Noch zögern die Verleger
René Worni über die Debatte zur Trennung von Inhalt und Werbung.
Technologien, Kommunikations- und Werbemodelle, Gratiscontent und so
fort lassen den Druck auf Medienschaffende steigen. Die Zeit scheint
also wieder einmal reif für Leitplanken und Richtlinien.
Gegenwärtig versucht die deutsche Journalistenvereinigung Netzwerk
Recherche mit einem Medienkodex den gefährdeten Journalismus zu retten.
Das Regelwerk liest sich wie aus vergangenen Zeiten: Journalisten
arbeiten unabhängig, sorgfältig, umfassend und wahrhaftig sowie nach
dem Grundsatz Sicherheit vor Schnelligkeit. Sie garantieren
uneingeschränkten Informantenschutz, machen keine PR und erwarten dafür
die Unterstützung der Medienunternehmen. Der Kodex hat auch bereits
erste Medienwirkung: In bester Recherchiermanier hat das
Satiremagazin Konkret die Lauterkeit des Netzwerkvorsitzenden Thomas
Leif durchleuchtet.
Doch was vermögen Richtlinien für Journalisten und Verleger zu leisten?
Journalistische Realität ist subtil: Hier geht es um Grauzonen zwischen
besonnenem Journalismus der Qualitätspresse und dem schnellen der
Gratisblätter, meinte jüngst Zeit-Chefredaktor Giovanni di Lorenzo viel
sagend. Er und die Redaktion seien ergo der Weiterentwicklung des
Hamburger Qualitätsblattes zumindest nicht im Wege gestanden.
Ebenso liess die Redaktion des Wall Street Journal Europe Werbung auf
der Frontseite fast diskussionslos durchgehen. Und hier zu Lande?
Presseratspräsident Peter Studer spricht von bedenklichen Tendenzen,
von Denaturierungen des publizistischen Auftritts der Presse durch
Werbung. Doch die Chancen für ein Wohlverhaltensabkommen sind
intakt. Eine Charta, von den Chefredaktoren aufgesetzt, findet bei
Werbern und Werbeauftraggebern Gefallen. Nur die Verleger wollen sich
erst im Juni entscheiden. Nach den gescheiterten GAV-Verhandlungen hat
der Verlegerverband einseitig Mindeststandards erlassen. Da gibt es
einen Passus über das Verhältnis von Medienunternehmen und Redaktionen.
Bleibt zu hoffen, dass sich die Verleger nicht damit begnügen.
René Worni, Redaktor
