Bald Sendeschluss in Biel

Teletext Trotz breiter Unterstützung gibt es keinen Zweifel mehr, dass Swiss TXT dezentralisiert werden soll. Der Standort Biel ist akut gefährdet.

Teletext Trotz breiter Unterstützung gibt es keinen Zweifel mehr, dass Swiss TXT dezentralisiert werden soll. Der Standort Biel ist akut gefährdet.«Es herrscht Ratlosigkeit und Verunsicherung bei der Belegschaft», sagt Andreas Schneider von der Betriebskommission bei Swiss TXT in Biel. Die Ungewissheit drückt auf die Stimmung der 185 Angestellten der 1983 ins Leben gerufenen Teletext AG, die 1997 in Swiss TXT umbenannt wurde und zu 97 Prozent der SRG gehört. Aus aktuellem Anlass hat die Belegschaft die Kommission ins Leben gerufen und versucht, sich auf diesem Weg Gehör bei der Muttergesellschaft zu verschaffen. Seit im vergangenen März die Direktion der SRG angekündigt hatte, dass nach dem geplanten Kahlschlag beim bisher neunsprachigen Auslanddienst Swiss Info in Bern mit einem Stellenabbau von möglicherweise 70 bis 80 Arbeitsplätzen nun auch Swiss TXT in den Strudel der SRG-Internetstrategie geraten wird, fürchtet man das Ende für den Standort Biel. Nach dem Willen der SRG soll Swiss TXT näher an die Sender rücken und auf Genf, Lugano und Zürich verteilt werden. «Es ist entschieden, der Verwaltungsratsbeschluss steht fest», bekräftigt der Leiter der SRG-Unternehmenskommunikation, Simon Meyer, das Aus für Biel.
Manche bei Swiss TXT mögen sich gefragt haben, wie ernst es dem Mutterhaus mit seiner kulturübergreifenden idée suisse noch ist. Müsste hinter die Riesenlettern des SRG-Logos auf dem Dach des Bieler Kongresszentrums, das die Stadt weithin sichtbar überragt und wo Swiss TXT neun Stockwerke belegt, nicht ein grosses Fragezeichen stehen?
Belegschaft will Alternative«Ja, an so was haben wir auch schon gedacht», sagt Andreas Schneider. Er ist Mitunterzeichner des offenen Briefes vom 20. Juni – es ist bereits der dritte – an SRG-Generaldirektor Armin Walpen. Darin fordert die Betriebskommission stellvertretend für die gesamte Belegschaft die SRG auf, Alternativen zur Dezentralisierung zu prüfen, allem voran den Ausbau des heutigen Swiss TXT in Biel zu einem dreisprachigen Multimediazentrum.
Die Idee für ein derartiges Kompetenzzentrum stammt aus der Politik, als nach Bekanntwerden der SRG-Umbaupläne dem Unternehmen eine breite und nach wie vor anhaltende Solidaritätswelle entgegenbrandete. Der Berner Regierungsrat will dieser Tage mit einem Schreiben bei der SRG-Generaldirektion intervenieren und seinen Vorschlag nach einem Multimediazentrum gegen den voraussichtlichen Verlust von Know-how und qualifizierten Arbeitsplätzen wiederholen, wie bereits in der Beantwortung zweier Motionen aus Bieler Politkreisen.
Doch die Vision von einer prosperierenden Stadt der Kommunikation, wie sie etwa dem Bieler Stadtpräsidenten und Nationalrat Hans Stöckli vorschwebt, bekommt Risse. «Keine erfreuliche Sache», kommentiert Stöckli. Deshalb sollen auch die Berner und Neuenburger Parlamente im Bundesbern für das Multimediazentrum werben, Stöckli selbst hat bereits mit einer Interpellation im Nationalrat reagiert. Er bezweifelt, dass eine dezentralisierte Swiss TXT kostengünstiger betrieben werden könnte als wie bisher zentral im lohngünstigen Biel.
Bis jetzt haben die Verantwortlichen der SRG keinen Zweifel an ihrer Internetstrategie gelassen. Alle SRG-Sender betreiben bereits zur Vertiefung ihrer Sendungen ausgereifte Webseiten mit mehr oder weniger weit gehenden User-Angeboten. Doch mehrere voneinander unabhängige Internetangebote im Einzugsgebiet der SRG-Senderketten – Webauftritte des jeweiligen Senders plus Swiss Info und Swiss TXT zusätzlich – das sei zu viel, erklärt Simon Meyer. «Wir können uns das aus Effizienzgründen nicht leisten und müssen die Strukturen glätten», betont er. Added value – die Strategie zielt nicht auf Zusatznutzen und -Angebote, sondern auf die Vertiefung der Programme.
Allerdings pflegt die Westschweizer TSR mit einer eigentlichen Online-Boutique eine eigene Interpretation von Added value. Das hat selbstredend auch die Schweizer Zeitungsverleger auf den Plan gerufen, welche der Konkurrenz ihrer Internetplattformen Paroli bieten wollen. «Voraussetzung ist, dass die SRG im Internet auf Werbung verzichtet», sagt Verlegerverbandspräsident Hanspeter Lebrument. Die SRG hat dies bereits per Verwaltungsratsentscheid beschlossen, doch ob SRG-Webportale künftig Sponsoren ihre Plattform anbieten dürfen, ist noch nicht geklärt.
Werbung durch die Hintertür?Wird Swiss TXT längerfristig zum Bestandteil der Webauftritte der Senderketten, dann gibt es weitere Probleme zu lösen. Immerhin hat das Unternehmen eine Konzession zur kommerziellen Nutzung seiner Dienste, die etwa mit den Rubriken Love and Fun, Reisen, Touristik oder Entertainment über den News-Service und die TV-Programme hinausgehen. Dabei glänzt der crossmediale Teletext mit einem hohen Beachtungsgrad und mit steigenden Zuwachsraten: 1,3 Millionen Menschen nutzen Teletext jeden Tag. Der ORF, für den Swiss TXT die Teletextdienste vollständig bereitstellt, wirbt bereits mit dem Werbepotenzial der Schweizer Marke. So könnte sich Werbung durch die Hintertür auf die Senderportale schleichen. Simon Meyer dementiert: «Wir wollen die privaten Anbieter nicht konkurrenzieren und uns keine Hintertüren offen halten.»
Einen Wermutstropfen könnte es für Biel dennoch geben: Dieser Tage liess Generaldirektor Walpen intern verlauten, dass allenfalls die Overheads, also einzelne Arbeitsbereiche wie zum Beispiel die IT-Abteilung von Swiss TXT, in Biel verbleiben könnten. «Das ist erst mal eine Idee, vorerst nur die Redaktionen von Swiss TXT aufzuteilen und den Rest in Biel zu belassen», erklärt Meyer.
Die SRG braucht beim Dezentralisierungsvorhaben von Swiss TXT nicht zwingend politischen Vorgaben zu gehorchen. «Im Gegensatz zu Swiss Info benötigt unsere Konzession keinen parlamentarischen Segen aus Bern», erklärt Swiss TXT-Vizedirektor Beat Schneider, ob Biel oder aufgeteilt spiele da keine Rolle. So muss die politische Lobby für den Standort Biel wohl in den sauren Apfel beissen. Hans Ulrich Büschi, Präsident der SRG idée suisse Bern, Freiburg und Wallis, war zunächst ein Gegner der Dezentralisierung aus Sorge um den Medienstandort Biel und den Kanton Bern. Jetzt verweist er auf die roten Zahlen von Swiss TXT in Höhe einer halben Million Franken und meint im Hinblick auf die Digitalisierung des Fernsehens: «Das Medium Teletext ist langfristig ein Auslaufmodell.»
SRG muss sparenAm 28. Juni kündigte die SRG SSR idée suisse gegenüber den Medien rigorose Sparmassnahmen an, in einer ersten Runde ab 2007 in Höhe von 80 Millionen Franken. Das Unternehmen rechnet mit
einer Finanzierungslücke von 160 Millionen Franken bis 2009 als Folge des revidierten Radio- und Fernsehgesetzes (RTVG), Gebührenbefreiung für AHV-Bezüger, Wegfall der Bundessubventionen für Swiss Info, Investitionsbedarf in neue Produktions- und Verbreitungstechnologien, teurere Sport- und Filmrechte sowie der Multimediazukunft.
Angesichts real abnehmender Finanzmittel der SRG, die derzeit ein ausgeglichenes Finanzjahr präsentiert, muss mit Gebührenerhöhungen gerechnet werden. (rw)
Glitzernde Fassade, trübe Aussichten: Am Aus für Swiss TXT am Standort Biel gibt es wohl nichts mehr zu rütteln.
René Worni

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