News aus dem Gallier-Dorf
René Worni über Chancen und Risiken lokaler Medienexperimente.
grosse weite Welt gibts ohnehin frei Haus, wer will sich da noch selber
die Schuhe staubig machen. Nicht nur beim Tages-Anzeiger hat man
gemerkt, dass die medialen Wurzeln im Lokalen liegen. Auch die NZZ
hatte damit geliebäugelt, sich jedoch kurz vor der Lancierung von fünf
neuen Lokalzeitungen im Thurgau auf schon bestehende Allianzen mit
Regionaltiteln besonnen.
Die Aargauer Zeitung hat längst erkannt, dass im verästelten
Kantonsgebiet, von den Juraketten zerschnitten, besondere
Informationsbedürfnisse des Publikums bestehen. Auch in der Westschweiz
ist 24 Heures – mit Startschwierigkeiten zwar – auf den
Regionalisierungszug aufgesprungen. Die Jungfrauzeitung schliesslich –
in Ansätzen von vielen kopiert – hat das Lokale zur obersten Maxime
erkoren und die kleine Welt mit Nachbars Sorgen zum Kern medialen
Geschehens gemacht.
Und jetzt verstärken auch die Schaffhauser Nachrichten ihren lokalen
Approach mit neuen Lokalredaktionen, welche in medialen Mikrokosmen
nach Geschichten schürfen und einen ansehnlichen Teil ihrer Arbeitszeit
in die Kontaktpflege mit Behörden und dem Publikum investieren. Der
Norden ennet des Rheins scheint ohnehin – gleich dem berühmten
gallischen Dorf – sich zum medialen Sonderfall zu entwickeln. Nicht
nur, dass die Besitzer nicht aufhören, den Eindringlingen Widerstand zu
leisten und partout nicht verkaufen. Dort scheint sich eine
Experimentierküche zu etablieren, aus der Mixturen zu erwarten sind,
die auch weiteren Schweizer Medienregionen bekommen dürften.
In Schaffhausen firmieren alle Medien unter einem Dach: Radio, TV,
Zeitung, Internet und sogar eine eigene Zustellorganisation ist dabei.
Dieses Setting macht es erst möglich, dass nicht mehr bloss Werbung
verkauft wird, sondern die Wirkung derselben. Noch befindet sich das
Projekt im Experimentierstatus. Doch es dürfte Schule machen,
hoffentlich mit derselben Nachachtung der redaktionellen
Unabhängigkeit.
René Worni
