Artikel gehen vor Anzeigen

Aufgefallen Der Tabloid-Hype birgt neben Chancen auch die Gefahr, redaktionelle Inhalte zu Werbe-Teasern zu degradieren. So würde sich die Branche jedoch ihr eigenes Grab schaufeln.

Kolumne Der Tabloid-Hype birgt neben Chancen auch die Gefahr, redaktionelle Inhalte zu Werbe-Teasern zu degradieren. So würde sich die Branche jedoch ihr eigenes Grab schaufeln.Als Brutstätte von Revolutionen ist die Schweiz eher selten im Gespräch. Und doch sind wir derzeit Augenzeugen eines Revolutiönchens, das zumindest für den deutschsprachigen Raum seinen Ursprung in Helvetien hat, sich seither gen Norden frisst und sich im übrigen Europa eher in der Gegenrichtung auszubreiten scheint.Die Mutigeren unter den in Bedrängnis geratenen Zeitungsverlegern setzen allerorten auf ein neues Format: «Small is beautiful», die Tabloids sind im Kommen. Unter einigen Blattmachern scheint sich obendrein – zum Teil durch Sparzwänge induziert – die Erkenntnis durchzusetzen, dass gerade anspruchsvolle Leser unter ständigem «Information Overload» leiden. Eine der Herausforderungen unserer Mediengesellschaft besteht folglich darin, das Wichtigste kurz und konzentriert, pointiert und handlich rüberzubringen. Aber eben nicht allzu verkürzt und weiterhin mit einem deutlichen Mehrwert an Tiefenschärfe und Hintergrund gegenüber TV und Radio, die ja europaweit leider eher darum wetteifern, die Informationsbedürfnisse von Analphabeten zu befriedigen.
Die Weltwoche hat gezeigt, dass eine Formatverkleinerung bei Premiumtiteln nicht automatisch auf Kleingeistigkeit schliessen lässt. Diesem Beispiel folgt in Deutschland dieser Tage Springers Welt-Kompakt. Obschon noch klassisches Broadsheet, ist aber auch die Financial Times Deutschland ein Beleg dafür, dass gerade Wirtschaftseliten bereit sind, für eine Zeitung, die oft noch nicht einmal den halben Umfang des direkten Wettbewerbers hat, fast denselben Preis zu bezahlen.
Denn weniger Zeitung kann durchaus mehr Nutzwert für den Leser bedeuten. In diesem bedeutsamen Punkt möchte ich meinem geschätzten Mit-Kolumnisten Heribert Seifert (WW 15/04) ausdrücklich widersprechen. Die Krise, mit der die Zeitungen noch ein Weilchen zu kämpfen haben werden, birgt also durchaus Chancen, auch den Journalismus neu zu erfinden: Es gibt die Marktnische für Hochwertiges und zugleich Hochkompaktes.
Im Rückblick fragt man sich ja schon, warum es so lange gedauert hat, bis Independent und Times, Dagens Nyheter und zuletzt sogar ein Boulevardblatt wie Blick umgestiegen sind – und weshalb die Berner Zeitung, die Frankfurter Rundschau und der Berliner Tagesspiegel bei ihrem Relaunch die Option, im Mini-Format ganz gross rauszukommen, noch nicht ausgeübt haben. Natürlich hat dies viel mit der werbetreibenden Wirtschaft zu tun, die sich um die Wirkung ihrer Anzeigen sorgt und auch weiterhin die üppigeren Gestaltungsmöglichkeiten des grossen Formats wünscht. Die Verleger sollten indes nicht vergessen, dass ihre Hauptkunden und -adressaten weder Agenturen noch Unternehmen, sondern wie eh und je die Leserinnen und Leser sind.
Ohne deren Bereitschaft, unter Aufwand von Zeit und – in den meisten Fällen nach wie vor auch – Geld Gedrucktes zu konsumieren, kommt nämlich kein einziger Werbefranken in die Verlagskasse. Verlegern wie Anzeigenkunden dürfte allerdings ein Zeitungskäufer lieber sein, der zufrieden in der U-Bahn oder im Flugzeug, aber auch am Strand oder auf dem Balkon in seinem Tabloid blättert, als einer, der das Broadsheet genervt weglegt, weil er den Nachbarn beim Umblättern behelligt oder weil es der Wind zerzaust. Denn nur wer seine Zeitung wirklich liest, wird auch die Werbung rezipieren.
PS: Auf ganz andere Weise Format gezeigt und zugleich den Journalismus revolutioniert hat dieser Tage die New York Times. Ihr Schuldeingeständnis auf der ersten Seite, dass sie in der Irak-Berichterstattung zu sehr der US-Regierung und einigen windigen arabischen Informanten vertraut habe, ist ein Meilenstein auf dem langen Weg, verspielte Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Auch solche Signale sollten in der Werbewirtschaft registriert und vielleicht ja auch mit Aufträgen honoriert werden, denn auf Dauer taugen nur glaubwürdige Medien als gute Werbeträger.
> Stephan Russ-Mohl ist Publizistikprofessor an der Universität Lugano.

More articles on the topic