Von der Print-Pflicht zur Web-Kür
Tageszeitungen Droht auch bei Kursseiten und Börseninseraten eine Abwanderung ins Internet? Die Folgen wären verheerend – speziell für die NZZ.
Tageszeitungen Droht auch bei Kursseiten und Börseninseraten eine Abwanderung ins Internet? Die Folgen wären verheerend – speziell für die NZZ.In den guten alten Analogzeiten firmierte die NZZ noch als «Pflichtblatt» des Schweizer Wertpapierhandels – börsenrechtlich wie auch im eigenen Zeitungskopf. Mit der Einführung des elektronischen Handels an der Zürcher Börse vor zehn Jahren verfiel dieser Sonderstatus. Was hingegen blieb, war zum einen die Publikationspflicht börsenkotierter Unternehmen – Stichwort Kotierungsinserate – und die täglichen (Schluss-)Kursseiten im Wirtschaftsteil der Tagespresse.Zählt man Letztere an einem beliebigen Werktag aus, so kommt man bei einer Regionalzeitung im Schnitt auf maximal zwei, beim Tages-Anzeiger schon auf drei bis vier und bei der NZZ gar auf stolze 11 bis 13 Seiten. Anders als im Rubrikenmarkt würde eine Verlagerung dieses Segments ins Internet das Zentralorgan der Schweizer Wirtschaft also mit Abstand am härtesten treffen.
Kalkulierbares KlumpenrisikoNZZ-Verlagsleiter Tobias Trevisan räumt denn auch «ein kalkulierbares Klumpenrisiko» ein. Das gelte jedoch nur für die täglich etwa vier, oben rechts diskret als solche gekennzeichneten Fondsanzeigenseiten. Diese werden von den inserierenden Banken monatlich pro Zeile bezahlt und kosten die Auftraggeber laut Trevisan unterm Strich etwa gleichviel wie reguläre ganzseitige Anzeigen.
Bei den übrigen durchschnittlich acht regulären Kursseiten handelt es sich um einen redaktionellen Leserservice, den die NZZ beim Finanzinformationsdienst von Telekurs Financial (TKF) bezieht. Wie stark eine solche vorselektionierte und -formatierte Seite das Redaktionsbudget belastet, kann oder will Trevisan nicht beziffern. Auch TKF, der neben Reuters und Bloomberg dritte Player auf diesem intransparenten Markt, hüllt sich diesbezüglich in Schweigen (siehe Kasten). Ein Blick auf die Schweizer Kundenliste wird gewährt: Darauf stehen neben einigen Regionalzeitungen auch die Tamedia-Titel 20 Minuten und Finanz & Wirtschaft, nicht aber der Tagi.
Für Derivate reicht online bereitsIm Gegensatz zu seinen Mitbewerbern bietet Telekurs bis dato bloss Print-, aber keine Internet-Daten. Kein Wunder hebt TKS-Verkaufsleiter Peter Wanner die im Vergleich zum digitalen Echtzeit-Medium «bessere Übersichtlichkeit und Handlichkeit gedruckter Börsenseiten» hervor. Auch Trevisan betont, dass Internet-Finanzdienste nicht (die von den Kontrollbehörden nach wie vor geforderten) archivierbare Rückblicke auf einen Börsentag, sondern lediglich Momentaufnahmen des aktuellen Handelsgeschehens liefern. Diese seien wohl für
aktive Börsenteilnehmer, nicht aber fürs breite Publikum interessant.
Ein Trend jedoch weist definitiv Richtung Internet: So hat die Zulassungsstelle des Swiss Exchange (SWX) vergangenen Herbst die immer zahlreicheren Emittenten von Derivaten, Bonds und anderen schnelllebigen Wertpapieren von der Publikationspflicht in Zeitungen befreit. SWX-Sprecher Werner Vogt hält es für «nicht unwahrscheinlich», dass als Nächstes nachhaltigere Finanzinstrumente und irgendwann gar Kotierungsinserate nur mehr elektronisch publiziert werden müssen. Für die Schweizer Verlage mit überregionalen Tages- und Wirtschaftszeitungen würde eine solche Elektronisierung nicht nur millionenschwere Verluste, sondern auch einen weiteren Bedeutungsverlust bedeuten. Schwierig zu sagen, was schwerer wiegen würde für NZZ & Co.
«Quote Publisher»Als global operierender Finanzinformationsdienstleister mit Schweizer Wurzeln glaubt Telekurs Financial (TKF) an die Zukunft von Börsenseiten in der Presse. Davon zeugt das in Kooperation mit der NZZ von der Bieler Telekurs-Tochter Rolotec entwickelte Content-Management-System «Quote Publisher». Dieses Software-Paket automatisiert die unter immensem Zeit- und Präzisionsdruck stehende Produktion von Börsenseiten und liest die Finanzdaten – zum Beispiel Schlusskurse, Höchst- und Tiefstkurse, Volumenangaben, aber auch gerechnete Werte wie Marktkapitalisierung – direkt ins jeweilige Satzsystem ein.
Der «Quote Publisher» informiert die abonnierten Wirtschaftsredaktionen zudem laufend über alle wichtigen Börsennews und -trends. Die zeitungsinterne Handarbeit beschränkt sich auf die Auswahl der Titel und Börsenplätze sowie die Einfügung allfälliger Inserate in die Börsenseiten. Die Kosten dieses Service differieren laut TKF-Verkaufsleiter Peter Wanner je nach Lieferumfang, technischem Aufwand und Vertragslaufzeit sehr stark. (oc)
Aktienkurse als Leserservice, Fondsanzeigenseiten und Emmisionsinserate als Einnahmequellen: Letztere geraten zunehmend unter Druck.
Oliver Classen
Kalkulierbares KlumpenrisikoNZZ-Verlagsleiter Tobias Trevisan räumt denn auch «ein kalkulierbares Klumpenrisiko» ein. Das gelte jedoch nur für die täglich etwa vier, oben rechts diskret als solche gekennzeichneten Fondsanzeigenseiten. Diese werden von den inserierenden Banken monatlich pro Zeile bezahlt und kosten die Auftraggeber laut Trevisan unterm Strich etwa gleichviel wie reguläre ganzseitige Anzeigen.
Bei den übrigen durchschnittlich acht regulären Kursseiten handelt es sich um einen redaktionellen Leserservice, den die NZZ beim Finanzinformationsdienst von Telekurs Financial (TKF) bezieht. Wie stark eine solche vorselektionierte und -formatierte Seite das Redaktionsbudget belastet, kann oder will Trevisan nicht beziffern. Auch TKF, der neben Reuters und Bloomberg dritte Player auf diesem intransparenten Markt, hüllt sich diesbezüglich in Schweigen (siehe Kasten). Ein Blick auf die Schweizer Kundenliste wird gewährt: Darauf stehen neben einigen Regionalzeitungen auch die Tamedia-Titel 20 Minuten und Finanz & Wirtschaft, nicht aber der Tagi.
Für Derivate reicht online bereitsIm Gegensatz zu seinen Mitbewerbern bietet Telekurs bis dato bloss Print-, aber keine Internet-Daten. Kein Wunder hebt TKS-Verkaufsleiter Peter Wanner die im Vergleich zum digitalen Echtzeit-Medium «bessere Übersichtlichkeit und Handlichkeit gedruckter Börsenseiten» hervor. Auch Trevisan betont, dass Internet-Finanzdienste nicht (die von den Kontrollbehörden nach wie vor geforderten) archivierbare Rückblicke auf einen Börsentag, sondern lediglich Momentaufnahmen des aktuellen Handelsgeschehens liefern. Diese seien wohl für
aktive Börsenteilnehmer, nicht aber fürs breite Publikum interessant.
Ein Trend jedoch weist definitiv Richtung Internet: So hat die Zulassungsstelle des Swiss Exchange (SWX) vergangenen Herbst die immer zahlreicheren Emittenten von Derivaten, Bonds und anderen schnelllebigen Wertpapieren von der Publikationspflicht in Zeitungen befreit. SWX-Sprecher Werner Vogt hält es für «nicht unwahrscheinlich», dass als Nächstes nachhaltigere Finanzinstrumente und irgendwann gar Kotierungsinserate nur mehr elektronisch publiziert werden müssen. Für die Schweizer Verlage mit überregionalen Tages- und Wirtschaftszeitungen würde eine solche Elektronisierung nicht nur millionenschwere Verluste, sondern auch einen weiteren Bedeutungsverlust bedeuten. Schwierig zu sagen, was schwerer wiegen würde für NZZ & Co.
«Quote Publisher»Als global operierender Finanzinformationsdienstleister mit Schweizer Wurzeln glaubt Telekurs Financial (TKF) an die Zukunft von Börsenseiten in der Presse. Davon zeugt das in Kooperation mit der NZZ von der Bieler Telekurs-Tochter Rolotec entwickelte Content-Management-System «Quote Publisher». Dieses Software-Paket automatisiert die unter immensem Zeit- und Präzisionsdruck stehende Produktion von Börsenseiten und liest die Finanzdaten – zum Beispiel Schlusskurse, Höchst- und Tiefstkurse, Volumenangaben, aber auch gerechnete Werte wie Marktkapitalisierung – direkt ins jeweilige Satzsystem ein.
Der «Quote Publisher» informiert die abonnierten Wirtschaftsredaktionen zudem laufend über alle wichtigen Börsennews und -trends. Die zeitungsinterne Handarbeit beschränkt sich auf die Auswahl der Titel und Börsenplätze sowie die Einfügung allfälliger Inserate in die Börsenseiten. Die Kosten dieses Service differieren laut TKF-Verkaufsleiter Peter Wanner je nach Lieferumfang, technischem Aufwand und Vertragslaufzeit sehr stark. (oc)
Aktienkurse als Leserservice, Fondsanzeigenseiten und Emmisionsinserate als Einnahmequellen: Letztere geraten zunehmend unter Druck.
Oliver Classen
