Redaktionelle Fruchtpressen
Aufgefallen Mehrfachverwertung als verlegerische Krisenbewältigung: Notdürftig kaschiert wird die Content-Rationalisierung durch Beschwörungen der «journalistischen Persönlichkeit».
Kolumne Mehrfachverwertung als verlegerische Krisenbewältigung: Notdürftig kaschiert wird die Content-Rationalisierung durch Beschwörungen der «journalistischen Persönlichkeit».Der Theodor-Wolff-Preis ist eine der feinsten Auszeichnungen im deutschsprachigen Journalismus. Es versteht sich, dass die Festredner bei seiner Verleihung in hübscher Feiertagsprosa Schmeichelhaftes über die Zunft erzählen. So sprach denn auch vor ein paar Tagen, als die diesjährigen Preisträger in Berlin gewürdigt wurden, der Kuratoriumsvorsitzende davon, dass Zeitungen vor allem von den «Persönlichkeiten» ihrer Macher abhängen.Das tut der Journalistenseele wohl. Was für einen schönen Beruf wir doch ausüben, in dem Menschen mit ausgeprägter individueller Eigenart gefordert und gefördert werden. Glaubt man den Laudatoren, so gehört Subjektivität ebenso zu den Grundressourcen und -anforderungen in diesem Metier wie Neugier, eigene Interessen und unabhängiges Denken.
Das Hochgefühl nach solchen Festreden hat allerdings eine sehr begrenzte Halbwertzeit. Schon der Blick in die Zeitungen vom selben Tag, an dem über preiswürdigen Journalismus berichtet wurde, desillusionierte wieder, denn berichtet wurde da vom Start einer neuen Tageszeitung.
Die zum Holtzbrinck-Konzern gehörende Verlagsgruppe Handelsblatt will mit dem Tabloid-Blatt News die «iPod-Generation» für eine tägliche 10- bis 20-Minuten-Lektüre gewinnen. Die Entfaltungsmöglichkeiten, die den Persönlichkeiten der 20 Redaktoren dabei eingeräumt werden, sind begrenzt: News verarbeitet vor allem Texte aus anderen Konzernprodukten wie Handelsblatt und Tagesspiegel sowie aus den Titeln des Milchstrasse Verlags. Daneben plündern die News-Macher hemmungslos Weblogs, ohne die Blogger auch nur zu fragen. Sprich: Die Redaktion des neuen Blatts fungiert als Content-Abfüllmaschine in einer Mehrfachverwertungskette.
Holtzbrinck kopiert damit nur, was Springer vorgemacht hat und heute als innovatives Beispiel einer verlegerischen Krisenbewältigungsstrategie propagiert: Im Berliner Springer-Hochhaus «generiert» eine Redaktion den Stoff für drei Tageszeitungen: Die Welt, die Berliner Morgenpost und die Welt Kompakt. Die Langversion mit Hintergrund für die überregionale Qualitätszeitung, überschaubar gekürzt fürs Lokalblatt und aktionsbetont umgeschrieben für die Welt Kompakt, das Tabloid des Hauses.
Wie eine Limonade mit verschiedenen Geschmacksnuancen werden Inhalte auf diese Weise zielgruppengerecht für Produkte aufbereitet, die vor allem alle nur denkbaren Marktnischen besetzen sollen. Dieses Abfüllen desselben Stoffs in verschiedene Gefässe gibt es schon lange, doch war es bisher auf das Segment der Regenbogenpresse beschränkt. Jetzt setzt es sich auch im publizistischen Kernbereich durch.
Ökonomisch funktioniert dieses Vorgehen vermutlich. Denn solche Konzern-Schreibstuben sind nicht nur kleiner als selbstständige Redaktionen. Holtzbrincks News-Redaktoren werden auch durchwegs untertariflich bezahlt. Hinter dem Rauchvorhang der Beschwörung von Persönlichkeiten, welche die Zeitungslandschaft prägen, vollzieht sich also eine rasante Entwertung journalistischer Arbeit, die auch in der hohen Zahl von Arbeitslosen aus dem Gewerbe ihren Ausdruck findet. Inhalte sind längst nicht mehr unverwechselbare Erzeugnisse individueller Recherchier-, Denk- und Schreibarbeit, sondern synthetische Produkte eines industriellen Fertigungsprozesses.
Ganz neu ist dies gewiss nicht, nur fiel es zu Boom-Zeiten leichter, sich darüber hinwegzutäuschen. Abzuwarten bleibt, ob die Leser diesen schleichenden Wandel überhaupt wahrnehmen. Wenn nicht, bestätigt das wohl die These von der schwindenden gesellschaftlichen Bedeutung unserer Medienöffentlichkeit.
> Heribert Seifert ist Medien- und Kulturkorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung in Deutschland.
Das Hochgefühl nach solchen Festreden hat allerdings eine sehr begrenzte Halbwertzeit. Schon der Blick in die Zeitungen vom selben Tag, an dem über preiswürdigen Journalismus berichtet wurde, desillusionierte wieder, denn berichtet wurde da vom Start einer neuen Tageszeitung.
Die zum Holtzbrinck-Konzern gehörende Verlagsgruppe Handelsblatt will mit dem Tabloid-Blatt News die «iPod-Generation» für eine tägliche 10- bis 20-Minuten-Lektüre gewinnen. Die Entfaltungsmöglichkeiten, die den Persönlichkeiten der 20 Redaktoren dabei eingeräumt werden, sind begrenzt: News verarbeitet vor allem Texte aus anderen Konzernprodukten wie Handelsblatt und Tagesspiegel sowie aus den Titeln des Milchstrasse Verlags. Daneben plündern die News-Macher hemmungslos Weblogs, ohne die Blogger auch nur zu fragen. Sprich: Die Redaktion des neuen Blatts fungiert als Content-Abfüllmaschine in einer Mehrfachverwertungskette.
Holtzbrinck kopiert damit nur, was Springer vorgemacht hat und heute als innovatives Beispiel einer verlegerischen Krisenbewältigungsstrategie propagiert: Im Berliner Springer-Hochhaus «generiert» eine Redaktion den Stoff für drei Tageszeitungen: Die Welt, die Berliner Morgenpost und die Welt Kompakt. Die Langversion mit Hintergrund für die überregionale Qualitätszeitung, überschaubar gekürzt fürs Lokalblatt und aktionsbetont umgeschrieben für die Welt Kompakt, das Tabloid des Hauses.
Wie eine Limonade mit verschiedenen Geschmacksnuancen werden Inhalte auf diese Weise zielgruppengerecht für Produkte aufbereitet, die vor allem alle nur denkbaren Marktnischen besetzen sollen. Dieses Abfüllen desselben Stoffs in verschiedene Gefässe gibt es schon lange, doch war es bisher auf das Segment der Regenbogenpresse beschränkt. Jetzt setzt es sich auch im publizistischen Kernbereich durch.
Ökonomisch funktioniert dieses Vorgehen vermutlich. Denn solche Konzern-Schreibstuben sind nicht nur kleiner als selbstständige Redaktionen. Holtzbrincks News-Redaktoren werden auch durchwegs untertariflich bezahlt. Hinter dem Rauchvorhang der Beschwörung von Persönlichkeiten, welche die Zeitungslandschaft prägen, vollzieht sich also eine rasante Entwertung journalistischer Arbeit, die auch in der hohen Zahl von Arbeitslosen aus dem Gewerbe ihren Ausdruck findet. Inhalte sind längst nicht mehr unverwechselbare Erzeugnisse individueller Recherchier-, Denk- und Schreibarbeit, sondern synthetische Produkte eines industriellen Fertigungsprozesses.
Ganz neu ist dies gewiss nicht, nur fiel es zu Boom-Zeiten leichter, sich darüber hinwegzutäuschen. Abzuwarten bleibt, ob die Leser diesen schleichenden Wandel überhaupt wahrnehmen. Wenn nicht, bestätigt das wohl die These von der schwindenden gesellschaftlichen Bedeutung unserer Medienöffentlichkeit.
> Heribert Seifert ist Medien- und Kulturkorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung in Deutschland.
