Mutige Entscheide
Gastkommentar Die Generation Golf rückt als Chefredaktoren nach. Ihre Ausgangslage ist ideal, weil ideologisch unbelastet, meint Res Strehle.
Chefredaktoren nach. Ihre Ausgangslage ist ideal, weil ideologisch
unbelastet, meint Res Strehle.
Nachdem man in der Schweiz früher erst in
jenem Alter Chefredaktor wurde, in dem man in China ins ZK der Partei
berufen wird, senken drei Ernennungen von Schweizer Tageszeitungen in
diesen Tagen das Durchschnittsalter der Schweizer Chefredaktoren ab
2006 markant. Bei der NZZ wird Markus Spillmann (38) auf Hugo Bütler
folgen, bei der Berner Zeitung lösen Michael Hug (41) und Markus
Eisenhut (43) Andreas Z’Graggen ab. Zwei mutige Entscheide, die zeigen,
dass die Verleger – eine gleich bleibende Amtszeit der neu Ernannten
wie ihrer Vorgänger vorausgesetzt – zumindest für die nächsten ein,
zwei Jahrzehnte an die Zukunft ihrer Printmedien glauben.
Die designierten Chefredaktoren sind, um mit Florian Ilies zu sprechen,
Vertreter der Generation Golf. Zu jung, um 68er oder Anti-68er zu sein,
ideologisch unbelastet und damit in idealer Ausgangslage
für Kommentare jeglicher Art. Sie werden auf aktuelle Themen nicht mit
ideologischem Reflex reagieren, sondern für die eine oder andere
überraschende Meinungsäusserung gut sein. Die Tatsache, dass Markus
Spillmann im Unterschied zu seinen Vorgängern nicht Mitglied der
freisinnigen Partei ist, spricht für seine Unabhängigkeit. Auch in
Sachen Irakkrieg hat sich der designierte NZZ-Chefredaktor nicht von
der Ideologie leiten lassen, sondern von den Fakten.
Ein gutes Zeichen für Unabhängigkeit ist auch, dass die drei nicht aus
dem innersten Zirkel der Macht kommen, sondern aus der Diaspora:
Spillmann aus der NZZ am Sonntag, Hug aus dem Solothurner Tagblatt, dem
Aussen-posten der Berner Zeitung in Solothurn, Eisenhut hatte 20
Minuten redaktionell verantwortet, bevor der Titel von Tamedia
übernommen wurde. Alle drei haben einen guten Job gemacht und gelten
als kommunikativ. Wenn sie irgendwo noch zulegen können, dann in Sachen
Meinungsstärke. Die Generation Golf ist auf hohem Niveau meinungslos,
die drei neuen Chefredaktoren dürften aber, um den Schriftsteller
Markus Werner zu zitieren, in ihrem Amt durchaus spielerisch die eine
oder andere Meinung herauspurzeln lassen.
Die neuen Ernennungen haben den Vorteil, dass künftig nicht mehr über
das Alter von Chefredaktoren diskutiert werden muss. Es wird wie
überall im Leben Alt und Jung nebeneinander geben, und weil im
Unterschied zu Fussballern abnehmende Schnelligkeit in den
Redaktionsstuben weniger stark ins Gewicht fällt als auf dem Rasen und
im Unterschied zu Zootieren der Attraktivitätsfaktor des Nachwuchses
weniger ins Gewicht fällt, wird künftig weder das eine noch das andere
zum Nachteil gereichen. Vielleicht kommt im Alter ja ein bisschen
Weisheit dazu. Und die Chefredaktorenkonferenz muss nicht mehr gleich
damit rechnen, dass ein Mitglied, kaum eingetreten, zwangsweise oder
freiwillig frühpensioniert wird.
Res Strehle ist Chefredaktor von Das Magazin und Präsident der Chefredaktorenkonferenz.
