À la mode de Zimmermann
Kolumne Die Chefredaktionen sind mit Männern besetzt, die Zeitungen entsprechend phallogen. Höchste Zeit also für Hanna Bütler, Petra Hartmeier & Co., meint Anita Hugi.
besetzt, die Zeitungen entsprechend phallogen. Höchste Zeit also für
Hanna Bütler, Petra Hartmeier & Co.Ich bin die kleine Derdiedas, die
Zimmerfrau, und schreib euch was. Ein kleines Ranking, das ist klar,
preiswert, den Fleiss wert, einfach wunderbar. Wobei: Das Thema, um das
es geht, ist für wenige der Schreibe wert: Frauen! Gender – ist das was
zum Essen? Nein. Sie wollen nun gar nicht weiterlesen? Sie denken:
Frauen in den Chefinnensesseln, ein uraltes Thema? Nun ja, Frauen,
Männer, Kinder, das leidige Thema ist effektiv seit 10000 Jahren
aktuell.
Hanna Bütler? Petra Hartmeier? Erna De Schepper? Klingt doch
interessanter. Und Chefinnen wie diese würden die Zeitungen um einen
kleinen und vielleicht grossen Unterschied in Blickwinkel und
Themensetzung erweitern. Die Zeitungen und also ihre Inhalte sind aber
äusserst phallogen. Dies zeigt auch folgende aufschlussreiche Analyse
zur Heterosexualität der Redaktionsleitungen: Von den grossen Schweizer
Zeitungen wird kein einziger Titel von einer Chefredaktorin
verantwortet. Keiner. In der mehr als 225-jährigen Schweizer
Printmedien-Geschichte gab es gerade eine grosseTageszeitung, die
weiblich geführt war: der Tages-Anzeiger unter Esther Girsberger, vom
1. Januar 1998 bis Ende Oktober 1999.
In den Chefredaktionen von Regionalblättern sitzen heute gerade zwei
Frauen. Den Zürcher Unterländer leitet Chefredaktorin Christine Fivian,
das Bieler Tagblatt ist seit einem Dreivierteljahr unter der
Herr-Schaft von Catherine Duttweiler. Aber sonst – keine
Frauenverantwortung, nirgends. Es sieht schlecht aus, sehr schlecht:
Für dieses exklusive Ranking wurden Chefredaktion oder
Personalabteilung aller Printtitel von Ringier, Tamedia, NZZ, Espace
Media sowie Le Temps um klare Personalangaben gebeten. Als Einzige
allerdings reichte Tamedia-Kommunikationschefin Franziska Hügli die
Zahlen ein. Zufälligerweise eine Frau? Wie auch immer. Das Ranking
entstand also wegen fehlender Information der Medienhäuser mehrheitlich
in fleissiger Handverlesung des Impressums.
Die Auswertung: Keine einzige Schweizer Zeitung hat einen
Frauen-Kaderanteil von über 50 Prozent. Einen Frauenanteil im Kader von
47 Prozent erreicht der Tages-Anzeiger, dies auch vor allem dank der
kleinen Ressorts im hinteren Teil der Zeitung. Die weiteren Titel
kratzen knapp die 20-Prozent-Kurve. Zudem: Kein einziges Ausland- oder
Inland-Ressort der 16 untersuchten Titel wird weiblich verantwortet.
Auch das Ressort Wirtschaft wird landesweit ohne Ausnahme männlich
geführt. Die Kaderfrauen sind meist Leiterinnen der Ressorts Kultur,
Kulturagenda, Leben und vereinzelt Wissenschaft (NZZ und NZZaS).
Das Ranking ist ernüchternd, klar. Was aber ist an einem Männerüberhang
denn so schlimm? Wozu braucht es Chefinnen überhaupt? Frauen würden
sagen: «Es braucht prinzipiell mehr Standpunktevielfalt, mehr
Diversität! Zwei sehen, denken, wissen, fühlen mehr als einer. Und die
Welt besteht nun mal mindestens aus Frau und Mann. Wenn nur Männer
Themen setzen, kommt eben auch eine Männerzeitung für Männer heraus.
Zeitungen, auf einem Auge blind, Inhalte im Mono-Modus. Wir wollen
mehr. Nicht, dass Schreiber mit Busen besser wären. Aber eben: anders.»
Liebe Frauen, mit solchen Verständnisvoten kommt ihr nie weiter, sagen
die Kämpferinnen und haben damit Recht. Doch veränderte sich auch mit
ihrem Kampf nicht wirklich viel. Krisen sind Chancen: Erst mit der
Medienkrise, den fallenden Inserate- und Abonnentenzahlen begreifen es
auch die Männer: Leser sind auch Leserinnen, und womöglich erst noch
die interessierteren. Doch wie gewinnt man die? Das frage sich die NZZ
schon länger, bekannte etwa Felix E. Müller an einer Podiumsdiskussion.
Doch: Nicht fragen, meine Herren, machen! Wer Leserinnen will, muss
Chef-Schreiberinnen holen. So einfach ist das. Denn was Frauen spannend
finden, wissen sie selbst am besten. Das ist simple Biologie. Männer
sind nun mal keine Frauen. Zum Glück.
Ausser Konkurrenz übrigens läuft die Wochenzeitung. Die WOZ hat mit der
neuen Doppelredaktionsleitung von Esther Banz und Susan Boos einen
Frauenkaderanteil von schreibe und sage 100 Prozent! Eine
Sensation. Gold, Silber und Bronze gehen deshalb an die WOZ – denn
Medaillen gibt es hier, wie in jeder Disziplin, einzig für echte
Glanzleistungen. Eine reguläre Chefredaktorin haben wir noch vergessen:
die Chefredaktorin der Appenzeller Zeitung, Monika Egli. Die Provinz
ist eben meist nicht dort, wo man sie in Zürich, Bern oder Basel
vermutet.
> Anita Hugi ist freie Journalistin und Mitglied des Presseladens Zürich.
