«Anders als alle anderen»
Von Roger Federer über Bryan Adams bis hin zu Lang Lang – Urs Kessler, CEO der Jungfraubahnen von 2008 bis 2025, hat sie alle für spektakuläre Inszenierungen in die Jungfrauregion geholt. Für sein Lebenswerk wurde der 64-Jährige nun mit dem XAVER Lifetime Achievement Award geehrt.

DANIELLE HAUSMANN Ihr Name ist untrennbar mit den Jungfraubahnen und dem Jahrhundertprojekt V-Bahn verbunden. Sie waren fast 40 Jahre im Unternehmen tätig, davon 17 als CEO. In dieser Zeit haben Sie nicht nur die Infrastruktur geprägt, sondern auch neue Wege geschaffen, wie Menschen die Berge erleben können. Welche Vision hat Sie über all die Jahre geleitet?
URS KESSLER Mein Grundsatz war stets: Innovativ und kreativ kann man nur mit persönlichem Kundenkontakt sein. Deshalb habe ich zahlreiche Reisen nach Asien unternommen, denn dort lag der grösste Markterfolg der Jungfraubahnen – fast 70 Prozent unserer Gäste kommen aus Asien. In Japan, Korea und Singapur ist alles anders – der direkte Draht zu Kunden und Märkten war mir immer das Wichtigste. Genauso wertvoll war für mich aber auch der Kontakt zu den Mitarbeitenden – vom Schneeräumer bis hin zum GL-Mitglied. An den Wochenenden war ich oft im Gebiet bei meinen Leuten, weil unter der Woche dafür wenig Zeit blieb.
Events hatten immer einen grossen Anteil an Ihrem Wirken. Sie haben mit spektakulären Inszenierungen nicht nur den Schweizer Tourismus geprägt, sondern auch die Schweizer Eventbranche. Deshalb erhalten Sie nun von Swiss LiveCom Association EXPO EVENT den Lifetime Achievement Award für Ihr Lebenswerk. Was bedeutet Ihnen dieser Preis?
Er ist eine Wertschätzung und Anerkennung für jahrzehntelang geleistete Arbeit. Mein Motto bei den Events war immer: Je einprägsamer das Erlebnis, desto nachhaltiger ist der emotionale Eindruck, den es hinterlässt. Unser erster grosse Event auf dem Jungfraujoch war 2007 die Kick-off-Veranstaltung zur UEFA EURO 2008 in der Schweiz und Österreich. Daraus entstanden rund 20 grosse Events, immer gemeinsam mit starken Partnern wie eben der UEFA, Lindt & Sprüngli oder Omega. Diese Veranstaltungen erzielten weltweite Ausstrahlung: Das Konzert von Lang Lang erreichte 2022 in China über die sozialen Medien 500 bis 700 Millionen Kontakte. Weltweit für Aufmerksamkeit sorgte auch das Tennismatch von Roger Federer und Lindsey Vonn 2014 und ein Golfturnier mit Rory McIlroy 2018. Sie alle schwärmen heute noch von ihren Auftritten auf dem Jungfraujoch. Kein einziger dieser Events hat die Jungfraubahnen übrigens mehr als 50 000 Franken Cash gekostet.

1998 haben Sie zudem mit dem SnowpenAir auf der Kleinen Scheidegg eines der aussergewöhnlichsten Festivals der Schweiz gegründet. Wie entstand die Idee, ein Open Air mitten in den Bergen zu veranstalten?
Ursprünglich war es als Marketingmassnahme gedacht, um den Wintersportlern zu zeigen, dass die Pisten auch Ende März noch in einem Top-Zustand sind, und so die Wintersaison zu verlängern. Von Beginn weg gab es keinerlei Quersubventionen durch die Jungfraubahnen – das Festival war stets ein eigenes Profitcenter mit dem Ziel, mindestens eine schwarze Null zu schreiben. All das vor der einmaligen Kulisse von Eiger, Mönch und Jungfrau. 1998 kamen 3100 Besucherinnen und Besucher – mit Auftritten von DJ Bobo und Bryan Adams begann dann das sukzessive Wachstum.
Neben Bryan Adams haben Sie internationale Stars wie Joe Cocker, Deep Purple, Zucchero, Status Quo, Simply Red oder Amy Macdonald in die Jungfrauregion gebracht. Wie überzeugt man Weltstars davon, auf über 2000 Metern Höhe aufzutreten?
Die Kulisse sprach für sich, zudem verhandelte ich, wann immer möglich, direkt mit den Stars. Eines der Highlights war Bryan Adams 2004, der nach seinem Auftritt von der Bühne direkt auf die Skipiste wechselte – dafür haben wir ihm eigens Equipment organisiert und liessen den Lauberhornlift nochmals öffnen. Er schwärmte danach in höchsten Tönen davon, wie grossartig es auf der Kleinen Scheidegg sei. Auch an den letzten grossen Auftritt von Roxette, mit OneRepublic als Vorgruppe, erinnere ich mich gerne, ebenso an Joe Cocker und Zucchero. Zahlreiche Künstlerinnen und Künstler wurden gefördert, darunter auch lokale wie Trauffer. Speziell war auch das Engagement von Zucchero: Er kam während der Corona-Pandemie für eine Gage wie ein Schweizer Künstler und spielte für 500 Personen praktisch für ein Butterbrot – so eng waren die entstandenen Beziehungen. Dabei war mir aber immer wichtig, dass das Ganze rentabel bleibt.
Das SnowpenAir fand 2024 das letzte Mal statt. Es musste im Zuge der Einigung rund um die V-Bahn die Kleine Scheidegg verlassen – ein Ort, der untrennbar mit dem Festival verbunden war. Wie schwierig war es für Sie, dieses Herzensprojekt aufzugeben?
Kurz nach der letzten Ausgabe habe ich mit grosser Wehmut auf das SnowpenAir zurückgeblickt, insbesondere auf die vielen Begegnungen mit tollen Künstlerinnen und Künstlern, die ich sonst nie kennengelernt hätte. Gleichzeitig gab es auch immer viel Aufregung und viel Arbeit für das Jungfraubahnen-Team und mich selbst. Doch ich habe das immer gerne gemacht – und zwar in meiner Freizeit, ohne jegliche Entschädigung oder Spesen.
Was braucht es, damit die Schweiz auch in Zukunft besondere Erlebnisse schaffen kann, die international Aufmerksamkeit erregen?
Ohne Innovation und unternehmerisches Risiko gibt es keinen Erfolg. Entscheidungen zu treffen, heisst immer auch, Risiken einzugehen. Das Hauptproblem ist, dass sich heute alle absichern und möglichst keine Verantwortung übernehmen wollen. Für mich war stets das Wichtigste: «4×A – anders als alle anderen.»
Mit dem XAVER Lifetime Achievement Award werden herausragende Persönlichkeiten geehrt, die die Live-Kommunikationsbranche über viele Jahre geprägt und nachhaltig vorangebracht haben. Der Award würdigt visionäres Denken, unternehmerischen Mut und besonderes Engagement für die Branche.
Urs Kessler (64) begann mit 24 Jahren bei den Jungfraubahnen und war von 2008 bis 2025 deren CEO. Unter seiner Führung wurde das Jungfraujoch – Top of Europe zur führenden Bergdestination Europas, ergänzt durch die 2020 eröffnete V-Bahn. 1998 gründete er zudem das SnowpenAir und holte über die Jahre zahlreiche Weltstars in die Region. Heute ist er Verwaltungsratspräsident der Kursaal Interlaken Holding AG sowie Verwaltungsrat des Grand Hotel Beau Rivage in Interlaken und von Made in Bern.
