Letzter Rauch vor Las Vegas

Roger Benoits «Formel Wahnsinn» fährt zurück in jene Formel 1, die nach Benzin, Zigarren und Gefahr roch – und deren Mythos heute das emotionale Fundament eines globalen Milliardenbusiness bildet.

«Formel 1 Wahnsinn» erscheint bei Blick, Buch-Editionen, Ringier AG. Alle Rechte liegen bei der Ringier AG. Herausgeber: Blick.

Wenn Bernie Ecclestone im Vorwort beschreibt, wie er vor über fünfzig Jahren erstmals einen jungen Reporter mit Zigarre im Formel-1-Fahrerlager sah, beginnt dieses Buch bereits wie eine Szene aus einer anderen Welt.

Worum geht es in «Formel Wahnsinn»? Natürlich erzählt Roger Benoit von Rennen, Fahrern, Intrigen, Abstürzen und Exzessen. Von Regazzoni, Lauda, Senna, Schumacher oder Ecclestone. Doch eigentlich dokumentiert dieses Buch etwas viel Grösseres: den kulturellen Aufstieg der Formel 1 vom gefährlichen Mythos der Farbfernseh-Ära zur globalen Hochglanzmaschine des Streaming-Zeitalters.

Die Formel 1 war einst keine perfekt kuratierte Entertainment-Plattform. Sie war laut, chaotisch, verraucht, glamourös und manchmal leider auch tödlich. Sie gehörte zu jener globalen Popkulturwelt, die in den Siebzigern und Achtzigern durch die Wohnzimmer flimmerte: Muhammad Ali, Mondlandung, Discofieber, Hollywood, Rockmusik und eben auch die Formel 1. Roger Benoit sass mittendrin. Nicht als distanzierter Chronist, sondern als Teil des Zirkus.

Heute rast die Formel 1 unter Neonlicht durch Las Vegas, Katar oder Jeddah und wird von Streamingplattformen, Luxusmarken, Techkonzernen und geopolitischen Interessen angetrieben. Benoits Buch wirkt daneben fast wie der letzte Rauch einer alten Welt, deren Mythos bis heute das Fundament dieses Milliardenbusiness bildet.

Reporter mit Stallgeruch

Roger Benoit gehört zu jener Journalistengeneration, die nicht bloss über ihre Szene berichtete, sondern Teil davon wurde. Er spielte mit Bernie Ecclestone Backgammon, sass mit Fahrern bis tief in die Nacht zusammen und bewegte sich in einer Welt, in der Teamchefs noch Patriarchen waren und Fahrer sich verhielten wie Rockstars auf Rädern.

Die Geschichten über Nelson Piquet, James Hunt, Gilles Villeneuve oder Gerhard Berger lesen sich deshalb nicht wie kontrollierte PR-Storys, sondern wie Tagebucheinträge aus einer Epoche, in der die Formel 1 noch näher am Rock’n’Roll als an der Unternehmenskommunikation war. Hunt schläft nach durchzechter Nacht im McLaren seinen Rausch aus, Piquet sorgt für Chaos, Berger veräppelt Senna – vieles davon wäre heute undenkbar. Nicht nur wegen der sozialen Medien, sondern weil die Formel 1 inzwischen vollständig professionalisiert und kontrolliert wurde.

Gerade deshalb entwickelt das Buch seine Wirkung. Benoit beschreibt keine kuratierte Vergangenheit, sondern eine Welt voller Reibung, Instinkt, Eitelkeit, Humor und Risiko. Eine Welt mit Stallgeruch.

Formel 1 als Popkulturmaschine

Der eigentliche Reiz beim Schreiben dieser Rezension lag weniger im Motorsport selbst als in der kulturellen Dimension dahinter. Die Formel 1 wurde nicht gross, weil sie bloss schnelle Autos zeigte. Sie wurde gross, weil sie Teil jener globalen Bildwelt wurde, die das Farbfernsehen überhaupt erst erschuf.

Die Formel 1 jener Jahre funktionierte wie Hollywood auf Rädern. Die Fahrer waren Heldenfiguren, die Rennen internationale Abenteuerfilme, die Schauplätze Sehnsuchtsorte einer ganzen Generation. Die leicht körnige Bildsprache der damaligen Fernsehübertragungen verlieh diesem Sport eine schwer begreifbare Wucht. Gerade die Unschärfe machte ihn real. Gefahr wirkte damals nicht wie kalkulierte Dramaturgie, sondern wie ein ständiger Gefährte im Pantoffelkino.

Roger Benoit wurde zu einem jener Reporter, die diesen Mythos miterschufen. Nicht analytisch-distanziert, sondern mittendrin. Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb «Formel Wahnsinn» über weite Strecken weniger wie ein klassisches Sportbuch wirkt als vielmehr wie ein kulturelles Archiv der späten analogen Moderne.


Vernissage im «The Studio»: Grosse Bühne fürs Benoit-Buch

Die Vernissage fand gestern Montagabend im Ringier-Pressehaus in Zürich statt – ein Abend, der ganz im Zeichen seiner Karriere, seiner Geschichten und seiner Weggefährten. Wo Roger Benoit auftaucht, sind grosse Zahlen und seine legendären Zigarren nicht weit. 826 Grands Prix hat er bisher vor Ort erlebt. Dafür ist er rund 100 Mal um die Welt gereist. Und dann jene Zahl, die für Lacher sorgte: schätzungsweise 100’000 Zigarren hat Benoit in dieser Zeit vernichtet.
Marc Walder, Roger Benoit, Peter Sauber, Mark Surer vor Hingucker: Der original Sauber C20 von 2001, das erste F1-Auto von Rennfahrer Kimi Räikkönen.
Zum Abschluss der Vernissage wird auch der Buchautor, Daniel Leu, auf die Bühne gebeten. Ein Jahr lang habe er Roger Benoit für das Werk, das nun bereits in der zweiten Auflage gedruckt wird, immer wieder motivieren müssen, erzählt er – kein einfaches Unterfangen. Umso grösser deshalb die Dankbarkeit am Ende dieses Prozesses. Leu richtet sich direkt an Benoit und bringt es mit zwei Worten auf den Punkt: «Danke, Wahnsinniger!»

Vom Benzindunst zur Milliardenmaschine

Spannend ist dabei vor allem der Kontrast zur heutigen Formel 1. Aus dem einstigen Fahrerlager-Zirkus wurde ein globales Entertainment-System. Liberty Media verwandelte die Formel 1 in eine milliardenschwere Plattform aus Sport, Lifestyle, Streaming, Hospitality und geopolitischer Markeninszenierung. Rennen in Las Vegas oder Saudi-Arabien funktionieren heute wie gigantische Filmproduktionen. Technologieunternehmen, Luxusmarken und Staatsfonds ersetzten die alten Tabakgiganten.

Wo früher Marlboro dominierte, stehen heute Oracle, AWS oder Aramco. Wo früher Mechaniker rauchten, präsentieren heute Sponsoren ihre ESG-Strategien. Wo früher Mythos spontan entstand, wird er heute dramaturgisch produziert.

Netflix beschleunigte diese Entwicklung zusätzlich. «Drive to Survive» machte die Formel 1 endgültig zur globalen Unterhaltungserzählung. Plötzlich fanden auch Menschen zur Formel 1, die sich zuvor nie für Motorensound oder Reifenstrategien interessiert hatten.

Und trotzdem lebt die moderne Formel 1 emotional bis heute von den Bildern jener alten Welt. Von Senna im Regen, von Hunts Exzessen, von Laudas Narben, von den drei Schweizern Regazzoni, Surer und Siffert, von der Aura einer Zeit, in der Sport noch nicht komplett kontrolliert wirkte. Die moderne Formel 1 verkauft heute auch ihre eigene Vergangenheit, ihr wohl grösster wirtschaftlicher Erfolgsfaktor.

Roger Benoit und die alte Blick-Schule

Dabei erzählt «Formel Wahnsinn» indirekt auch etwas über den Journalismus selbst. Roger Benoit steht nicht nur für die alte Formel 1, sondern ebenso für eine Reportergeneration, die Geschichten über Beziehungen, Präsenz und jahrzehntelange Nähe entwickelte – und nicht über Datenströme, KI-Zusammenfassungen oder algorithmische Content-Produktion.

Bei Ringier und beim Blick ist Benoit längst eine publizistische Institution. Fast wirkt er wie ein letzter Überlebender jener Reporterzeit, in der Charakter wichtiger war als Prozessoptimierung. Marc Walder beschreibt im Buch eindrücklich, wie gross Benoits Aura bereits Anfang der Neunziger innerhalb des Hauses war.

In einer Medienwelt, die zunehmend automatisiert wird, erscheint eine Figur wie Roger Benoit beinahe aus der Zeit gefallen. Und genau deshalb plötzlich wieder hochinteressant. Seine Stärke war nie sterile Perfektion, sondern Nähe, Atmosphäre, Instinkt und Menschenkenntnis. Das spürt man in diesem Buch auf fast jeder Seite.

Zeitdokument und Motorsportbuch

«Formel Wahnsinn» ist kein fein literarischer Essayband. Das Buch funktioniert wie eine grosse Boxengasse aus Erinnerungen, Anekdoten, Ranglisten, Weggefährten-Zitaten und Zeitzeugnissen. Mal boulevardesk, mal melancholisch, mal humorvoll, mal erstaunlich tiefgründig. Diese Unordnung passt erstaunlich gut zu Benoit. Auch er war nie glatt, nie steril, nie auf gefällige Eleganz getrimmt, sondern direkt, eigensinnig und obsessiv nahe dran. Vielleicht muss ein Buch über Roger Benoit genau so aussehen.

«Formel Wahnsinn» ist deshalb weit mehr als ein Motorsportbuch. Es ist die Geschichte davon, wie aus Benzindunst, Zigarrenrauch und körnigen Fernsehbildern eine perfekt vermarktete Milliardenmaschine wurde, die heute unter Neonlicht durch Las Vegas rast.

Und mitten zwischen diesen beiden Welten sitzt Roger Benoit bis heute im Fahrerlager. Fast wie der letzte Mann, der sich noch an den ursprünglichen Geruch erinnert.


Über das Buch

«Formel Wahnsinn»
272 Seiten, Hardcover, 1. Auflage Edition 2026
ISBN-Nr. 978-3-03875-643-9
Preis: CHF 48.– bestellbar auf beobachter.ch/shop (oder via Direktlink) erhältlich in allen Buchhandlungen der Schweiz.
In Deutschland und Österreich ist das Buch auf Amazon erhältlich und in allen Buchhandlungen bestellbar.

Über den Autor

Daniel Leu ist stellvertretender «Blick»-Sportchef und deckt seit über 25 Jahren als Journalist die Welt des Sports ab. Fussball, Formel 1, Ski, Eishockey – es gibt kaum eine Sportart, über die er nicht regelmässig berichtet. In seinem Privatleben spielt nebst der Familie vor allem der Fussball eine grosse Rolle. Der 49-Jährige ist leidenschaftlicher Groundhopper. Das bedeutet, dass er sich an möglichst vielen Orten Fussballspiele anschaut, egal ob 5. Liga oder Champions League.

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