest-Kanäle fragen heute schon bei jedem neuen Sendekonzept: «Und wer bezahlt die Filme?»
Wäre es akzeptabel, wenn die Berichterstattung über die Gesundheitsreform von der Pharmaindustrie, Dokumentationsfilme über Windräder von Greenpeace und Reportagen aus Afghanistan von Agenturen des Pentagon finanziert würden? Das aber genau ist die akute Gefahr für die grundlegendste aller publizistischen Ressourcen, genannt Glaubwürdigkeit. Entsprechend geraten auch öffentlich-rechtliche Fernsehsender mit unschöner Regelmässigkeit in den Ruch unlauteren Sponsorings in Form von Product Placement und anderen Schleichwerbemethoden.
Dass Auto- und Gastronomiekritiker mit ihren Testobjekten gelegentlich – aber nicht immer – allzu eng verbandelt sind, daran haben wir uns inzwischen leider gewöhnt. Was aber, wenn die allgegenwärtige und stetig wachsende PR-Industrie zunehmend die für Demokratien existenziellen politischen Informationsprozesse manipuliert? Die amerikanische Agentur Rudder-Finn jedenfalls hat nach eigenen Aussagen propagandistische Glanzleistungen für Bosniens Ex-Präsidenten Izetbegovic erbracht. Auch die serbischen und kroatischen Staatsoberhäupter waren bestens beraten. Und die amerikanische Regierung beschäftigt heute so viele Agenturprofis, dass deren Zahl die der Washingtoner Korrespondenten übersteigt. Was, wenn regierungsnahe Sender (auch) aus Kostengründen bald vor allem die vorgefertigten Videopakete von Agenturen senden? Als «Infoganda» mit erstklassigem Bildmaterial?
Ausserdem schreiben meine Gewährsleute: «Wir machen neuerdings die Erfahrung, dass manche Marketingleiter von deutschen Bluechip-Firmen klassische Werbung für obsolet erklären und von allen Medien unterschiedslos ‹Kooperation› einfordern.» Soll heissen: Die übliche, bislang auch einigermassen unschädliche und kaum ersetzbare Finanzierung von Medien über Werbung gerät in Gefahr, den freien Fluss kritischer Kommunikation zu unterdrücken. Wenn dieser Entwicklung nicht schnell und entschlossen Einhalt geboten wird, dann gnade uns der Marktgott. Denn letztlich werden wohl nur kritische Medienkonsumenten die Korrumpierung der vierten Macht im Staate verhindern können.
> Peter Glotz ist Professor für Medien- und Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen und SonntagsBlick-Kolumnist.
Solange es nur darum geht, welche Automarke die Helden der gesendeten Seelendramen fahren, mag einem das ja egal sein. Wenn aber in naher Zukunft auch Reportagen von Sponsoren finanziert werden, geht jegliche Objektivität flöten. Nicht nur die finanziell schwächeren Special-Interest-Kanäle fragen heute schon bei jedem neuen Sendekonzept: «Und wer bezahlt die Filme?»
Wäre es akzeptabel, wenn die Berichterstattung über die Gesundheitsreform von der Pharmaindustrie, Dokumentationsfilme über Windräder von Greenpeace und Reportagen aus Afghanistan von Agenturen des Pentagon finanziert würden? Das aber genau ist die akute Gefahr für die grundlegendste aller publizistischen Ressourcen, genannt Glaubwürdigkeit. Entsprechend geraten auch öffentlich-rechtliche Fernsehsender mit unschöner Regelmässigkeit in den Ruch unlauteren Sponsorings in Form von Product Placement und anderen Schleichwerbemethoden.
Dass Auto- und Gastronomiekritiker mit ihren Testobjekten gelegentlich – aber nicht immer – allzu eng verbandelt sind, daran haben wir uns inzwischen leider gewöhnt. Was aber, wenn die allgegenwärtige und stetig wachsende PR-Industrie zunehmend die für Demokratien existenziellen politischen Informationsprozesse manipuliert? Die amerikanische Agentur Rudder-Finn jedenfalls hat nach eigenen Aussagen propagandistische Glanzleistungen für Bosniens Ex-Präsidenten Izetbegovic erbracht. Auch die serbischen und kroatischen Staatsoberhäupter waren bestens beraten. Und die amerikanische Regierung beschäftigt heute so viele Agenturprofis, dass deren Zahl die der Washingtoner Korrespondenten übersteigt. Was, wenn regierungsnahe Sender (auch) aus Kostengründen bald vor allem die vorgefertigten Videopakete von Agenturen senden? Als «Infoganda» mit erstklassigem Bildmaterial?
Ausserdem schreiben meine Gewährsleute: «Wir machen neuerdings die Erfahrung, dass manche Marketingleiter von deutschen Bluechip-Firmen klassische Werbung für obsolet erklären und von allen Medien unterschiedslos ‹Kooperation› einfordern.» Soll heissen: Die übliche, bislang auch einigermassen unschädliche und kaum ersetzbare Finanzierung von Medien über Werbung gerät in Gefahr, den freien Fluss kritischer Kommunikation zu unterdrücken. Wenn dieser Entwicklung nicht schnell und entschlossen Einhalt geboten wird, dann gnade uns der Marktgott. Denn letztlich werden wohl nur kritische Medienkonsumenten die Korrumpierung der vierten Macht im Staate verhindern können.
> Peter Glotz ist Professor für Medien- und Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen und SonntagsBlick-Kolumnist.
