Bauernverband rechts überholt

Gastkommentar Eine Nachlese zur Jahrestagung der Schweizer Presse in Lausanne von Urs Gossweiler.

Gastkommentar Eine Nachlese zur Jahrestagung der Schweizer Presse in Lausanne von Urs Gossweiler.
Wie im Monopoly sind Lausanne und Zürich auch in der realen Welt der Schweizer Medien die teuersten und wertvollsten Pflaster. Die Jahrestagung von uns Zeitungsverlegern hat noch nie in Zürich, heuer jedoch in Lausanne stattgefunden. Genauso scheint die Leaderrolle bei den zunehmend stattfindenden Medienallianzen zwischen diesen beiden Städten auch klar verteilt zu sein. Wie dem auch sei, wir Deutschschweizer Verleger trafen uns zur Jahresversammlung in Lausanne, wie immer im feinsten Hotel am Platz. Was uns jedoch nicht daran hinderte, drei Tage lang hauptsächlich über Staatsgelder zu Gunsten von Presse-TV, Regionalfernsehen der Presse, Verlegerradios, Beiträge an private Verträgerorganisationen (natürlich möglichst nur die im Besitze der Presse), Direktbeiträge an die nationale Nachrichtenagentur, Medieninstitut und sonstige Weiterbildung, Technologieunterstützung und anderes mehr zu debattieren.
Gleichzeitig halten wir unsere Wirtschaftsredaktionen dazu an, für mehr Deregulierung und Privatisierung zu schreiben. Erkennt da jemand ein Glaubwürdigkeitsproblem? Nein. Und wenn doch, würden wir lieber den Kurs unserer Wirtschaftsberichterstattung als unsere Haltung gegenüber immer mehr staatlicher Förderung ändern. Tragisch dabei ist eigentlich nicht das seit drei Jahren in Mode gekommene Betteln nach Staatsgeldern. Tragisch ist auch nicht die Peinlichkeit, dies immer wieder im Rahmen der besten und teuersten Hotels zu tun, auch wenn der Verband nach Kräften bei den Pausengetränken und Lunchverpflegungen spart. Das wirklich Tragische ist unsere fast schon naive Haltung gegenüber dem, was der Staat von uns fordert.
So streiten wir seit einem Jahr um einen Sitz im Presserat, obwohl der seine Aufgabe auch ohne uns Verleger professionell und umsichtig wahrnimmt. Gleichzeitig ist es uns schon fast egal, wenn der Nationalrat den Medienartikel befürwortet, der den Weg ebnen soll für eine umfassende «Betreuung» der Presse in diesem Land. Pressefreiheit, publizistische Verantwortung, neue Geschäftsmodelle und unternehmerisches Handeln waren fast keine Themen an unserem jährlichen Treffen.
In Lausanne bestätigte sich der Trend der letzten drei Jahre: Wenn wir so weiterfahren, werden wir bald den Bauernverband rechts überholen. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass wir in Sachen Sozialpartnerschaft klar für eine Deregulierung gestimmt haben. Auch die Landwirte haben ab und an Mühe bei der Einhaltung sozialer Spielregeln gegenüber Erntemitarbeitern aus dem Ausland.
> Urs Gossweiler ist Verleger der Jungfrau Zeitung.

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