Im Lesesaal ist jede Zeitung gratis
Entwicklungshilfe In Bangladesch machen Informationszentren aktuelles Wissen auch den Armen zugänglich.
Entwicklungshilfe In Bangladesch machen Informationszentren aktuelles Wissen auch den Armen zugänglich. Bangladeschs grössere Zeitungen können allesamt im Internet gelesen werden, ein auf den ersten Blick verblüffender Tatbestand in einem der ärmsten Länder der Welt. Das asiatische Land ist knapp viermal so gross wie die Schweiz, zählt jedoch 135 Millionen Einwohner. Bangladesch überrascht trotz des tiefen Durchschnittseinkommens mit einer erstaunlichen Vielfalt an Zeitungen und Zeitschriften und einer für diese Region beachtlichen Pressefreiheit, die freilich immer wieder durch Selbstzensur der Journalisten gerettet wird. Blätter wie der englische The Daily Star (www.thedailystar.net) und The Independent (www.independent-bangladesh.com) oder Zeitungen in der Nationalsprache Bengali wie Bhorer Kagoj oder Akjer Kagoj können jedoch nur von einer kaufkräftigeren Minderheit gelesen werden. Dutzende Millionen Menschen können sich weder Zeitungen leisten noch haben sie Zugang zu einem Computer. Hier springt CDL (Community Development Library) ein.
Mit Schweizer Unterstützung Gegründet 1980, neun Jahre nach der Unabhängigkeit des Landes von Pakistan, setzte sich die Organisation zum Ziel, Informationen in Büchern und Zeitungen allen Schichten des Landes zur Verfügung zu stellen. Es begann mit einer Bibliothek mitten im Stadtmoloch Dhaka, der Keimzelle dieser zukunftweisenden Idee. Schon von Anfang an unterstützte das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen (Heks) das Projekt, überliess jedoch die Planung den Menschen in Bangladesch, welche die Bedürfnisse des Landes am besten kennen.
27 CDL-Zentren im ganzen Land sind seither entstanden, wo Kinder aus Slums, Arbeiter aus allen Schichten, Studenten, aber auch Lehrer und Geschäftsleute Bücher und Zeitungen lesen können und sich auch mit Videos oder am Internet informieren, wo dieser Luxus angeboten wird.
Aktuelle Dokumentationen Im CDL-Zentrum von Dhaka zeigt uns die Mitarbeiterin Oleda Sultana, eine selbstbewusste, heitere Frau, die kargen, praktisch eingerichteten Räume. Im Lesesaal sind Dutzende Besucher in abgegriffene Zeitungen vertieft, in der Bibliothek liest eine Gruppe junger Frauen konzentriert in Büchern in Bengali. «Unsere Bibliothek umfasst 26000 Bücher», sagt die Chefin, «da Bücher verglichen mit dem durchschnittlichen Einkommen sehr teuer sind, leihen wir sie nur an Mitglieder aus.» Das CDL-Zentrum in Dhaka zählt 2000 Mitglieder, die 200 Taka Jahresbeitrag für das Ausleihen der Bücher zahlen. Das sind umgerechnet knapp vier Franken. In einem Land, wo das Bruttosozialprodukt je Einwohner ganze 360 Dollar beträgt, ist der Beitrag nur für eine Minderheit erschwinglich. Alle andern lesen die Bücher an Ort und Stelle.
Junge Frauen im Sari schneiden an einem langen Tisch aus aufgestapelten Tageszeitungen und Magazinen Berichte heraus und integrieren sie in Dossiers zu verschiedensten Themen wie Frauenfragen, Ernährung, Hygiene, Umweltprobleme oder Aids. Diese Dokumentationen werden kopiert und sind sehr gefragt, da sie vertiefte Informationen zu aktuellen Themen bieten.
In Bangladesch stehen der Regierung nur sehr beschränkte Mittel zur Verfügung, um die Bildung der wachsenden Bevölkerung sicherzustellen. Ungezählte, oft vom Ausland unterstützte private Hilfs- und Selbsthilfeorganisationen springen hier ein, betreiben Dorfschulen, ermöglichen die Herausgabe von spezifischen Printmedien oder machen – wie die vollständig private Organisation CDL – Informationen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Das Zentrum in Dhaka erfasst die gesamten Bestände der Organisation laufend elektronisch und ergänzt die Dokumentationen neuerdings mit Hilfe des Internets.
Die entsprechend ausgerüsteten CDL-Aussenstationen haben elektronischen Zugriff zum Datenmaterial der Zentrale. Doch die dafür erforderliche Hardware ist nicht nur für Einzelpersonen oft unerschwinglich, sondern auch für Institutionen. «Wir benötigen Computer und Kopierer», erklärt ein Mitarbeiter, «doch dafür fehlt uns das Geld. Wir sind auch für gebrauchte Geräte sehr dankbar.» Das Heks ist auch heute noch mit 80000 Franken jährlich einer der wichtigsten Geber, weitere Donatoren sind die deutsche Miserior und Unicef.
Brennpunkte des sozialen Lebens Das CDL-Zentrum in der Millionenstadt Faridpur, einige Fahrstunden westlich von Dhaka, platzt am Tag unseres Besuches aus allen Nähten. Eine Jugendgruppe hört sich im grössten Raum, flankiert von hohen Bücherregalen, einen Vortrag an und singt anschliessend. Später belegt eine Frauengruppe den Versammlungsraum und diskutiert, immer wieder auch durch erfrischendes Gelächter unterbrochen, das Thema Geburtenplanung.
«Für uns ist dieses Zentrum extrem wichtig», erklärt Kamul Hasan Jewel, Field Koordinator im CDL-Zentrum in Faridpur. Im
Lesesaal sitzen junge Menschen vertieft in Zeitungen und Bücher. Momi, knapp zwanzig, will Ärztin werden, Taher, 18, kommt in der Freizeit hierher; sein Berufsziel ist Ingenieur. «Wer sagt denn, die Jugend von Bangladesch sei desorientiert und habe keine Möglichkeiten?», fragt Asma Akter Mukta rhetorisch. Sie ist die aufmüpfige Direktorin von Racine, einer weiteren mit CDL verbundenen Organisation. Tatsächlich hat die
Bewegung der Community Development Library überall im Land Kristallisationspunkte geschaffen, die den Jungen manche Chance zur Weiterbildung und für Kontakte bieten.
Die CDL-Zentren haben sich durch Vernetzung in alle Richtungen zu Brennpunkten des sozialen Lebens entwickelt. So hat das dem Zentrum von Dhaka angeschlossene Urban Information Ressource Center eine Schule für Slumkinder eröffnet. Pieder Casura, beim Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz zuständig für Bangladesch: «In einem Land, wo die grosse Mehrheit der Bürger über eine hundertmal kleinere Kaufkraft als die Schweizer verfügen, kann man mit ein paar Zehntausend Franken jährlich sehr viel in Gang setzen.»
Neue PerspektivenFaridpur, hundert Kilometer westlich von Dhaka gelegen, ist eine ärmliche Provinzstadt mit mehr als einer Million Einwohner. Wirtschaftlich ist Faridpur das Zentrum der im Niedergang befindlichen Juteindustrie. Touristen und westliche Geschäftsleute verirren sich nur sehr selten hierher.
Das CDL-Zentrum ist mit seiner Bibliothek und den Zeitungen ein wichtiger Informationsvermittler und bringt Hoffnung für viele intelligente junge Menschen, die kaum berufliche Perspektiven haben. Das Zentrum ist zudem für Ungezählte ein Brennpunkt des sozialen Lebens; denn hier treffen sich Nichtregierungsorganisationen (NGOs), Frauengruppen, politische Aktivisten und Künstler. Muslime, Hindus und Christen mischen sich in allen CDL-Zentren Bangladeschs zwanglos.
In den CDL-Zentren werden aus aktuellen Zeitungen Dokumentationen zu aktuellen Themen erstellt.
Hunderttausende lesen in den 26 CDL-Zentren in Bangladesch Zeitungen und Bücher.
Slumschule in Dhaka, eine weitere Aktivität der CDL-Organisation.
Stolz stellt sich die Leitung vor die Pforte ihres CDL-Zentrums.
Werner Catrina
Mit Schweizer Unterstützung Gegründet 1980, neun Jahre nach der Unabhängigkeit des Landes von Pakistan, setzte sich die Organisation zum Ziel, Informationen in Büchern und Zeitungen allen Schichten des Landes zur Verfügung zu stellen. Es begann mit einer Bibliothek mitten im Stadtmoloch Dhaka, der Keimzelle dieser zukunftweisenden Idee. Schon von Anfang an unterstützte das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen (Heks) das Projekt, überliess jedoch die Planung den Menschen in Bangladesch, welche die Bedürfnisse des Landes am besten kennen.
27 CDL-Zentren im ganzen Land sind seither entstanden, wo Kinder aus Slums, Arbeiter aus allen Schichten, Studenten, aber auch Lehrer und Geschäftsleute Bücher und Zeitungen lesen können und sich auch mit Videos oder am Internet informieren, wo dieser Luxus angeboten wird.
Aktuelle Dokumentationen Im CDL-Zentrum von Dhaka zeigt uns die Mitarbeiterin Oleda Sultana, eine selbstbewusste, heitere Frau, die kargen, praktisch eingerichteten Räume. Im Lesesaal sind Dutzende Besucher in abgegriffene Zeitungen vertieft, in der Bibliothek liest eine Gruppe junger Frauen konzentriert in Büchern in Bengali. «Unsere Bibliothek umfasst 26000 Bücher», sagt die Chefin, «da Bücher verglichen mit dem durchschnittlichen Einkommen sehr teuer sind, leihen wir sie nur an Mitglieder aus.» Das CDL-Zentrum in Dhaka zählt 2000 Mitglieder, die 200 Taka Jahresbeitrag für das Ausleihen der Bücher zahlen. Das sind umgerechnet knapp vier Franken. In einem Land, wo das Bruttosozialprodukt je Einwohner ganze 360 Dollar beträgt, ist der Beitrag nur für eine Minderheit erschwinglich. Alle andern lesen die Bücher an Ort und Stelle.
Junge Frauen im Sari schneiden an einem langen Tisch aus aufgestapelten Tageszeitungen und Magazinen Berichte heraus und integrieren sie in Dossiers zu verschiedensten Themen wie Frauenfragen, Ernährung, Hygiene, Umweltprobleme oder Aids. Diese Dokumentationen werden kopiert und sind sehr gefragt, da sie vertiefte Informationen zu aktuellen Themen bieten.
In Bangladesch stehen der Regierung nur sehr beschränkte Mittel zur Verfügung, um die Bildung der wachsenden Bevölkerung sicherzustellen. Ungezählte, oft vom Ausland unterstützte private Hilfs- und Selbsthilfeorganisationen springen hier ein, betreiben Dorfschulen, ermöglichen die Herausgabe von spezifischen Printmedien oder machen – wie die vollständig private Organisation CDL – Informationen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Das Zentrum in Dhaka erfasst die gesamten Bestände der Organisation laufend elektronisch und ergänzt die Dokumentationen neuerdings mit Hilfe des Internets.
Die entsprechend ausgerüsteten CDL-Aussenstationen haben elektronischen Zugriff zum Datenmaterial der Zentrale. Doch die dafür erforderliche Hardware ist nicht nur für Einzelpersonen oft unerschwinglich, sondern auch für Institutionen. «Wir benötigen Computer und Kopierer», erklärt ein Mitarbeiter, «doch dafür fehlt uns das Geld. Wir sind auch für gebrauchte Geräte sehr dankbar.» Das Heks ist auch heute noch mit 80000 Franken jährlich einer der wichtigsten Geber, weitere Donatoren sind die deutsche Miserior und Unicef.
Brennpunkte des sozialen Lebens Das CDL-Zentrum in der Millionenstadt Faridpur, einige Fahrstunden westlich von Dhaka, platzt am Tag unseres Besuches aus allen Nähten. Eine Jugendgruppe hört sich im grössten Raum, flankiert von hohen Bücherregalen, einen Vortrag an und singt anschliessend. Später belegt eine Frauengruppe den Versammlungsraum und diskutiert, immer wieder auch durch erfrischendes Gelächter unterbrochen, das Thema Geburtenplanung.
«Für uns ist dieses Zentrum extrem wichtig», erklärt Kamul Hasan Jewel, Field Koordinator im CDL-Zentrum in Faridpur. Im
Lesesaal sitzen junge Menschen vertieft in Zeitungen und Bücher. Momi, knapp zwanzig, will Ärztin werden, Taher, 18, kommt in der Freizeit hierher; sein Berufsziel ist Ingenieur. «Wer sagt denn, die Jugend von Bangladesch sei desorientiert und habe keine Möglichkeiten?», fragt Asma Akter Mukta rhetorisch. Sie ist die aufmüpfige Direktorin von Racine, einer weiteren mit CDL verbundenen Organisation. Tatsächlich hat die
Bewegung der Community Development Library überall im Land Kristallisationspunkte geschaffen, die den Jungen manche Chance zur Weiterbildung und für Kontakte bieten.
Die CDL-Zentren haben sich durch Vernetzung in alle Richtungen zu Brennpunkten des sozialen Lebens entwickelt. So hat das dem Zentrum von Dhaka angeschlossene Urban Information Ressource Center eine Schule für Slumkinder eröffnet. Pieder Casura, beim Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz zuständig für Bangladesch: «In einem Land, wo die grosse Mehrheit der Bürger über eine hundertmal kleinere Kaufkraft als die Schweizer verfügen, kann man mit ein paar Zehntausend Franken jährlich sehr viel in Gang setzen.»
Neue PerspektivenFaridpur, hundert Kilometer westlich von Dhaka gelegen, ist eine ärmliche Provinzstadt mit mehr als einer Million Einwohner. Wirtschaftlich ist Faridpur das Zentrum der im Niedergang befindlichen Juteindustrie. Touristen und westliche Geschäftsleute verirren sich nur sehr selten hierher.
Das CDL-Zentrum ist mit seiner Bibliothek und den Zeitungen ein wichtiger Informationsvermittler und bringt Hoffnung für viele intelligente junge Menschen, die kaum berufliche Perspektiven haben. Das Zentrum ist zudem für Ungezählte ein Brennpunkt des sozialen Lebens; denn hier treffen sich Nichtregierungsorganisationen (NGOs), Frauengruppen, politische Aktivisten und Künstler. Muslime, Hindus und Christen mischen sich in allen CDL-Zentren Bangladeschs zwanglos.
In den CDL-Zentren werden aus aktuellen Zeitungen Dokumentationen zu aktuellen Themen erstellt.
Hunderttausende lesen in den 26 CDL-Zentren in Bangladesch Zeitungen und Bücher.
Slumschule in Dhaka, eine weitere Aktivität der CDL-Organisation.
Stolz stellt sich die Leitung vor die Pforte ihres CDL-Zentrums.
Werner Catrina
