Günstlinge der grossen Flut
Kolumne Hochwasser verdrängt Geheimdienst aus den Schlagzeilen: Oliver Fahrni über Günstlinge der grossen Flut.
Kolumne Von der Unwetterkatastrophe
profitierten nicht nur die Medien. Auch unsere Staatsschützer freuten
sich über die Umlenkung kollektiver Aufmerksamkeit zur rechten Zeit. Da steht einem für einmal nicht nur
metaphorisch das Wasser am Hals, und was sieht man? Viele fröhliche
Gesichter. Es hat eine merkwürdige Bewandtnis mit Natur- und anderen
Katastrophen: Menschen sterben, Existenzen werden vernichtet, die
Schäden sind enorm – und doch ersehnen wir den Unfall. Er nimmt uns für
einen Augenblick (oder ein paar Tage) aus dem Tretrad der
Selbstverwertung. Er unterbricht die Jagd. Er gibt uns ein kleines
Stück Zeit zurück. Die eiskalte unsichtbare Hand hat auf «Pause»
gestellt.
Nun holt der Wachmann Kaffee für alle. Man schleppt Sandsäcke über den
Luzerner Schwanenplatz und bekocht sich gegenseitig. Ein schwarzer
Strommarkt zieht seine Kabel vom trockenen Teil der Stadt in den
nassen. Boutique-Verkäuferinnen auf Nachtwache pumpen das Kleiderlager
aus und debattieren den Sinn des Lebens. Piera holt Luciano De
Crescenzo aus der Handtasche und liest vor. Die Bäckerin mit den hohen
Preisen macht Pläne für ein kommerzfreies Quartierfest: «Das darf jetzt
nicht einfach vorbei sein.»
Auch Urs von Däniken («Blochers Amok-Spitzel») wird sich über die Flut
gefreut haben. Sie zog die Aufmerksamkeit von seinem Schnüffelstaat ab.
Niedliches Wort für das Vorhaben: Was der Chef des Inlandgeheimdienstes
formuliert, hebelt mit freiheitsmörderischer Energie sämtliche
Persönlichkeitsrechte aus. Bevor der Regen den Mann erlöste, hatte er
damit seinen Chef, Christoph Blocher, kurz in Erklärungsnot versetzt.
Da schien so etwas wie die Öffentlichkeit noch zu funktionieren.
Doch das Thema ging den tosenden Bach runter (nicht die Sache,
freilich: Staatsschützer versuchen ohnehin nur, legal festzuzurren, was
sie längst treiben). Der übliche Erregungsjournalismus tat sein Werk,
samt branchenüblichem Metaphernsalat von Flut und Rache der Natur.
Tränenseliges und Gemeinplätze statt Zusammenhänge und Erhellung.
«Schweiz in Not – wo aber ist unser Bundesrat?», fragte der Blick in
einer Titelstory, die nichts, aber auch gar nichts klärte. Die
Recherchekapazitäten scheinen derzeit mit ein paar aufgeregten Quotes
erschöpft.
Da lässt sich ein Blocher nicht zweimal bitten. Dank Fürsorgestopp,
liess er verlauten, würden immer weniger Asylsuchende die Schweiz
heimsuchen. («Hier nix mehr Rolex», sagt der gefolterte Kurde zur
massenvergewaltigten Kongolesin, «du fahren besser nach Portugal.») Das
ist, in der behaupteten Kausalität, eine grobe Unwahrheit. Überall in
Europa sinkt die Zahl der Asylgesuche seit Jahren, unabhängig vom
Asyl-Regime. Diesen Fakt kennt jeder halbwegs sachkundige
Inlandredaktor. Dennoch wurde die blochersche Rosstäuscherei fraglos
rapportiert. Selbst jene Medien, die dem rechten Minister wenig
Freundliches nachsagen, liessen die Lüge stehen. So wie sie dem
bizarren Gedanken aufsassen, von Däniken habe seinen Anschlag auf die
Demokratie ohne Blochers Plazet in die Ämter geschickt. Doch keine
Bange: Bei Gelegenheit werden sie Blocher wieder mit furchtbar bösem
Kommentar überziehen, was ihm allerdings gleich doppelt dient.
Hier tritt die Essenz von Öffentlichkeit zu Tage – und unser Problem
damit. Können die Medien ohne Zensur senden und schreiben, ist das noch
keine Öffentlichkeit. Im fortgeschrittenen Kapitalismus kann jeder
schwätzen, was er lustig ist. Öffentlichkeit verlangt mehr: Klare
Begrifflichkeiten. Wissen. Zusammenhänge. Medien, die ihre Rolle der
Ver-Öffentlichung bewusst wahrnehmen…
Das tun sie nur noch selten. Lieber rapportieren sie. Firmen-PR,
Blocher-PR, Eigen-PR. So gesehen ist die wachsende Zahl von
Nicht-Lesern, Medien-Verweigerern und Blogologen unbewusst Teil einer
neuen medienökologischen Bewegung. Besser wäre, sie wüssten es.
profitierten nicht nur die Medien. Auch unsere Staatsschützer freuten
sich über die Umlenkung kollektiver Aufmerksamkeit zur rechten Zeit. Da steht einem für einmal nicht nur
metaphorisch das Wasser am Hals, und was sieht man? Viele fröhliche
Gesichter. Es hat eine merkwürdige Bewandtnis mit Natur- und anderen
Katastrophen: Menschen sterben, Existenzen werden vernichtet, die
Schäden sind enorm – und doch ersehnen wir den Unfall. Er nimmt uns für
einen Augenblick (oder ein paar Tage) aus dem Tretrad der
Selbstverwertung. Er unterbricht die Jagd. Er gibt uns ein kleines
Stück Zeit zurück. Die eiskalte unsichtbare Hand hat auf «Pause»
gestellt.
Nun holt der Wachmann Kaffee für alle. Man schleppt Sandsäcke über den
Luzerner Schwanenplatz und bekocht sich gegenseitig. Ein schwarzer
Strommarkt zieht seine Kabel vom trockenen Teil der Stadt in den
nassen. Boutique-Verkäuferinnen auf Nachtwache pumpen das Kleiderlager
aus und debattieren den Sinn des Lebens. Piera holt Luciano De
Crescenzo aus der Handtasche und liest vor. Die Bäckerin mit den hohen
Preisen macht Pläne für ein kommerzfreies Quartierfest: «Das darf jetzt
nicht einfach vorbei sein.»
Auch Urs von Däniken («Blochers Amok-Spitzel») wird sich über die Flut
gefreut haben. Sie zog die Aufmerksamkeit von seinem Schnüffelstaat ab.
Niedliches Wort für das Vorhaben: Was der Chef des Inlandgeheimdienstes
formuliert, hebelt mit freiheitsmörderischer Energie sämtliche
Persönlichkeitsrechte aus. Bevor der Regen den Mann erlöste, hatte er
damit seinen Chef, Christoph Blocher, kurz in Erklärungsnot versetzt.
Da schien so etwas wie die Öffentlichkeit noch zu funktionieren.
Doch das Thema ging den tosenden Bach runter (nicht die Sache,
freilich: Staatsschützer versuchen ohnehin nur, legal festzuzurren, was
sie längst treiben). Der übliche Erregungsjournalismus tat sein Werk,
samt branchenüblichem Metaphernsalat von Flut und Rache der Natur.
Tränenseliges und Gemeinplätze statt Zusammenhänge und Erhellung.
«Schweiz in Not – wo aber ist unser Bundesrat?», fragte der Blick in
einer Titelstory, die nichts, aber auch gar nichts klärte. Die
Recherchekapazitäten scheinen derzeit mit ein paar aufgeregten Quotes
erschöpft.
Da lässt sich ein Blocher nicht zweimal bitten. Dank Fürsorgestopp,
liess er verlauten, würden immer weniger Asylsuchende die Schweiz
heimsuchen. («Hier nix mehr Rolex», sagt der gefolterte Kurde zur
massenvergewaltigten Kongolesin, «du fahren besser nach Portugal.») Das
ist, in der behaupteten Kausalität, eine grobe Unwahrheit. Überall in
Europa sinkt die Zahl der Asylgesuche seit Jahren, unabhängig vom
Asyl-Regime. Diesen Fakt kennt jeder halbwegs sachkundige
Inlandredaktor. Dennoch wurde die blochersche Rosstäuscherei fraglos
rapportiert. Selbst jene Medien, die dem rechten Minister wenig
Freundliches nachsagen, liessen die Lüge stehen. So wie sie dem
bizarren Gedanken aufsassen, von Däniken habe seinen Anschlag auf die
Demokratie ohne Blochers Plazet in die Ämter geschickt. Doch keine
Bange: Bei Gelegenheit werden sie Blocher wieder mit furchtbar bösem
Kommentar überziehen, was ihm allerdings gleich doppelt dient.
Hier tritt die Essenz von Öffentlichkeit zu Tage – und unser Problem
damit. Können die Medien ohne Zensur senden und schreiben, ist das noch
keine Öffentlichkeit. Im fortgeschrittenen Kapitalismus kann jeder
schwätzen, was er lustig ist. Öffentlichkeit verlangt mehr: Klare
Begrifflichkeiten. Wissen. Zusammenhänge. Medien, die ihre Rolle der
Ver-Öffentlichung bewusst wahrnehmen…
Das tun sie nur noch selten. Lieber rapportieren sie. Firmen-PR,
Blocher-PR, Eigen-PR. So gesehen ist die wachsende Zahl von
Nicht-Lesern, Medien-Verweigerern und Blogologen unbewusst Teil einer
neuen medienökologischen Bewegung. Besser wäre, sie wüssten es.
> Oliver Fahrni ist freier Publizist und Medienökologe.
