Verschmähter Liebhaber?

Editorial Seit Jahren strebt der Verlegerverband eine Beteiligung im Stiftungsrat des Presserates an.

Pierre C. Meier über Taktik und Provokation des Verlegerverbands-Präsidenten.Seit Jahren strebt der Verlegerverband
eine Beteiligung im Stiftungsrat des Presserates an. Eine berechtigte
Forderung, braucht ein solches Selbstkontrollgremium doch eine breit
abgestützte Trägerschaft, um seine Arbeit optimal erledigen zu können.
Neben den Medienschaffenden müssen auch die Verleger
eingebunden werden, denn die Einhaltung medienethischer Grundlagen kann
nicht nur Sache der Medienschaffenden sein, auch die Verleger müssen in
die Pflicht genommen werden. Das haben die meisten Länder erkannt.
Die Schweiz fährt wieder einmal einen Sonderzug, und der droht nun zu
entgleisen. Die sture Haltung der Journalistenorganisationen, die sich
strikte weigern, auch nur die Aufnahme von Verhandlungen über eine Beteiligung der Verleger in Betracht zu ziehen, passt den
Verlegern verständlicherweise nicht. Die Fronten sind verhärtet und der
Ton wird gehässiger. Sprach man bis jetzt von einem «hoch
qualifizierten Selbstkontrollgremium» (nachzulesen im Flash Extra 2005
auf Seite 79), tönt es nun ganz anders. In seiner Schlussrede zum
diesjährigen Verlegerkongress bezeichnete der Präsident der
Schweizerpresse, Hanspeter Lebrument, dieses Gremium plötzlich als
«geschwätzige und beliebige Institution». Und weiter: «Wir dürfen mit
gutem Grund von dieser Selbstkontrolle Abstand nehmen». Dass dieser
unsägliche Rundumschlag nicht gerade zur Entspannung der Lage beiträgt,
ist wohl klar.
Lebrument gebärdet sich wie ein verschmähter Liebhaber. Alle bisher
positiven Aspekte des Wunschpartners werden negiert, und man versucht,
den abweisenden Partner schlecht zu machen. Sogar dass man 20 Jahre
lang versucht hat, mit den «Organen dieses merkwürdigen Presserates» in
Verhandlung zu treten, scheint jetzt hinfällig zu sein.
Doch vielleicht hat das Ganze System und der machiavellistische
Taktiker Lebrument versucht mit seiner Provokation nur, die Diskussion
neu in Gang zu bringen. Der neu gewählte Vorsitzende des Departementes
Ethik, dem diese Aufgabe zukommt, ist nun gefordert. Man kann ihm dazu
nur viel Glück wünschen.

Pierre C. Meier, Chefredaktor

More articles on the topic