Schmiergeld
Aufgefallen Die Kluft zwischen freien und gut bezahlten angestellten Journalisten wird immer grösser, sodass Freiberufler lukrative Geldquellen suchen müssen.
Kolumne Die Kluft zwischen freien und gut bezahlten angestellten Journalisten wird immer grösser, sodass Freiberufler lukrative Geldquellen suchen müssen.Es ist schon erstaunlich, wie wenig Medienresonanz dieser Schmiergeldskandal ausgelöst hat: Die Regierung Bush hat mit Geldern der US-Steuerzahler mehrere Journalisten «gekauft». Allein Armstrong Williams, ein prominenter konservativer Kolumnist, hat auf diese Weise 241000 Dollar eingesackt, um eine politische Kampagne des Präsidenten («No child left behind») in den Medien zu unterstützen.Komischerweise scheint sich kaum jemand über etwas aufzuregen, was in den «guten alten Zeiten» gewiss einen handfesten Grund für einen Minister-Rücktritt abgegeben hätte. Woran liegt das? Gewöhnen wir uns – jenseits, aber auch diesseits des Atlantiks – allmählich daran, dass PR und Journalismus symbiotisch zusammenwirken und ununterscheidbar werden?
Vielleicht hat die tiefere Ursache, dass immer mehr Journalisten sich mit PR ein Zubrot verdienen – und zum Teil dabei eben auch heftig gegen die professionelle Norm journalistischer Unbestechlichkeit verstossen – mit Entwicklungen auf den Arbeitsmärkten und wachsenden Einkommensdifferenzen zu tun. Vor vielen Jahren bereits hat der Ökonom Isaac Ehrlich die These vertreten, dass solche wachsenden «Gaps» Anreize zu korruptem und kriminellem Verhalten erzeugen.
Ohne dies im Detail empirisch belegen zu können, vermute ich im Journalismus und im vorgelagerten PR-Sektor auf fünf verschiedenen Ebenen wachsende Einkommens-Disparitäten:
– Im Journalismus ist ein «Star-System» entstanden. Vor allem, wer regelmässig auf der Mattscheibe erscheint und mit seinem Konterfei Zuschauer an den Sender bindet, wird schnell zum Spitzenverdiener, der jede Bodenhaftung verliert.
– Bis auf diese Stars verdienen Journalisten im Vergleich zu anderen anspruchsvollen Berufen, zum Beispiel Ärzten, Managern und Bankern, relativ wenig.
– Innerhalb des Journalismus wird die Kluft zwischen gut verdienenden Festangestellten und miserabel bezahlten Freiberuflern, die auf Honorarbasis tätig sind, grösser. Bei vielen Freiberuflern handelt es sich dabei um Opfer des Outsourcing – das heisst, sie waren früher einmal festangestellt.
– Dasselbe gilt innerhalb des PR-Sektors.
– Riesengross ist auch der Unterschied bei den Honoraren für Journalisten und PR-Leute. Für denselben Artikel, für den ich als Journalist 200 Franken Honorar bekomme, muss ein Auftraggeber bei einer PR-Agentur das X-fache bezahlen.
Solche Ungleichheiten erzeugen nicht nur Neid. Sie animieren auch diejenigen, die mehr schlecht als recht von ihren Honoraren leben können, dazu, sich auf kreative Weise nach zusätzlichen Einkommensquellen umzusehen – zum Beispiel durch Inanspruchnahme von Rabatten (www. journalistenrabatte.de), Annahme von Einladungen und kreative Finanzierung von Recherchereisen, die nicht vom Arbeitgeber bezahlt werden, sondern oft von denjenigen, über die Bericht erstattet werden soll.
Andererseits ist ja gerade der Fall Armstrong Williams ein Beleg dafür, dass Korrumpierbarkeit nicht allein einkommensabhängig ist. Oft kriegen die Stars den Rachen nicht voll – vielleicht ja gerade, weil sie in einem Umfeld leben, das von den Alltagsrealitäten der meisten Journalisten Lichtjahre entfernt ist. Punkto Schmiergeld für Journalisten stecken wir kollektiv unsere Köpfe in den Sand – das Thema ist erstaunlicherweise tabu, so sehr die Journalisten auch bemüht sind, alles Mögliche zu enttabuisieren. Dabei nähern wir uns in westlichen Demokratien auf Grund der Eigendynamik, die PR-Sektor und Journalismus entfalten, schneller russischen Zuständen, als uns lieb sein kann. Dort ist es gang und gäbe, dass Journalisten am Hungertuch nagen – und deshalb erst einmal die Hand aufhalten, wenn sie über irgendjemand Bericht erstatten sollen.
> Stephan Russ-Mohl ist Publizistikprofessor an der Universität Lugano.
Vielleicht hat die tiefere Ursache, dass immer mehr Journalisten sich mit PR ein Zubrot verdienen – und zum Teil dabei eben auch heftig gegen die professionelle Norm journalistischer Unbestechlichkeit verstossen – mit Entwicklungen auf den Arbeitsmärkten und wachsenden Einkommensdifferenzen zu tun. Vor vielen Jahren bereits hat der Ökonom Isaac Ehrlich die These vertreten, dass solche wachsenden «Gaps» Anreize zu korruptem und kriminellem Verhalten erzeugen.
Ohne dies im Detail empirisch belegen zu können, vermute ich im Journalismus und im vorgelagerten PR-Sektor auf fünf verschiedenen Ebenen wachsende Einkommens-Disparitäten:
– Im Journalismus ist ein «Star-System» entstanden. Vor allem, wer regelmässig auf der Mattscheibe erscheint und mit seinem Konterfei Zuschauer an den Sender bindet, wird schnell zum Spitzenverdiener, der jede Bodenhaftung verliert.
– Bis auf diese Stars verdienen Journalisten im Vergleich zu anderen anspruchsvollen Berufen, zum Beispiel Ärzten, Managern und Bankern, relativ wenig.
– Innerhalb des Journalismus wird die Kluft zwischen gut verdienenden Festangestellten und miserabel bezahlten Freiberuflern, die auf Honorarbasis tätig sind, grösser. Bei vielen Freiberuflern handelt es sich dabei um Opfer des Outsourcing – das heisst, sie waren früher einmal festangestellt.
– Dasselbe gilt innerhalb des PR-Sektors.
– Riesengross ist auch der Unterschied bei den Honoraren für Journalisten und PR-Leute. Für denselben Artikel, für den ich als Journalist 200 Franken Honorar bekomme, muss ein Auftraggeber bei einer PR-Agentur das X-fache bezahlen.
Solche Ungleichheiten erzeugen nicht nur Neid. Sie animieren auch diejenigen, die mehr schlecht als recht von ihren Honoraren leben können, dazu, sich auf kreative Weise nach zusätzlichen Einkommensquellen umzusehen – zum Beispiel durch Inanspruchnahme von Rabatten (www. journalistenrabatte.de), Annahme von Einladungen und kreative Finanzierung von Recherchereisen, die nicht vom Arbeitgeber bezahlt werden, sondern oft von denjenigen, über die Bericht erstattet werden soll.
Andererseits ist ja gerade der Fall Armstrong Williams ein Beleg dafür, dass Korrumpierbarkeit nicht allein einkommensabhängig ist. Oft kriegen die Stars den Rachen nicht voll – vielleicht ja gerade, weil sie in einem Umfeld leben, das von den Alltagsrealitäten der meisten Journalisten Lichtjahre entfernt ist. Punkto Schmiergeld für Journalisten stecken wir kollektiv unsere Köpfe in den Sand – das Thema ist erstaunlicherweise tabu, so sehr die Journalisten auch bemüht sind, alles Mögliche zu enttabuisieren. Dabei nähern wir uns in westlichen Demokratien auf Grund der Eigendynamik, die PR-Sektor und Journalismus entfalten, schneller russischen Zuständen, als uns lieb sein kann. Dort ist es gang und gäbe, dass Journalisten am Hungertuch nagen – und deshalb erst einmal die Hand aufhalten, wenn sie über irgendjemand Bericht erstatten sollen.
> Stephan Russ-Mohl ist Publizistikprofessor an der Universität Lugano.
