Das Europa-Experiment

Beilagen Als neues Tabloid-Supplement will die New York Times die alte Welt erobern. Der TA möchte mit ins Boot.

Beilagen Als neues Tabloid-Supplement will die New York Times die alte Welt erobern. Der TA möchte mit ins Boot.Vergangenen Montag erschien die Süddeutsche Zeitung (SZ) zum dritten Mal mit dem kleinformatigen, 16-seitigen «International Weekly» der New York Times. Die Themenauswahl für das in die Ressorts «World Trends», «Americana», «Business» und «Arts» unterteilte Digest besorgen die Münchner und New Yorker Chefredaktionen gemeinsam. Glaubt man SZ-CEO Klaus Josef Lutz, konnte die grösste deutsche Qualitätstageszeitung dieses «Added Value für Leser und Inserenten» (Selbstdeklaration) bereits kostenneutral produzieren.
Dazu reichte offenbar die 20-Prozent-Beteiligung an zwei halbseitigen, je 80000 Euro teuren Anzeigen. Die restlichen vier Fünftel flossen zu gleichen Teilen an die Zeitungen Le Monde, El Pais, La Repubblica und Daily Telegraph – die übrigen europäischen Kooperationspartner des US-Weltblatts.
Spätestens seit der Lancierung der «SZ-Bibliothek», von der nach zehn Wochen bemerkenswerte 60000 Stück verkauft sind, ist der im September 2002 von Unaxis geholte Sanierer Lutz bekannt für verlagsstrategischen Nonkonformismus. Seine Branchenfremdheit scheint dem Bayer mit Schweizer Wohnsitz dabei eher zum Vor- als zum Nachteil zu gereichen.
Scharf beobachtete InnovationenNicht nur die deutsche Konkurrenz, auch hiesige Zeitungshäuser beobachten Lutz’ Innovationen inzwischen mit Argusaugen. So liess Tages-Anzeiger-Verlagsleiterin Maili Wolf nach eigener Auskunft evaluieren, ob das Buchprojekt auf den Schweizer Markt übersetzbar wäre. Das für solche Pakete hier zu Lande doppelt so hohe Postporto führte jedoch zum vorzeitigen Abbruch der Übung.
Günstiger scheinen die Zeichen für ein hiesiges NYT-Supplement stehen. Wolf hält diese Idee jedenfalls für «sehr prüfenswert», zumal einer Einbeziehung der Schweiz in dieses paneuropäische Experiment während der bis Anfang August terminierten Testphase nichts entgegensteht (siehe Interview rechts). Und auch danach dürfte die SZ wohl nichts gegen eine paritätische Tagi-Beteiligung an dem grenzübergreifenden Modell haben – schliesslich arbeiten die Münchner im Anzeigen- und Distributionsbereich schon seit längerer Zeit mit den Zürchern zusammen.
NZZ hält sich vornehm zurückZudem teilen sich die beiden Blätter einige ihrer Korrespondenten – etwas, was die NZZ prinzipiell nicht tut. «Die exklusive Auslandsberichterstattung gehört zu unseren absoluten Kernkompetenzen», sagt denn auch deren Verlagsleiter Tobias Trevisan. Und fügt hinzu: «Deren Kompetenz würde durch so ein Supplement weniger ergänzt als in Frage gestellt.»
Deshalb habe die NZZ auch abgewunken, als sie von ihrer deutschen Vertriebs- und Anzeigenpartnerin Frankfurter Allgemeine Zeitung
anno 2000 eine Anfrage bezüglich deren damals noch täglich erscheinenden «English Edition» erhielt. Seit Mitte 2002 heisst das der International Herald Tribune beiliegende Heftchen zwar FAZ Weekly, ist dem Vernehmen nach aber trotzdem weiter hoch defizitär.
Derzeit eine von fünf: Das Weekly der New York Times wird auch über die SZ verteilt.

«Wir haben Risk-Sharing vereinbart»Der Geschäftsführer der Süddeutschen Zeitung, Klaus Josef Lutz, über «seine» New York Times.
WW Herr Lutz, von wem ging die Initiative für die Kooperation zwischen SZ und NYT aus?
Klaus Josef Lutz Die Idee für eine wöchentliche Beilage stammt von unseren amerikanischen Kollegen. Auf ihrer Suche nach kongenialen europäischen Verlagen fragten sie auch in München an. Da 2004 für die SZ ganz im Zeichen neuer Geschäftsideen steht, rannten sie offene Türen ein.
The New York Times International Weekly liegt fünf Zeitungen in fünf Ländern bei und soll sich über Inserate finanzieren. Existiert der dafür
nötige pan-europäische Anzeigenmarkt überhaupt?
Genau das wollen wir mit dem auf zwölf Wochen begrenzten Markttest herausfinden. Wie alle übrigen SZ-Beilagen muss sich auch diese selber tragen. Wenn wir also die in London oder Paris vergebenen Budgets nicht anknabbern können, wird nicht lange gefackelt. Ich gehe aber davon aus, dass uns das gemeinsam mit den Partnern gelingt.
Die erste Ausgabe war inseratefrei …
… weil die Akquisition noch nicht optimal funktionierte. In der zweiten Nummer hatten wir aber schon zwei Buchungen. Und für die nächsten siehts noch besser aus. Auf Leserseite stösst das neue Angebot jedenfalls auf breites Interesse. Das zeigen uns viele positive Rückmeldungen über die eigens dafür eingerichtete Hotline.
Wer kommt für die – bei einer Auflage von rund 500000 Exemplaren – nicht unerheblichen Papier- und Druckkosten auf?
Wie alle übrigen Teilnehmer an diesem Experiment haben auch wir ein Risk-Sharing mit der New York Times vereinbart.
Das Supplement erscheint im für NYT wie SZ ungewohnten Tabloid-Format.
Ja, wir wollen auch formal etwas Neues wagen. Unser Partner plante ursprünglich ein Broadsheet, aber wir nutzen die Gelegenheit für
einen weiteren Versuch. Dies vor allem im Hinblick auf eine neue Beilagenstrategie, die wir derzeit diskutieren. Das Hauptblatt wird davon jedoch nicht tangiert.
Erstrecken sich die in Ihrer Pressemitteilung reklamierten Exklusivrechte auch auf die Schweiz?Nein, die Schweiz wird im Vorvertrag nicht explizit erwähnt. Das dürfte in einem allfälligen Final-Agreement nach der Probephase allerdings anders aussehen.
Interview: Oliver Classen
Oliver Classen

More articles on the topic