Populistischer Pitbull-Alarm

Kolumne Vom Merker zum Macher: Stephan Russ-Mohl über Journalisten, die – statt politisch Handelnde zu beobachten – selber initiativ werden.

Kolumne Vom Merker zum Macher: Wie Journalisten statt politisch Handelnde zu beobachten selber initiativ werden.Diesen Lehrbuch-Klassiker kennt jeder
Publizistik-Student: «Hund beisst Mann» ist keine Nachricht, «Mann
beisst Hund» ist dagegen eine. Die Meldung ist so rar, dass sie allein
schon aus diesem Grund einen hohen Sensations- und Neuigkeitswert hat.
So einleuchtend das Beispiel sein mag – die Journalismuslehrbücher
müssten inzwischen allesamt umgeschrieben werden. Denn spätestens seit
ein paar Wochen wissen wir auch in der Schweiz, dass zumindest
Kampfhunde sehr wohl für Schlagzeilen sorgen können. Nachdem sie ein
paar Jahre zuvor schon in Deutschland und in Italien das Sommerloch
gefüllt hatten, fletschten diesmal hier zu Lande in der
Vorweihnachtszeit Pitbulls und Rottweiler auf zahllosen Titelseiten
ihre Zähne.

Dank des Boulevardblatts Blick erwiesen sich die Hunde sogar regelrecht
als kampagnentauglich: Nachdem drei Pitbulls in Oberglatt bei Zürich
einen sechsjährigen türkischen Jungen zu Tode gebissen hatten, wurden
auf Betreiben der Blick-Redaktion in der Schweiz innerhalb von drei
Wochen 175000 Unterschriften für ein sofortiges Kampfhundeverbot
gesammelt. Journalisten haben somit nicht nur die Lehrbuchregel ausser
Kraft gesetzt, sondern sind einmal mehr aus der Rolle des «Merkers» in
die des «Machers» geschlüpft. Statt politisch Handelnde zu beobachten,
haben sie selbst eine politische Initiative lanciert.

Aber schon bevor Kampfhunde Schlagzeilen füllten, hätte längst
irgendwer Zweifel anmelden müssen, ob das klassische Beispiel «Mann
beisst Hund» tatsächlich klug gewählt war. Zumindest wäre nachzufragen
gewesen, ob die Mitteilung wirklich Nachrichtenwert hat. Denn in dieser
Variante handelt es sich – ganz im Gegenteil zum traurigen Geschehen in
Oberglatt – ja «nur» um eine unterhaltsame, aber letztlich irrelevante
«soft news».

Der Tessiner Fernsehjournalist Aldo Sofia hat deshalb das bekannte
Beispiel abgewandelt: «Hund wackelt mit dem Schwanz» sei keine
Nachricht, «Schwanz wackelt mit dem Hund» dagegen in hohem Masse
berichtenswert. Wenn der Schwanz mit dem Hund wackelt, sollte dies
Sofia zufolge journalistische Ur-Instinkte wecken.
Um im Bild zu bleiben: Das Ungeheuerliche an der Blick-Kampagne war
nicht die Forderung des Kampfhunde-Verbots. Über sie kann und muss in
der Demokratie selbstverständlich diskutiert und entschieden werden.
Ungeheuer war, wie der Schwanz mit dem Hund gewackelt hat. Das
Boulevardblatt hat all jene gewählten Parlamentarier populistisch unter
Druck gesetzt und an den Pranger gestellt, die seiner
Gesetzgebungsinitiative nicht willig Beifall zollten. Der Publizist
Roger de Weck hat schon vor langer Zeit davor gewarnt, dass nicht
Politiker wie Blocher, Haider, Le Pen oder Bossi die Populisten seien,
welche die Demokratie gefährdeten, sondern die Boulevardmedien. Der
Blick hat mit seiner Pitbull-Kampagne diese Beobachtung eindrucksvoll
bestätigt.

 

Stephan Russ-Mohl leitet das Europäische Journalismus-Observatorium der Universität Lugano.

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