Diana Engetschwiler, eignet sich KI als CO-CEO? | Text Akademie Podcast #50
Sie war Volleyball-Nationalspielerin, arbeitete bei der FIFA und baute als Vizechefin von digitalswitzerland die digitale Schweiz mit auf. Heute führt Diana Engetschwiler ein interdisziplinäres ETH-AI-Team und baut eine KI-Plattform für die Finanzindustrie auf. Im Podcast der Text Akademie erklärt sie, warum KI in der Führung noch kein Co-CEO ist, weshalb nur 5 Prozent der KI-Prototypen in Firmen Wert schaffen und woran man eine echte KI-Strategie erkennt.
Die Frage von Moderator Christoph Soltmannowski ist provokativ gestellt: Eignet sich KI als Co-CEO? Engetschwilers Antwort fällt nüchtern aus. «Im Moment ist es ein Executive Assistant», sagt sie. Ein Dashboard, das E-Mails, Kalender und To-dos an einem Ort bündelt, wäre der erste Schritt. Viele Führungskräfte gehen nicht einmal den. KI verarbeitet grosse Datenmengen, erkennt Muster und hält Kontext. Was ihr fehlt, ist der Zugang zu den Emotionen und Beziehungen der Beteiligten. In einer Krise muss ein CEO politisch eingebundene Akteure mit eigenen Interessen vereinen. Diese Kontakte pflegt der Mensch.
Zum Thema Leadership kam Engetschwiler über den Sport. Nach einer Ausbildung in Boston mit den üblichen Case Studies stellte sie fest: «Ich muss diese Leadership-Fähigkeiten trainieren können.» Wie im Volleyball, über Wochen, mit Feedback. Aus dieser Einsicht entstand ihr erstes KI-Start-up, ein KI-Coach für junge Führungskräfte.
Empathie lässt sich simulieren
Ausgerechnet bei der Empathie, die laut WEF-Report zu den wichtigsten Future Skills gehört, zeigt die KI überraschende Resultate. Engetschwiler zitiert eine Studie aus der Ukraine: Eine Gruppe von Frauen erhielt eine Psychologin, dreimal 60 Minuten pro Woche, die andere Gruppe eine KI. Die Psychologin reduzierte die Angst ihrer Klientinnen um 45 Prozent, die KI um 35 Prozent. «Irgendwo kann die KI diese Empathie simulieren», sagt Engetschwiler. Spüren könne sie nichts, aber Muster erkennen, etwa ob ein Gesicht traurig oder fröhlich ist. Auf der Plattform Replika führen 30 Millionen Menschen eine Beziehung mit einer KI. Host Christoph Soltmannowski hält fest: «Es funktioniert, kann man nüchtern sagen.» Engetschwilers Antwort: «Offenbar.»
Warum nur 5 Prozent der KI-Projekte Wert schaffen
Deutlich wird Engetschwiler beim Zustand der KI-Projekte in Firmen. Laut NANDA-Report schaffen nur 5 Prozent der Prototypen Wert. Die Ursachen sieht sie bei den Menschen: Ängste, fehlendes Interesse, und KI, die nicht in den Arbeitsprozess eingebunden ist. Ist das interne Produkt zu schwach, weichen Mitarbeitende auf ihr privates ChatGPT oder Claude aus. Eine echte KI-Strategie erkennt sie an drei Dingen: Buy-in des Verwaltungsrats, klare Vision, eigenes Budget. «Viele behaupten: Wir machen KI, und haben einfach Copilot installiert. Für mich ist das keine KI-Strategie.» Dazu gehöre die Bereitschaft, ein Innovationsprojekt scheitern zu lassen. Hier sieht sie eine Schweizer Schwäche: Wer scheitert, wird schlecht dargestellt, in Amerika ist man ein Hero. «Da können wir Schweizer uns wirklich eine Scheibe abschneiden.»
Mini-Silicon-Valley an der Limmat
Beim KI-Standort Schweiz ist Engetschwiler zuversichtlich. Im World Competitiveness Ranking liegt das Land in den Top 3, bei der Infrastruktur seit fünf Jahren auf Platz eins. Anthropic, OpenAI und Google bauen ihre Standorte in Zürich aus. ETH und EPFL entwickeln mit Apertus ein eigenes Sprachmodell mit hohen ethischen Standards. «Wir kreieren hier ein Mini-Silicon-Valley», sagt sie. Bei der Anwendung liegt die Schweiz hinter Norwegen und Dänemark auf Platz drei in Europa, allerdings vor allem privat. Beruflich schränken viele Firmen die Nutzung ein.
Auf die Schlussfrage, ob in fünf Jahren selbstverständlich eine KI in jeder Geschäftsleitung sitzt, antwortet Engetschwiler mit Nein. Technologisch sei das möglich. «Ob wir Menschen uns so schnell daran anpassen, da bin ich unsicher.» Und eine Entscheidung würde sie der KI nie allein überlassen: die Einschätzung anderer Menschen.
Die Podcastfolge auf Spotify
Die Episode mit Diana Engetschwiler ist Teil der Videoreihe «AI und Gesellschaft – Wege in die neue Welt», produziert von der Stiftung Schweizerische Text Akademie, Swiss Prompt Engineering Academy, Science City Davos und Lab42 Davos. Sie ist auf YouTube, Spotify und allen gängigen Podcast-Plattformen verfügbar. Produziert von castalavista.com
