«Wir müssen Vollgas geben»
Interview mit «Mr. 20 Minuten» Rolf Bollmann.
Tages-Anzeiger hat die Redaktion eines Weltblattes, ist aber faktisch
eine Regionalzeitung. Er muss wachsen, doch kann er das?
Rolf Bollmann: Es wäre
unfair, bereits Strategien darzulegen. Ich bin bis Ende Jahr noch für
20 Minuten verantwortlich, doch mache ich mir bereits Überlegungen für
den Tagi. Ich habe ein Konzept im Kopf und glaube, ich bin auf gutem
Weg. Das muss erst zu Papier und dann vor Geschäftsleitung und
Verwaltungsrat. Ich bin überzeugt, dass man innert nützlicher Frist
etwas davon hören wird. Man sammelt ja seit einem halben Jahr erste
Erfahrungen am linken Seeufer.
ww: Dort floriert mit der Tagi-Regionalausgabe derzeit für Tamedia ein Verlustgeschäft.Bollmann: Der Tages-Anzeiger ist eine unglaublich starke Marke. Ich kann Ihnen deshalb garantieren, dass er wieder wachsen wird.
ww:Sie werden diese Strategie trotzdem unterstützen?
Bollmann: Absolut.
Sie ist keineswegs verfehlt. Möglicherweise wird einiges korrigiert,
aber ich werde dafür sorgen, dass es mit Riesenschritten weitergeht.
ww:Gibt
es Richtung Schaffhauser Nachrichten oder Thurgauer Zeitung im
Nordosten Wachstumspozential? Tamedia hält ja bereits 20 Prozent am
Landboten.
Bollmann: Es
ist klar, dass der Tages-Anzeiger im Zweimillionen-Zürich wachsen muss,
deshalb prüft man alle Möglichkeiten. Der Tagi ist jedoch stark genug,
um aus eigener Kraft zu wachsen, denn er ist eine Marke, die weit über
den Kanton hinausstrahlt, ohne dass ich damit sagen will, es gebe eine
nationale Strategie.
ww: Die gab es ja schon – und die hat nicht funktioniert.
Bollmann: Dennoch:
200000 Leser wohnen ausserhalb des Kantons. Warum lesen die den Tagi?
Zürich strahlt in die ganze Schweiz aus, auch wenn man das in Basel
oder Bern nicht so gern hört. Und das muss man im Blatt abhandeln. Das
geht gar nicht anders.
ww:Also ist der Tagi doch eine Regionalzeitung, aber mit überregionaler Wirkung, wie die viel zitierte Washington Post?
Bollmann: Das
eine schliesst das andere nicht aus. Ich bin überzeugt, man kann eine
Doppelstrategie fahren. Manche haben Angst, mit der Regionalisierung
werde der Tagi provinziell. Das wird sicher nicht der Fall sein.
ww: Ein weiteres Denkmodell, jetzt wo Tamedia schwarze Zahlen schreibt: Wäre eine Beteiligung an der Basler Zeitung ein Modell?
Bollmann: Ich
habe keine Kompetenzen zu sagen, wir müssten jetzt alle Zeitungen
rundherum kaufen. Meine Aufgabe ist, inneres Wachstum zu erzielen –
alles andere ergibt sich von selbst.
ww: Sind Sie zuversichtlich, dass Sie sich mit Martin Kall und Peter Hartmeier finden können?
Bollmann: Ich denke schon, sonst hätte ich den Job nicht angenommen. Beide wissen, dass ich kein Ja-Sager bin.
ww: Unternehmensleiter Kall hat das bereits erlebt.
Bollmann: Wenn
ich etwas im Kopf habe, dann setze ich das meistens auch durch. Man hat
eine Chance nur mit dem Team, das die eigene Überzeugung teilt. Meine
Denkweise ist stark marketinggeprägt, nicht immer zur Freude der
Journalisten, die das manchmal etwas anders sehen.
ww: Wann können Sie mehr sagen?
Bollmann: Ich hoffe, dass wir bis Ende Jahr das Grobkonzept haben.
ww: Die Stimmung beim Tagi ist nach den Sparrunden nicht die beste. Spüren Sie Handlungsbedarf?
Bollmann: Ich
spüre eine gewisse Verunsicherung, das verwundert nicht. Ich sehe es
als eine meiner wichtigen Aufgaben, dass etwas mehr Lebensfreude und
Herzblut für den Tagi einkehrt, denn wir müssen Vollgas geben.
