PR-Pflotsch statt Songs
Gastkommentar Geklonte Musik und debile Wortbeiträge degradieren das Radio zum Abfallmedium, moniert Reini Weber im Vorfeld des Radio Day.
Gastkommentar Geklonte Musik und debile Wortbeiträge degradieren das Radio zum Abfallmedium, moniert Reini Weber im Vorfeld des Radio Day.Heute mache ich mir wieder Freunde, aber es ist reine Notwehr: Wir hören in unserer Agentur bloss noch Internetradio. Und es kommt noch dicker. Wolfram, unser famoser Texter und Elektrogitarrenspieler, hat sein Autoradio neuerdings von «DRS Einerlei» (DRS 3) auf DRS 2umprogrammiert, «um Brahms statt Schrott» zu hören. Und im Büro summt er zu «Radiostorm Classic Rock». ADSL sei Dank.
Der Urs Leierer gleich nebenan mag eh seit Jahren nur Sound, der «blue» ist und «Balls» hat und von einem Silberling kommt. Und so stapeln sich neben mir auf der Fensterbank (sie dürfen mitschreiben): Walter Trout (live), Eric Sardinas, Scott Henderson, Curtis Mayfield (live), Free (live), Buddy Guy, Joe Satriani, Donny Hathaway (live), Aretha Franklin (live), AC/DC (live), Eagles (live), Aerosmith (live), Maceo Parker, Jeff Beck, Ben Harper, David Bowie, Till Brönner, James Brown (live), India.Arie, das weisse Album der Beatles, Stevie Ray Vaughan (live), Zucchero, Dan-
ny Gatton, Nina Hagen, Billy Bob Thornton sowie ein halber Meter Neuerscheinungen, die Blue Balls Music halt so zugeschickt bekommt.
Was uns zugestossen ist? Um offen zu sein: Wir haben wohl zu
viel Radio gehört. Zur Erinnerung: Das sind diese geklonten Langweiler, die zwischen Wortbeiträgen («Skandal! Basler Drämmlifahrer bekommen zu kleine T-Shirts ausgeliefert!») oder Phone-Ins («Und was machsch du gäge diä Summerhitz?» – «I lige noch em Fiiraabig i d’Badi!» – «Genial, schpiiiiiizemässig!») kein Musikprogramm mehr verbreiten. Sondern ungefiltert PR der Musikindustrie. Das sind diese Sender mit
Quotencomputern an Stelle von Musikredaktoren, weshalb alle
den gleichen MAFO-Beat in den Äther scheissen: Girlie-Gezirpe, Schunkelrock und Britpop-Geschwuchtel. Lauter Hits. Aber kein einziger Song.
Und in einem solchen Umfeld, heisst es, sollen wir bitte schön Werbung machen. Würden Sie in der NZZ inserieren, wenn das Umfeld nicht mehr aus Journalismus, sondern in gewisser Weise ebenfalls aus Reklame bestünde? Wenn der Chefredaktor Stöhlker statt Bütler hiesse? Die Leserschaft der NZZ zu einer Mainstreambewegung verkommen wäre?
Ich habe 1000 Jahre vor Erfindung von MP3 einmal gelernt, dass «the Medium auch the Message» sei. Und dass man mit Profil mehr Profit macht, mit welchem man wiederum für mehr Profil sorgen kann. Bei Radiosendern und Plattenindustrie gelten offenbar andere Regeln. Und so schraubt man sich munter gegenseitig in den Sumpf der Beliebigkeit, des Schwachsinns und der zweistelligen Gewinnmargen – hinter der Null und dem Komma wohlverstanden.
Trotz allem. Schalten Sie gelegentlich das Radio ein. Hüpfen Sie ein wenig durch die Werbeblöcke. Sie werden leider unschwer erkennen können: Die Reklame ist bereits infiziert worden. Mega fair, oder? Scho.
> Reinhold Weber war in den 80er-Jahren Radio-Werbepionier und ist heute Inhaber vom (Werbe)Büro Reinhold.
Der Urs Leierer gleich nebenan mag eh seit Jahren nur Sound, der «blue» ist und «Balls» hat und von einem Silberling kommt. Und so stapeln sich neben mir auf der Fensterbank (sie dürfen mitschreiben): Walter Trout (live), Eric Sardinas, Scott Henderson, Curtis Mayfield (live), Free (live), Buddy Guy, Joe Satriani, Donny Hathaway (live), Aretha Franklin (live), AC/DC (live), Eagles (live), Aerosmith (live), Maceo Parker, Jeff Beck, Ben Harper, David Bowie, Till Brönner, James Brown (live), India.Arie, das weisse Album der Beatles, Stevie Ray Vaughan (live), Zucchero, Dan-
ny Gatton, Nina Hagen, Billy Bob Thornton sowie ein halber Meter Neuerscheinungen, die Blue Balls Music halt so zugeschickt bekommt.
Was uns zugestossen ist? Um offen zu sein: Wir haben wohl zu
viel Radio gehört. Zur Erinnerung: Das sind diese geklonten Langweiler, die zwischen Wortbeiträgen («Skandal! Basler Drämmlifahrer bekommen zu kleine T-Shirts ausgeliefert!») oder Phone-Ins («Und was machsch du gäge diä Summerhitz?» – «I lige noch em Fiiraabig i d’Badi!» – «Genial, schpiiiiiizemässig!») kein Musikprogramm mehr verbreiten. Sondern ungefiltert PR der Musikindustrie. Das sind diese Sender mit
Quotencomputern an Stelle von Musikredaktoren, weshalb alle
den gleichen MAFO-Beat in den Äther scheissen: Girlie-Gezirpe, Schunkelrock und Britpop-Geschwuchtel. Lauter Hits. Aber kein einziger Song.
Und in einem solchen Umfeld, heisst es, sollen wir bitte schön Werbung machen. Würden Sie in der NZZ inserieren, wenn das Umfeld nicht mehr aus Journalismus, sondern in gewisser Weise ebenfalls aus Reklame bestünde? Wenn der Chefredaktor Stöhlker statt Bütler hiesse? Die Leserschaft der NZZ zu einer Mainstreambewegung verkommen wäre?
Ich habe 1000 Jahre vor Erfindung von MP3 einmal gelernt, dass «the Medium auch the Message» sei. Und dass man mit Profil mehr Profit macht, mit welchem man wiederum für mehr Profil sorgen kann. Bei Radiosendern und Plattenindustrie gelten offenbar andere Regeln. Und so schraubt man sich munter gegenseitig in den Sumpf der Beliebigkeit, des Schwachsinns und der zweistelligen Gewinnmargen – hinter der Null und dem Komma wohlverstanden.
Trotz allem. Schalten Sie gelegentlich das Radio ein. Hüpfen Sie ein wenig durch die Werbeblöcke. Sie werden leider unschwer erkennen können: Die Reklame ist bereits infiziert worden. Mega fair, oder? Scho.
> Reinhold Weber war in den 80er-Jahren Radio-Werbepionier und ist heute Inhaber vom (Werbe)Büro Reinhold.
