Kompetenz? Adieu!
Kolumne Kompetenz schafft Routine und damit ein Problem. – Drum empfiehlt Constantin Seibt: Wenn Sie das Können überkommt, gehen Sie!
Glatze, Bauch und Kompetenz. Alle unmerklich, ohne dass man es
gefördert oder gemerkt hätte. Plötzlich ist da diese undefinierte Zone
um die Hüfte und die undefinierbare Aura von Können. Weiss Gott warum,
Sie wissen Bescheid.
Bauch und Glatze lassen sich verschmerzen, vor allem in unserem Beruf.
Leute im Text-Business sind selten körperliche Wunder, sonst wären sie
nicht in diesem Beruf,
der für uns Cyrano-de-Bergerac-Typen geschaffen wurde. Denn niemand
sieht die Nase des Kerls hinter dem Computer: Du musst nicht schön
sein, sondern nur schön schreiben.
Kompetenz allerdings ist ein echtes Problem. Klar hat es angenehme
Seiten, endlich zu wissen, was man tut: Dossiers zu kennen,
Vorgeschichten und Vornamen von wichtigen Leuten, alle Fallgruben, alle
Tricks, etc. Anfangs fühlt Können sich auch ganz schick an, so wie der
erste Anzug: eine smarte Rüstung aus Seide, Garant der
Unverletzlichkeit.
Das erste Problem mit über Nacht entdeckter Kompetenz ist allerdings,
dass plötzlich überall Missverständnisse auftreten. Sie werden
plötzlich nicht mehr verstanden werden. Und zwar aus einem simplen
Grund: Bis anhin waren Sie Hochstapler. Und haben alles getan, um dies
zu verbergen: Imponiervokabeln, in der Nacht gelernte, in der Sitzung
aus dem Ärmel geschüttelte Fakten, alles serviert mit der aggressiven
Lockerheit des Schutzlosen – Sie wissen schon. Und der Blindheit der
Welt sei Dank hatte all dies Erfolg. Nun plötzlich klappt es nicht
mehr, und zwar, weil Sie nun leider wirklich etwas auf dem Kasten
haben: Sie erdrücken Ihre Kollegen mit einem Overkill aus Fakten,
Fundiertheit und Formulierungen. Die Antwort auf ihre Vorschläge ist
dann: Applaus und Schweigen. Man wird Sie bewundern, hassen, aber nicht
mehr verstehen.
Dieses Problem lässt sich mit etwas Disziplin lösen: Weise schweigen
oft. Und zwar nicht, weil sie erkannt hätten, dass es nichts Wichtiges
zu sagen gäbe. Sondern, weil sie wissen, dass sie im anderen Fall eine
Menge unnützen Ärger bekommen.
Das wirkliche Problem mit Kompetenz ist, dass Sie, Mbwana, damit leben
müssen wie Bürolisten mit dem Anzug: Tag für Tag. Immer dieselben
erprobten, in die Tiefe gestaffelten Meinungen desselben graumelierten
Kopfes. Kompetenz befreit von Angst, Zweifel, beruflichen
Achillesfersen, sicher, aber sie setzt die Routine an Stelle des
Abenteuers.
Deshalb sollte man regelmässig etwas gegen Kompetenzen tun. Leider
lässt sich als Journalist selten der Beruf wechseln, die meisten haben
nichts Anständiges gelernt. (Und Unternehmens-PR ist auch nicht der
Job, den Kinder sich in Schulaufsätzen wünschen.) Aber wechseln lässt
sich das Ressort: Einige der cleversten Politikjournalisten schrieben
früher für Kultur, hart recherchierende Kulturjournalisten wären eine
Sensation, Ex-Sportjournalisten sind erfreulich in jedem Ressort. Nicht
zuletzt deshalb, weil Leser auch nicht anders sind als die Zuschauer im
Circus Maximus: Sie schätzen den kaum wahrnehmbaren, aber für ein Drama
unabdingbaren Geruch von Schweiss, Blut und Unschuld, den ein Anfänger
in der Manege hat.
Also, Mbwana, spezialisieren Sie sich nie! Auf kein Dossier, kein
Ressort, keine Rolle. Und wenn es doch passiert, dass Sie das Können
überkommt, gehen Sie. Nun, ich jedenfalls werde mich daran halten und
das Genre wechseln, von Kommentaren und Kolumnen in den
Tagesjournalismus. Keine Ahnung, ob ich das kann: Zweifel sind
berechtigt, Angst auch. Sicher ist nur: Was ich auf absehbare Zeit
nicht mehr tun kann, ist eine kompetente Ratgeberspalte. Somit, Mbwana,
ist dies hier meine letzte Kolumne. Leben Sie klug, glücklich und
inkompetent!
Constantin Seibt ist ab 1. Januar 2006 Redaktor beim Tages-Anzeiger.
