Macht Lüge Sinn?
Kolumne Lügen als unverzichtbarer Teil der Kommunikation: Hat die Wahrheit als oberste Norm ausgedient?
Kolumne Lügen als unverzichtbarer Teil der Kommunikation: Hat die Wahrheit als oberste Norm ausgedient?Auf diesen Tabubruch haben wir schon lange
gewartet: Wenn Medienschaffende, seien es Journalisten, PR-Leute oder
andere Kommunikationsmanager, in allen möglichen Ethik-Kodizes auf
Wahrheit als oberste Norm verpflichtet werden, dann musste wohl endlich
einmal ein Wissenschaftler daherkommen und das «beweisen», was uns
jetzt der Münsteraner Kommunikationsforscher Klaus Merten vor Augen
geführt hat: Dass «die Lüge ein unverzichtbarer Teil aller
Kommunikation» ist. Und dass deshalb wohl all die Ethikapostel, die uns
auf Wahrheitsliebe und Wahrhaftigkeit verpflichten wollen, scheinheilig
sind.
Merten hat nicht Unrecht: Wir alle kennen Situationen, in denen
Schwindeln als Kavaliersdelikt oder sogar als Artigkeit gilt oder in
denen – ein wenig vollmundig in systemtheoretischem
Soziologen-Chinesisch formuliert – «die Lüge als einer der wirksamsten
Mechanismen der Systemerhaltung» unentbehrlich ist.
Doch weil offenbar gute Argumente allein nicht reichen, hat Merten auch
noch eine empirische Untersuchung nachgeschoben. In einer Befragung von
über 650 PR-Experten hat er herausgefunden, dass die Ablehnung des
folgenden Statements ziemlich lauwarm ausfällt: «Wenn ich stets loyal
zu meinem Unternehmen sein will, gibt es gelegentlich Situationen, wo
ich zum Schutz des Unternehmens auch mal lügen muss.» Laut Merten
heisst das: «Der Konsens über das Lügen bzw. Nichtlügen trägt nicht.»
Immerhin plädiert Merten mitnichten für eine Freigabe der Lüge, sondern
stattdessen für einen «bewussteren Umgang mit derselben» und für eine
Kommunikationsethik, die uns «unnachsichtig» einen differenzierteren
und reflektierteren Umgang mit der Lüge abverlangt. So weit gut
gebrüllt, Löwe!
Aber schon das erste Beispiel, wie das konkret gemeint sein könnte,
wird sicher nicht ungeteilt Zustimmung finden: Es liesse sich fordern,
so Merten, dass «die verschriftlichte Lüge mit härterem Mass zu messen
ist als die nicht fossilierende, mündlich vorgebrachte Lüge». Was ja
dann wohl hiesse, dass es eher eine Petitesse ist, wenn uns Politiker,
Wirtschaftsführer oder auch Journalisten im Fernsehen die Unwahrheit
sagen – egal, ob in der Talkshow oder in der «Tagesschau». Dagegen
würde wohl so etwas wie ein Kapitalverbrechen daraus, wenn sie dieselbe
Aussage in einer Presseerklärung oder einer Zeitung schwarz auf weiss
zu Papier bringen.
Weil der PR-Experte «seinen Chef, sein Unternehmen, seine Ideen
schützen» müsse, dürfe oder müsse er, so Merten weiter, «schon aus
diesem Grund Wahrheiten im Zweifelsfall hintanhalten» oder eben auch
«lügen – aber dann natürlich möglichst gekonnt». Das «Schmuddelimage
der PR» sei somit «strukturell bedingt»; Öffentlichkeitsarbeiter
müssten «sozusagen die Drecksarbeit machen – wofür sie allemal eine
erkleckliche Schmutzzulage auf ihr monatliches Salär verdient hätten».
Nicht nur Müllwerker werden dieses Statement ziemlich zynisch finden …
Weitere Fragen bleiben offen: Ob uns mit Mertens Tabubruch wirklich
geholfen ist, beispielsweise. Und ob wir gut beraten sind, einem
Wissenschaftler künftig Glauben zu schenken, der mit seiner Forschung
so vehement jene oberste Norm in Frage stellt, auf die letztlich auch
er als Wissenschaftler verpflichtet ist. Mit diesem Einwand immerhin
scheint Merten gerechnet zu haben. Denn für Wissenschaftler postuliert
er – wie für den Eid vor Gericht – «erhöhte Wahrheitsanforderungen».
Immerhin: Vielleicht wäre es an der Zeit, dass Sozialforscher erst
einmal über die Sinnhaftigkeit bestimmter Tabus in unserer Gesellschaft
nachdenken, bevor sie diese um der Aufklärung (oder doch nur der zu
erzielenden öffentlichen Aufmerksamkeit) willen brechen.
Stephan Russ-Mohl leitet das europäische Journalismus-Observatorium der Universität Lugano.
