Redakteure an die Kette?

Kolumne Glaubwürdiger wäre zu benennen, was bei uns die Pressefreiheit täglich gefährdet, statt auf dem Karikaturenstreit herumzureiten, schreibt Oliver Fahrni.

Kolumne Glaubwürdiger wäre zu benennen, was
bei uns die Pressefreiheit täglich gefährdet, statt auf dem
Karikaturenstreit herumzureiten.  Freiheit hat man nicht, man nimmt sie
sich. Immer wieder. Oder, weniger burschikos vorgetragen: Mögen
Freiheiten in demokratischen Staaten auch verbrieft sein – allein ihre
regelmässige Ausübung verleiht ihnen Subs tanz und Gestalt. Dazu
gehört, dass ein bisschen Freiheit keine ist: Wer auf ihr besteht, muss
sie, wenigstens von Zeit zu Zeit, bis an den Rand ausschöpfen. Dies
gilt besonders für die Medienfreiheit.

Von ihr und vom freien Wort ist derzeit reichlich die Rede. Dem wäre
gut so. Leider ist der Anlass unappetitlich: Eine rechte dänische
Zeitung hat den Muslimen, allen Muslimen, mit zwölf Karikaturen über
den Propheten den rassistischen Stinkefinger gezeigt. Das tut man
nicht. Der Prophet wird in der Regel nicht bildlich dargestellt. Juden
und Protestanten halten es ebenso, unter den Monotheismen wuchern nur
Katholiken mit der symbolischen Wucht des Bildes. Auch waren die
dänischen Karikaturen eher von powerer Qualität, also nicht witzig, mit
einer Ausnahme, aber das tut hier nichts zur Sache.

Sie waren ohnehin, so schien es, ein Schlag ins Wasser. Dänemarks
Muslime ärgerten sich zwar, zeigten sich nur mässig provoziert. Sind
wohl schon etwas abgehärtet. Im Königreich, das aus unerfindlichen
Gründen immer noch im Ruf steht, ein kleines, nettes, tolerantes und
prinzipientreues Ländchen zu sein, herrscht ein rüder Umgang mit
Immigranten; die neuen Migrationsgesetze verletzen Menschenrecht, 
und die Medien nennen die Muslime schon mal Gesindel oder übler. So
viel Coolness durfte der Chefredakteur von Morgenavisen Jyllands-Posten
seinen Muslimen nicht durchgehen lassen. Sie spielten ihre Rolle nicht.
Immerhin ist Jyllands-Posten mit Hetze gegen Migranten und Islam von
der Provinzzeitung zur auflagestärksten Postille avanciert.
Premierminister Anders Fogh Rasmussen teilt diesen Werdegang.

Also wurden die Karikaturen wochenlang immer  wieder an
muslimische Community Leader verschickt, assortiert mit der Frage, ob
sie das wirklich nicht verletzte. Irgendwann fand sich ein Prediger zum
erwünschten Hass bereit und ging auf Agitationsreise. Der Rest scheint
bekannt – auch wenn sich ernsthafte Nahost-Kenner darin einig sind,
dass das Abfackeln westlicher Botschaften in Damaskus und anderswo
wenig mit den Karikaturen und viel mit der neuen harten europäischen
Hand gegen Syrien, Iran, Hamas et les autres zu tun hat. Konflikte
werden immer auch auf der Ebene der Symbole ausgetragen.

Darf Jyllands-Posten für derlei die Pressefreiheit in Anspruch nehmen?
Sie darf. So geht das Prinzip der Freiheit: Auch wenn sie ekelhafte
Ergebnisse zeitigt, wollen wir doch zu ihrer Verteidigung bereitstehen.

Das ist nur ein bisschen geheuchelt. In Wahrheit kennt jeder leitende
Redakteur die Situation,  einen Text oder eine Karikatur
entschärfen oder ablehnen zu müssen, weil sie die Gefühle von Chris ten
verletzten oder antisemitische Untertöne transportieren. AFP
veröffentlichte dieser Tage eine lange Latte von aktuellen Zensurfällen.
 
Journalistische Ethik würde im Falle der Jyllands-Posten verlangen,
dass wir zuerst jeden Angriff auf die Freiheit der Zeitung abwehren.
Dass wir uns aber dann, unter Journalisten und öffentlich, diese
Redaktion scharf vornehmen.  Einige dieser Karikaturen waren
eindeutig rassistisch – im strengen Sinn der Definition: Sie zielten
auf ethnische Stereotypen, verallgemeinerten, behaupteten die generelle
Minderwertigkeit des Islam und stifteten Hass gegen eine ganze Gruppe
von Menschen. Es war rassistische Hetze.

Schlimmer: Danach fühlten sich ein paar Journalisten um Alice Schwarzer
und Helmut Markwort bemüssigt, in einem islamophoben Manifest für die
freie Meinungsäusserung einzutreten. Glaubwürdiger wären sie, hätten
sie ein Wort dazu verloren, was bei uns die Medienfreiheit täglich
gefährdet, manchmal gar aussetzt: die Interessen der Anzeigenkunden,
Selbstzensur, Me dienkonzentration, der autoritäre neoliberale
Mainstream, ungenügendes Handwerk … Markwort hätte dazu ein paar sehr persönliche Fakten, Fakten, Fakten.

> Oliver Fahrni ist freier Publizist.

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