Poleposition beim Run auf Zapper
Privatfernsehen Cablecom hat beim Bakom ein Konzessionsgesuch für einen eigenen TV-Sender eingereicht.
Privatfernsehen Cablecom hat beim Bakom ein Konzessionsgesuch für einen eigenen TV-Sender eingereicht.Der Kabelnetzbetreiber will in Zukunft selber Fernsehen machen. Die Cablecom GmbH hat am 14. Juli ein Konzessionsgesuch für ein sprachregionales TV-Programm ein-gereicht. Es geht dabei «um den Ausbau des eigenen Infokanals mit Beiträgen, die im Rahmen der Weiterverbreitungskonzession nicht mehr abgedeckt sind und eine TV-Konzession voraussetzen», schreibt das Bakom in einem Rundbrief zur Anhörung des neuen Gesuchs.Die neue Konzession soll für einen «sprachregionalen Informationskanal» genutzt werden können. Im Konzept der Cablecom ist dabei zu lesen, dass der Kabelnetzbetreiber auf seinem bisherigen Infokanal nicht mehr nur Cablecom relevante Hinweise wie bisher, sondern auch weiterführende Themen zu Gesellschaft, Tourismus, Wetter, Freizeit und Sport verbreiten darf. Der heisse Nebensatz dabei lautet: «Es soll die Möglichkeit bestehen, gesponserte und werbeunterstützte Inhalte verbreiten zu können.»
Mit anderen Worten: Die Cablecom will nicht mehr nur die Programme der anderen verbreiten, sondern selber aktiv in den TV-Markt einsteigen. Was die Konkurrenz dabei beunruhigt, ist natürlich die Poleposition des Netzbetreibers beim Rennen um die Gunst der Zapper.
Kanal 3 oder 30
Bisher war der Infokanal weit hinten unter «ferner liefen» programmiert. Wird der neu aufgewertete Kanal jetzt nach vorne eingewechselt? Welchen der kleineren Privatsender wird er von dort verdrängen? Beunruhigt zeigt sich zum Beispiel Dominik Kaiser, Präsident des Verwaltungsrates von Elevator TV. Dieses Unternehmen hat beim Bakom ein Konzessionsgesuch für die Veranstaltung eines sprachregionalen Jugendfernsehprogramms hängig. Die Cablecom verweigert bisher – wie auch in anderen Fällen von privaten Veranstaltern – die Verbreitung über ihr Kabelnetz und macht geltend, dieses verfüge über keinen Platz für die analoge Verbreitung weiterer Fernsehprogramme.
Wenig glücklich über das Konzessionsgesuch der Cablecom ist auch Paul Grau. Sein Star TV profitiert mit deutlich besseren Zuschauerwerten, seit es den bisherigen Programmplatz von TV 3 in den vordersten Rängen der Zappskala beerben konnte. Wird das so bleiben?
Keine leichte Aufgabe bildet die Anhörung des Bakom für Walter Bosch. Der umtriebige Unternehmer und Medienmann ist nämlich gleichzeitig Verwaltungsrat und Teilhaber bei Star TV sowie im Verwaltungsrat der Cablecom. Gemäss RTVG kann die Konzession für ein TV-Programm nur an
Bewerber mit Sitz in der Schweiz erteilt werden. Die Gesellschafterin der Cablecom GmbH ist die Cablecom Luxembourg mit Sitz in Luxembourg.
Dieses Unternehmen seinerseits hat die CCom Holdings in Gibraltar zur Gesellschafterin, die wiederum eine Tochtergesellschaft der Cablecom Holdings AG ist. Der neue Konzessionssteller ist demnach «schweizerisch beherrscht», wie die Cablecom in ihrem Gesuch geltend macht. Gemäss anderer Sichtweise haben bei der Cablecom U.S.-Investoren das Sagen.
Erste Programmvorschau
Das Zuschauerpotenzial des neuen Senders wird auf 1,1 Millionen
Franken geschätzt. Die geplanten neuen Inhalte sind zum Beispiel Tourismusinformationen mit bezahlten Präsentationen von Ausflugszielen, Hotels und «Sonderangeboten». Über eine «Partnerschaft mit Veranstaltern» können Konzerthinweise platziert werden. Am interessantesten – weil inhaltlich völlig offen – steht im Gesuch, dass der neue Sender Kooperationen mit Programmanbietern eingehen kann und damit auch «neue TV-Formate» anbieten will.
Das Programm wird aufgeschlüsselt in 70 Prozent Informationen, davon sind 60 Prozent Eigenleistung und 10 Prozent Kultur. Sie sollen mit 30 Prozent Eigenleistung bewältigt werden. Für die Unterhaltung sind 20 Prozent des Programms mit 10 Prozent Eigenleistung eingeplant.
Die Stellungnahmen in der Anhörung zum TV-Konzessionsgesuch der Cablecom muss bis zum 3. September 2004 an das Bakom zurückgeschickt werden.
Swisscom goes TVUnter dem Motto «What TV can be» steigt auch die Swisscom-Tochter Bluewin ins Fernsehbusiness ein und wird so – wie Cablecom – zur Mitspielerin im digitalen «Triple Play» (Telefon, Internet und TV über denselben Kanal und Anbieter). Dies jedoch nicht als zusätzliche Programmanbieterin, sondern als reiner «TV-Content-Aggregator» und «Video-Service-Provider». In einem von September bis Dezember 2004 dauernden Marktversuch testet «Bluewin TV» dazu als weltweit erster Internet-Provider das Potenzial der von Microsoft entwickelten «Internet Protocol Television Technology» (IPTV).
Den 630 repräsentativ ausgewählten Teilnehmern bringt «Bluewin TV» via Telefonkabel in diesem ersten Schritt neben den 4 SRG-Sendern, 21 weiteren Free-TV-Stationen sowie 5 Pay-TV-Anbietern auch Video on demand ins Haus. Die dazu nötige Settopbox bietet neben einem Electronic Program Guide (EPG) auch die Möglichkeit, per «Live Pause»-Taste Werbeblöcke zu überspringen. Diese Funktion sei bei den Sendern «weniger auf Ablehnung als auf Neugier gestossen», so Projektleiter Michael Zumsteg. Denn umgekehrt eröffne IPTV völlig neue Wege für «die interaktive, punktgenaue und entsprechend effiziente TV-Werbung der Zukunft». (oc)
Cablecom will nicht mehr nur die Programme der anderen verbreiten, sondern selber aktiv TV machen.
Auch Bluewin will im TV-Business mitmischen.
«Beide bleiben Distributeure»Triple Play Medienberater Andreas Hürlimann* über die Motivationen und Optionen von Swisscom und Cablecom.
WW Herr Hürlimann, handelt es sich beim Kopf-an-Kopf-Rennen im TV-Geschäft zwischen Cablecom und Swisscom um einen reinen
Infrastruktur-Wettbewerb?
Andreas Hürlimann Dem ist so. Dass derzeit in der Öffentlichkeit ein anderer Eindruck entstehen kann, liegt daran, dass die Schweiz mit ihrer sehr hohen Breitband-Durchdringungsrate von über 20 Prozent ein idealer Testmarkt für Triple Player ist, die Telefonie, Internet und TV aus einer Hand anbieten. Begünstigend wirkt auch das europaweit tiefste Preisniveau für Breitband-Internet-Anschlüsse. Selbst wenn Cablecom Schritte in Richtung eigenes Programm plant und Swisscom mit The 13th Street, SciFi und National Geographic erste Broadcast-Rechte erworben hat: Beide Unternehmen bleiben letztlich Distributeure.
Die bestehenden Schweizer TV-Marktteilnehmer brauchen also keine neue Konkurrenz zu fürchten.
Jeder Infrastruktur-Betreiber hegt Wunschvorstellungen, eines fernen Tages auch mit eigenen Inhalten und Programmen Geld zu verdienen. Die Wirklichkeit bestimmen aber die Rechteinhaber in Hollywood, München und anderswo. Und die wollen die Übertragung ihrer Premium-Inhalte unter Kontrolle behalten. Der kleine Schweizer Markt lässt allenfalls zwei, drei Nischenansätze zu, mehr nicht.
Wenn nicht um Rentabilität, worum geht es für Swisscom und Cablecom beim Triple Play dann? Um Prestige oder Kundenbindung?Das mag beides eine gewisse Rolle spielen. Wichtiger ist aber, dass Swisscom in ihrem Heimmarkt einzig durch solche Geschäftsfelderweiterungen noch zulegen könnte. Und Cablecoms Eintritt in den hier zu Lande relativ hochpreisigen Telefoniemarkt hängt sicher mit den Wachstumserwartungen der Investoren zusammen.
Welche Erwartungen darf die Werbewirtschaft an die neuen Mitspieler und ihre Produkte haben?Für Auftraggeber und deren Agenturen sind digitale Innovationen wie zeitversetztes Fernsehen und Personal Video Recording ein äusserst zweischneidiges Schwert. Die neue Technologie ermöglicht nämlich nicht nur das Ausblenden von Unterbrecher- und Scharnierwerbeblocks, sondern auch interaktive Werbeformen und genaue Zielgruppenkommunikation. Denn rein technisch könnte der Konsument per IPTV nicht nur seine Programme, sondern auch Produktinteressen selektionieren. Ob die Schweizer Werbewirtschaft diese neuen Dienste deshalb unterstützt oder aber Kannibalisierungsängste die Oberhand behalten, bleibt abzuwarten.
Sicher scheint hingegen, dass die hängige RTVG-Revision dieser Entwicklung bereits heute meilenweit hinterherhinkt.
Völlig richtig. Meines Erachtens bräuchten wir statt dieses Flickwerks erstens ein nüchternes Infrastrukturgesetz – im Sinne einer Erweiterung vom Fernmeldegesetz in alle relevanten Bereiche – und zweitens ein allgemeines Mediengesetz mit separatem SRG-Anhang. Alles andere läuft an den technologischen Entwicklungen und am Markt vorbei. Interview: Oliver Classen
*Andreas Hürlimann ist Partner und Global Head of Telecommunications, IT and Media bei Arthur D. Little in Zürich.
Andreas Panzeri
Mit anderen Worten: Die Cablecom will nicht mehr nur die Programme der anderen verbreiten, sondern selber aktiv in den TV-Markt einsteigen. Was die Konkurrenz dabei beunruhigt, ist natürlich die Poleposition des Netzbetreibers beim Rennen um die Gunst der Zapper.
Kanal 3 oder 30
Bisher war der Infokanal weit hinten unter «ferner liefen» programmiert. Wird der neu aufgewertete Kanal jetzt nach vorne eingewechselt? Welchen der kleineren Privatsender wird er von dort verdrängen? Beunruhigt zeigt sich zum Beispiel Dominik Kaiser, Präsident des Verwaltungsrates von Elevator TV. Dieses Unternehmen hat beim Bakom ein Konzessionsgesuch für die Veranstaltung eines sprachregionalen Jugendfernsehprogramms hängig. Die Cablecom verweigert bisher – wie auch in anderen Fällen von privaten Veranstaltern – die Verbreitung über ihr Kabelnetz und macht geltend, dieses verfüge über keinen Platz für die analoge Verbreitung weiterer Fernsehprogramme.
Wenig glücklich über das Konzessionsgesuch der Cablecom ist auch Paul Grau. Sein Star TV profitiert mit deutlich besseren Zuschauerwerten, seit es den bisherigen Programmplatz von TV 3 in den vordersten Rängen der Zappskala beerben konnte. Wird das so bleiben?
Keine leichte Aufgabe bildet die Anhörung des Bakom für Walter Bosch. Der umtriebige Unternehmer und Medienmann ist nämlich gleichzeitig Verwaltungsrat und Teilhaber bei Star TV sowie im Verwaltungsrat der Cablecom. Gemäss RTVG kann die Konzession für ein TV-Programm nur an
Bewerber mit Sitz in der Schweiz erteilt werden. Die Gesellschafterin der Cablecom GmbH ist die Cablecom Luxembourg mit Sitz in Luxembourg.
Dieses Unternehmen seinerseits hat die CCom Holdings in Gibraltar zur Gesellschafterin, die wiederum eine Tochtergesellschaft der Cablecom Holdings AG ist. Der neue Konzessionssteller ist demnach «schweizerisch beherrscht», wie die Cablecom in ihrem Gesuch geltend macht. Gemäss anderer Sichtweise haben bei der Cablecom U.S.-Investoren das Sagen.
Erste Programmvorschau
Das Zuschauerpotenzial des neuen Senders wird auf 1,1 Millionen
Franken geschätzt. Die geplanten neuen Inhalte sind zum Beispiel Tourismusinformationen mit bezahlten Präsentationen von Ausflugszielen, Hotels und «Sonderangeboten». Über eine «Partnerschaft mit Veranstaltern» können Konzerthinweise platziert werden. Am interessantesten – weil inhaltlich völlig offen – steht im Gesuch, dass der neue Sender Kooperationen mit Programmanbietern eingehen kann und damit auch «neue TV-Formate» anbieten will.
Das Programm wird aufgeschlüsselt in 70 Prozent Informationen, davon sind 60 Prozent Eigenleistung und 10 Prozent Kultur. Sie sollen mit 30 Prozent Eigenleistung bewältigt werden. Für die Unterhaltung sind 20 Prozent des Programms mit 10 Prozent Eigenleistung eingeplant.
Die Stellungnahmen in der Anhörung zum TV-Konzessionsgesuch der Cablecom muss bis zum 3. September 2004 an das Bakom zurückgeschickt werden.
Swisscom goes TVUnter dem Motto «What TV can be» steigt auch die Swisscom-Tochter Bluewin ins Fernsehbusiness ein und wird so – wie Cablecom – zur Mitspielerin im digitalen «Triple Play» (Telefon, Internet und TV über denselben Kanal und Anbieter). Dies jedoch nicht als zusätzliche Programmanbieterin, sondern als reiner «TV-Content-Aggregator» und «Video-Service-Provider». In einem von September bis Dezember 2004 dauernden Marktversuch testet «Bluewin TV» dazu als weltweit erster Internet-Provider das Potenzial der von Microsoft entwickelten «Internet Protocol Television Technology» (IPTV).
Den 630 repräsentativ ausgewählten Teilnehmern bringt «Bluewin TV» via Telefonkabel in diesem ersten Schritt neben den 4 SRG-Sendern, 21 weiteren Free-TV-Stationen sowie 5 Pay-TV-Anbietern auch Video on demand ins Haus. Die dazu nötige Settopbox bietet neben einem Electronic Program Guide (EPG) auch die Möglichkeit, per «Live Pause»-Taste Werbeblöcke zu überspringen. Diese Funktion sei bei den Sendern «weniger auf Ablehnung als auf Neugier gestossen», so Projektleiter Michael Zumsteg. Denn umgekehrt eröffne IPTV völlig neue Wege für «die interaktive, punktgenaue und entsprechend effiziente TV-Werbung der Zukunft». (oc)
Cablecom will nicht mehr nur die Programme der anderen verbreiten, sondern selber aktiv TV machen.
Auch Bluewin will im TV-Business mitmischen.
«Beide bleiben Distributeure»Triple Play Medienberater Andreas Hürlimann* über die Motivationen und Optionen von Swisscom und Cablecom.
WW Herr Hürlimann, handelt es sich beim Kopf-an-Kopf-Rennen im TV-Geschäft zwischen Cablecom und Swisscom um einen reinen
Infrastruktur-Wettbewerb?
Andreas Hürlimann Dem ist so. Dass derzeit in der Öffentlichkeit ein anderer Eindruck entstehen kann, liegt daran, dass die Schweiz mit ihrer sehr hohen Breitband-Durchdringungsrate von über 20 Prozent ein idealer Testmarkt für Triple Player ist, die Telefonie, Internet und TV aus einer Hand anbieten. Begünstigend wirkt auch das europaweit tiefste Preisniveau für Breitband-Internet-Anschlüsse. Selbst wenn Cablecom Schritte in Richtung eigenes Programm plant und Swisscom mit The 13th Street, SciFi und National Geographic erste Broadcast-Rechte erworben hat: Beide Unternehmen bleiben letztlich Distributeure.
Die bestehenden Schweizer TV-Marktteilnehmer brauchen also keine neue Konkurrenz zu fürchten.
Jeder Infrastruktur-Betreiber hegt Wunschvorstellungen, eines fernen Tages auch mit eigenen Inhalten und Programmen Geld zu verdienen. Die Wirklichkeit bestimmen aber die Rechteinhaber in Hollywood, München und anderswo. Und die wollen die Übertragung ihrer Premium-Inhalte unter Kontrolle behalten. Der kleine Schweizer Markt lässt allenfalls zwei, drei Nischenansätze zu, mehr nicht.
Wenn nicht um Rentabilität, worum geht es für Swisscom und Cablecom beim Triple Play dann? Um Prestige oder Kundenbindung?Das mag beides eine gewisse Rolle spielen. Wichtiger ist aber, dass Swisscom in ihrem Heimmarkt einzig durch solche Geschäftsfelderweiterungen noch zulegen könnte. Und Cablecoms Eintritt in den hier zu Lande relativ hochpreisigen Telefoniemarkt hängt sicher mit den Wachstumserwartungen der Investoren zusammen.
Welche Erwartungen darf die Werbewirtschaft an die neuen Mitspieler und ihre Produkte haben?Für Auftraggeber und deren Agenturen sind digitale Innovationen wie zeitversetztes Fernsehen und Personal Video Recording ein äusserst zweischneidiges Schwert. Die neue Technologie ermöglicht nämlich nicht nur das Ausblenden von Unterbrecher- und Scharnierwerbeblocks, sondern auch interaktive Werbeformen und genaue Zielgruppenkommunikation. Denn rein technisch könnte der Konsument per IPTV nicht nur seine Programme, sondern auch Produktinteressen selektionieren. Ob die Schweizer Werbewirtschaft diese neuen Dienste deshalb unterstützt oder aber Kannibalisierungsängste die Oberhand behalten, bleibt abzuwarten.
Sicher scheint hingegen, dass die hängige RTVG-Revision dieser Entwicklung bereits heute meilenweit hinterherhinkt.
Völlig richtig. Meines Erachtens bräuchten wir statt dieses Flickwerks erstens ein nüchternes Infrastrukturgesetz – im Sinne einer Erweiterung vom Fernmeldegesetz in alle relevanten Bereiche – und zweitens ein allgemeines Mediengesetz mit separatem SRG-Anhang. Alles andere läuft an den technologischen Entwicklungen und am Markt vorbei. Interview: Oliver Classen
*Andreas Hürlimann ist Partner und Global Head of Telecommunications, IT and Media bei Arthur D. Little in Zürich.
Andreas Panzeri
