Die Prinzen und die Presse

Kolumne Jürg Altwegg wundert sich über selbst auferlegte und verordnete Maulkörbe.

Kolumne Was der uneheliche Sohn von Albert II. mit der Ehe des französischen Innenministers zu tun hat.In seiner ersten Ausgabe des Jahres
vollstreckte Paris Match das Urteil im Prozess, den Albert II. gegen
das Magazin angestrengt hatte: In roten Lettern auf weissem Grund
musste es auf dem Umschlag veröffentlicht werden. In der ersten Instanz
war es noch drastischer ausgefallen: Die ganze Titelseite sollte für
die Prosa des Richters verwendet werden – und die Buchstaben drei
Zentimeter gross sein.

Der Fall ist klar: Paris Match hatte die Öffentlichkeit über die
Existenz eines unehelichen Sohnes von Albert II. informiert. Wenige
Tage nach der Veröffentlichung der Geschichte informierte Albert
seinerseits die Welt über den «Kleinen des Prinzen». An die Presse war
die Mutter gelangt. Den Prozess, den er in Deutschland aus gleichem
Anlass gegen die Bunte angestrengt hatte, verlor Albert II. hochkant.
Der Fall geht tatsächlich nicht nur die Franzosen an. Er hat eine
europäische Dimension. In Frankreich ist die Privatsphäre der Menschen
besser geschützt als in jedem anderen Land.  Doch das Gesetz wird
systematisch missbraucht.

Als Caroline, die Tochter von Fürst Rainier und der amerikanischen
Schauspielerin Grace Kelly, auf die Welt kam, begann eine neue Ära.
Erstmals wurden in Frankreich solche Fotos verkauft. Den Zuschlag bekam
damals France Soir. Nach der unfreiwilligen Premiere hat Caroline in
ihrem Leben auch für einen Rekord gesorgt: Sie hat rund 350 Prozesse
gegen Medien angestrengt und 95 Prozent von ihnen gewonnen. Mehr als
drei Millionen Schweizer Franken an Wiedergutmachung sind ihr
zugesprochen worden. Die Aufregung um das «Caroline-Urteil» in
Deutschland zeigt, dass die französische Rechtsprechung sehr wohl auch
die anderen Länder Europas zu beeinflussen beginnt.

Missbraucht wird das Gesetz auch von den Politikern. Beim Verfahren in
Paris gegen Paris Match handelte es sich um einen Zivilprozess. Dennoch
tauchte unvermittelt der Staatsanwalt auf und forderte eine
exemplarische Bestrafung. Es gehe, sagte er unverblümt, um den Schutz
der Kandidaten für die Präsidentschaftswahl. Gemeint war Sarkozy, der
Innenminister, der seine Ehe gewissermassen öffentlich führte, seine
Frau Cecilia zur Kabinettschefin machte, mit den Kindern ins Fernsehen
ging – aber der Presse mit Prozessen drohte, als Cecilia mit einem
anderen abgehauen war. Weil die französischen Zeitungen schwiegen, kam
Peter Rothenbühlers Lausanner Le Matin zu neuer Bekanntheit: Sarkozy
hat ihn eingeklagt.

Paris Match-Chef Alain Genestar hat in seinem Editorial den Auftritt
des Staatsanwalts zu erwähnen gewagt und diesen einen «einmaligen
Vorgang» genannt. In anderen Ländern beschreibt man so einen Skandal in
den Dimensionen von Watergate. Doch keine französische Zeitung hat
darüber eine Zeile verloren, alle haben Angst vor Sarkozy, dem nächsten
Präsidenten – der auch die Veröffentlichung einer in 25 000 Exemplaren
gedruckten Biographie von Cecilia verhinderte. Genestar garnierte
deshalb die Publikation des Skandalurteils mit einer
Solidaritätskampagne. Die Chefs der Frankfurter Allgemeinen Zeitung,
des Guardian, der Repubblica und von El Pais äusserten sich kritisch
zur Verurteilung. Auch Peter Rothenbühler kam zum Zug. Man darf daraus
schliessen, dass langsam so etwas wie eine europäische Öffentlichkeit
im Entstehen ist.

Es gibt eine zweite gute Nachricht. Inzwischen ist Cecilia zu Nicolas
zurückgekehrt, der Innenminister abends nicht mehr allein zu Hause.
Weil sich Sarkozy – zum Beispiel während der Krawalle in den Vorstädten
– wie ein gehörnter Macho aufgeführt hatte, ist dies politisch von
höchstem Belang. Die Journalisten wissen, sie dürfen wieder über
Sarkozys Privatleben schreiben. Nur der kleine Le Matin aus der Schweiz
hat die nationale Idylle und den wiedergefundenen Ehefrieden in der
Grande Nation mit einem kleinlichen Bericht gestört. Er veröffentlichte
einen Beitrag über die Umstände von Cecilias Rückkehr: Sie sei
eifersüchtig gewesen auf die neue Frau an Sarkozys Seite. Dass es sich
um eine – und welche! – Journalistin des Figaro handelte, wissen wir
auch nur dank dem Lausanner Boulevardblatt.

Jürg Altwegg ist Kulturkorrespondent der
Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit Sitz in Genf. Dieser Tage erscheint
bei Hanser sein neues Buch «Ein Tor, in Gottes Namen».

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