Ein Maybach fürs Volk

Oliver Classen über Sie + Er als Sonntagsvergnügen für die höheren Stände.

Oliver Classen über Sie + Er als Sonntagsvergnügen für die höheren Stände.
Weder im Editorial des Redaktionsleiters noch im Begleitschreiben des Chefredaktors fand sich ein Hinweis auf das ehrwürdige Erbe, welches das Supplement des SonntagsBlick am 1. Mai angetreten hat. Dabei hätten die sonst so traditionsbewussten Ringier-Manager mit Fug und Recht herausstreichen können, dass sie – ganz im Gegensatz zur sich andauernd nur redesignenden Konkurrenz – mit Sie + Er einen echten Relaunch wagen.Der Grund für diese Bescheidenheit dürfte mit der Positionierung des 1970 mit der Schweizer Illustrierten fusionierten Ursprungstitels als «Zeitschrift für Damen und Herren aus besseren Kreisen» zusammenhängen. Genau das nämlich will und soll deren zeitgeistige Reinkarnation keinesfalls sein. Schliesslich liegt das neue Sie + Er dem Schweizer Volkssonntagsblatt bei – und nicht etwa der siebten Ausgabe der NZZ.
Angesichts diverser hochpreisiger Artikel und Anzeigen wäre der Hochglanztitel dort jedoch fast besser aufgehoben. Oder welche der angestammten und anvisierten Blick-Leserinnen können sich die in der Modestrecke präsentierten Frühlingsfummel von Pradaguccivalentino leisten? Inserieren tun im selben Heft jedenfalls nicht zufällig nur Schweizer Mittelständler wie Vögele und Manor. Auch der weiter hinten getestete Lotus bleibt für den Durchschnittsbüezer (bei einem Richtpreis von 70000 Franken) im Reich der Männersonntagsträume.
Doch was ist ein englischer Sportflitzer gegen die schwäbische Nobelkarosse Maybach? Peanuts. Entsprechend stolz ist man an der Dufourstrasse auf die kommerzielle Präsenz der DaimlerChrysler-Tochter, die nur höchst selten Anzeigen schaltet. Und wenn dann in den edelsten
Lifestyle-Magazinen.
Was der Verlag als Ritterschlag für seine ambitionierte neue Zeitschrift interpretiert, wird mancher Abonnent als Schlag ins Arbeitergesicht empfinden. Jedenfalls lässt sich solcher Snobismus mit der sonst hausüblichen Ihr-da-oben-wir-da-unten-Haltung kaum vereinbaren.
> Oliver Classen, Redaktor

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