Hirnverbranntes Vorhaben

Gastkommentar von Roger de Diesbach

Gastkommentar von Roger de DiesbachJetzt reicht’s! Erfolgreiche Zeitungen wie «Le Nouvelliste du Valais» oder «La Liberté» in Freiburg, die ihre Auflage steigern, stellen fest, dass der Wettbewerb immer unfairer wird. Sie sind regelmässig mit Hindernissen konfrontiert, die fatal an Rückenschüsse erinnern.Diese Tageszeitungen mussten soeben in den harten Verhandlungen mit der Post Einbussen hinnehmen (früherer Abschluss, massive Erhöhung der Transportkosten). Und genau diesen Augenblick wählt die Wemf, um die den Zeitungen zugeteilten Wirtschaftsgebiete neu zu gliedern. Dabei sind diese entscheidend für den Anzeigenmarkt. Wenn etwa eine grosse Zürcher Werbeagentur die Regionen Freiburg und Lausanne erreichen will, wird sie in der dort am häufigsten gelesenen Zeitung inserieren. Die neue Karte der Wemf amputiert jedoch die Wirtschaftsgebiete der «Liberté» (15) um die Gebiete der Freiburger und Waadtländer Broye sowie der Region Veveyse mit insgesamt 26000 Haushalten; jene des «Nouvelliste» (16) um das Chablais mit 16000 Haushalten. Andere Regionalzeitungen wie der «Quotidien jurassien», die «Südostschweiz» und die «Mittelland Zeitung» werden ebenfalls benachteiligt.
Das Vorgehen und das vorgeschlagene Vorhaben sind hirnrissig. In unseren Regionen sind alle befragten politischen Verantwortlichen schockiert über dieses «Hundstage-Projekt», während seine Urheber behaupten, ihre Schlüsse beruhten auf den Aussagen von 2441 Gemeindepräsidenten.
Der Plan der Wemf reduziert die Einflusszonen des «Nouvelliste» und der «Liberté» gravierend, was den echten Stellenwert dieser Zeitungen verfälscht und ihren Anzeigenmarkt dramatisch schrumpfen lässt. Es war schon bisher schwierig, in Zürich klarzumachen, dass die Westschweiz nicht nur aus dem Lémanbogen von Genf bis Lausanne besteht. Mit der vorgesehenen Amputation werden wir vollends zu «Quantités négligeables», die von den grossen Schweizer Inserenten bedenkenlos übergangen werden.
Noch schlimmer: Indem das Vorhaben dem Wirtschaftsgebiet Lausanne zuweist, was es Freiburg und dem Wallis wegnimmt, schneidert sie der vom Edipresse-Konzern geplanten «grossen Waadtländer Tageszeitung» einen Massanzug. Eine verhüllte Attacke von Edipresse, um die letzten unabhängigen Zeitungen zu bodigen? Das wollen wir nicht unterstellen. Aber wir stellen fest, dass der Zufall dem Giganten der Westschweizer Presselandschaft den roten Teppich ausrollt und dass im letztlich entscheidenden Verwaltungsrat der Wemf der Edipresse-Vertreter neben Freunden der grossen Pressegruppen sitzt. Elefanten können sich hier leicht einen Dienst erweisen, da kein einziger Repräsentant der Regionalpresse in diesem erlauchten Rat Einsitz hat.
Wir lehnen diese Vorhaben, das die Chancengleichheit zwischen den Zeitungen kaputtmacht, aufs Schärfste ab. Wir fordern, dass die Leser und Inserenten die Schiedsrichter über Erfolg oder Misserfolg der Zeitungen bleiben.
> Roger de Diesbach ist Chefredaktor von La Liberté.

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