Die Banalität des Fernsehfaschismus
Das französische Fernsehen unternahm einen eher zweifelhaften Feld- und Menschenversuch: Kandidaten wurden problemlos dazu gebracht, andere mit leichten und schliesslich tödlichen Elektroschocks zu foltern. Im Spiel und als Strafe für falsche Antworten. Die Sendung zeigte eine erbärmliche Wirklichkeit, bleibt aber von beschränkter Aussagekraft. Von Jürg Altwegg, Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Genf.
Was Menschen im Fernsehen an grotesken Demütigungen zu schlucken bereit sind, ist hinlänglich bekannt. Wie niederträchtig sie sein können, wenn es darum geht, im Reality-TV Mitglieder der Gruppe auszuschliessen, weiss man zur Genüge. Ist das Fernsehen deshalb auch ein neuer Faschismus, dessen Ideologie und Regeln sich alle unterwerfen? Das behauptet Christophe Nick.
Er suchte Kandidaten für «ein neues, noch zu erprobendes Spiel». Für falsche Antworten ihrer Partner mussten sie den Elektroschock-Hebel betätigen. Was sie nicht wussten: Der Prüfling wurde durch einen Schauspieler ersetzt. Die Schmerzensschreie waren gespielt. Achtzig Prozent leisteten jeder Aufforderung Folge – auch als die Dosis tödlich wurde. Zwanzig Prozent weigerten sich, ab einer gewissen Stromstärke das unmenschliche Spiel weiter zu treiben.
Die Bereitschaft zum Gehorsam
Doch es war kein Spiel, gedreht wurde eine Dokumentation. Modell des Versuchs war das berühmte «Milgram-Experiment», bei dem es darum ging, die Bereitschaft zum Gehorsam zu ergründen – letztlich um die Frage, wie es im Krieg möglich war, die Deutschen an den Nazi-Verbrechen zu beteiligen. Stan-ley Milgram bezog sich ausdrücklich auf Hannah Arendts Buch «Die Banalität des Bösen»; Eichmann hatte sich bei seinem Prozess damit gerechtfertigt, dass er nur Befehle ausgeführt habe.
Das Fernsehen baut Schamgrenzen ab
Der französische Sender France 2 hat die Dokumentation Mitte März zum Schwerpunkt eines denkwürdigen Abends gemacht, und Christophe Nick verarbeitete seine Einsichten auch zu einem Buch. Das Fernsehen, behauptet er, baut reihenweise Schamgrenzen und Tabus ab. Es ist auch für die letzte Transgression bereit: eine öffentliche Hinrichtung durch die Meute – unter der Regie des Fernsehens. Den Beweis habe er tatsächlich mit seinem «Jeu de la mort» erbracht.
Es war ein Spiel mit falschen Karten und unter falschen Voraussetzungen. Mit einem unerwarteten Verlierer: France 2 brachte es auf lediglich 12 Prozent Marktanteil. Damit blieb man weit hinter dem privaten Rivalen Tf1, der ein biederes Feuilleton sendete, und den anderen öffentlich-rechtlichen Programmen.
Der alltägliche Fernsehfaschismus lässt die Zuschauer kalt, für die Kritik des Fernsehens am Fernsehen interessieren sie sich nicht. Zudem muss sich Christophe Nick auch noch vor Gericht verantworten: Zwei frühere Minister haben Klage wegen Anstiftung zur Gewalt eingereicht. Auch in der Westschweiz – TSR widmete sich dem Experiment – gibt es Beschwerden an den Ombuds¬mann.
Die Irrationalität der TV-Reality ist Tatsache
Die Mitspieler haben sich nicht geschämt: Mit einer Ausnahme waren sie alle bereit, ihren Auftritt im Fernsehen zu zeigen. Einer, der seine Elektroschocks ohne jegliche Zurückhaltung ausgelöst hatte, meinte, ihm sei sehr wohl bewusst gewesen, dass es im Fernsehen keine Folter gebe. Die Psychologen und Philosophen deuteten diese Aussage als Beleg für die Manipulationskraft des Fernsehens, das zur Autorität schlechthin geworden sei – beim «Milgram-Experiment» war es noch die Wissenschaft. Doch die Irrationalität der TV-Reality und ihrer Spiele ist eine Tatsache, die man den willigen Tätern als Opfer dieses Versuchs schon ein bisschen zu Gute halten muss. Auch wenn die menschlichen Helden dieses Abends sehr wohl jene sind, die im Laufe des Spiels ausgestiegen sind.
Einige haben an der langen Diskussion danach teilgenommen. Sehr viel Gescheites – auch Widersprüchliches – wurde gesagt. Dass das Fernsehen sich selber selbstkritisch hinterfragt, ist sehr heilsam. Dass es dabei auch um eine Anklage des öffentlich-rechtlichen gegen das private Fernsehen ging, war etwas scheinheilig. Die Sendung selber hat sich – und sei es unter dem Deckmäntelchen der anklagenden und aufklärenden Dokumentation – doch sehr die Mechanismen und die Faszination zu eigen gemacht, die sie anprangert. Der Trailer erweckte sehr wohl den Eindruck, als handle es sich um eine real existierende Show. Fernsehkritik ist ergiebiger, wenn sie sich nicht irgendwelche möglichen Perversionen ausdenkt. Sondern an die Wirklichkeit hält. Diese ist schon schlimm genug.
Er suchte Kandidaten für «ein neues, noch zu erprobendes Spiel». Für falsche Antworten ihrer Partner mussten sie den Elektroschock-Hebel betätigen. Was sie nicht wussten: Der Prüfling wurde durch einen Schauspieler ersetzt. Die Schmerzensschreie waren gespielt. Achtzig Prozent leisteten jeder Aufforderung Folge – auch als die Dosis tödlich wurde. Zwanzig Prozent weigerten sich, ab einer gewissen Stromstärke das unmenschliche Spiel weiter zu treiben.
Die Bereitschaft zum Gehorsam
Doch es war kein Spiel, gedreht wurde eine Dokumentation. Modell des Versuchs war das berühmte «Milgram-Experiment», bei dem es darum ging, die Bereitschaft zum Gehorsam zu ergründen – letztlich um die Frage, wie es im Krieg möglich war, die Deutschen an den Nazi-Verbrechen zu beteiligen. Stan-ley Milgram bezog sich ausdrücklich auf Hannah Arendts Buch «Die Banalität des Bösen»; Eichmann hatte sich bei seinem Prozess damit gerechtfertigt, dass er nur Befehle ausgeführt habe.
Das Fernsehen baut Schamgrenzen ab
Der französische Sender France 2 hat die Dokumentation Mitte März zum Schwerpunkt eines denkwürdigen Abends gemacht, und Christophe Nick verarbeitete seine Einsichten auch zu einem Buch. Das Fernsehen, behauptet er, baut reihenweise Schamgrenzen und Tabus ab. Es ist auch für die letzte Transgression bereit: eine öffentliche Hinrichtung durch die Meute – unter der Regie des Fernsehens. Den Beweis habe er tatsächlich mit seinem «Jeu de la mort» erbracht.
Es war ein Spiel mit falschen Karten und unter falschen Voraussetzungen. Mit einem unerwarteten Verlierer: France 2 brachte es auf lediglich 12 Prozent Marktanteil. Damit blieb man weit hinter dem privaten Rivalen Tf1, der ein biederes Feuilleton sendete, und den anderen öffentlich-rechtlichen Programmen.
Der alltägliche Fernsehfaschismus lässt die Zuschauer kalt, für die Kritik des Fernsehens am Fernsehen interessieren sie sich nicht. Zudem muss sich Christophe Nick auch noch vor Gericht verantworten: Zwei frühere Minister haben Klage wegen Anstiftung zur Gewalt eingereicht. Auch in der Westschweiz – TSR widmete sich dem Experiment – gibt es Beschwerden an den Ombuds¬mann.
Die Irrationalität der TV-Reality ist Tatsache
Die Mitspieler haben sich nicht geschämt: Mit einer Ausnahme waren sie alle bereit, ihren Auftritt im Fernsehen zu zeigen. Einer, der seine Elektroschocks ohne jegliche Zurückhaltung ausgelöst hatte, meinte, ihm sei sehr wohl bewusst gewesen, dass es im Fernsehen keine Folter gebe. Die Psychologen und Philosophen deuteten diese Aussage als Beleg für die Manipulationskraft des Fernsehens, das zur Autorität schlechthin geworden sei – beim «Milgram-Experiment» war es noch die Wissenschaft. Doch die Irrationalität der TV-Reality und ihrer Spiele ist eine Tatsache, die man den willigen Tätern als Opfer dieses Versuchs schon ein bisschen zu Gute halten muss. Auch wenn die menschlichen Helden dieses Abends sehr wohl jene sind, die im Laufe des Spiels ausgestiegen sind.
Einige haben an der langen Diskussion danach teilgenommen. Sehr viel Gescheites – auch Widersprüchliches – wurde gesagt. Dass das Fernsehen sich selber selbstkritisch hinterfragt, ist sehr heilsam. Dass es dabei auch um eine Anklage des öffentlich-rechtlichen gegen das private Fernsehen ging, war etwas scheinheilig. Die Sendung selber hat sich – und sei es unter dem Deckmäntelchen der anklagenden und aufklärenden Dokumentation – doch sehr die Mechanismen und die Faszination zu eigen gemacht, die sie anprangert. Der Trailer erweckte sehr wohl den Eindruck, als handle es sich um eine real existierende Show. Fernsehkritik ist ergiebiger, wenn sie sich nicht irgendwelche möglichen Perversionen ausdenkt. Sondern an die Wirklichkeit hält. Diese ist schon schlimm genug.
