Ringier geht all-in mit AI

Im blue Cinema Corso inszenierte Ringier-CEO Marc Walder die Zukunft des Medienhauses als filmreifen AI-Showdown. Die Zahlen geben ihm recht. Doch «all-in» ist im Medienbusiness kein Poker-Move, sondern eine strategische Wette auf Vertrauen, Technologie und Tempo.

Marc Walder kam nicht einfach auf die Bühne. Er kam aus einem Film. Sequenzen dieses verblüffend realistischen AI-Streifens, produziert von Georg Sturm und seinem Team, sind Teil des folgenden Speak-Videos mit Stimmen und Stimmung dieses Vormittas.

Frühmorgens, auf dem Weg zur Arbeit, bewegt sich der Ringier-CEO durch eine AI-generierte Bilderwelt, die Hollywood, das Zürich des 19. Jahrhunderts und die Beatles zusammenführt. Ein Pop-Klassiker lieferte die passenden Beats: Popgeschichte, Studiotechnik, Konzeptalbum, kultureller Umbruch. Ein Stück Musikgeschichte als Folie für ein Medienhaus, das sich selber als traditionsreich, beweglich und technologisch wach begreift.

Und Walder? In diesem Auftaktfilm sah er ein bisschen aus wie Bruce Willis. Nicht ganz John McClane, der sich durch «Die Hard» kämpft. Eher wie ein CEO, der weiss: Im Mediengeschäft pokert man nicht um Jetons, sondern um Vertrauen. Wer die Zeichen der Zeit zu spät erkennt, hat im Hochhaus der Disruption schlechte Karten.

AI sei Dank: Ringier-CEO Marc Walder fetzt im speak-Movie durch Zürichs Strassen

Das passte zum Vormittag im blue Cinema Corso am Bellevue mit Blick auf Sechseläutenwiese, Opernhaus und Uetliberg. Ringier präsentierte mit «Speak 2026» nicht nur Zahlen, Strategie und interne Parolen. Es war ein inszeniertes Bekenntnis: KI ist nicht mehr Experiment. KI ist Infrastruktur. KI ist Arbeitsmittel. KI ist Kulturprogramm. KI ist Erzählmotor.

Blick auf die Bühne im gut besuchten Corso-Saal am Bellevue

«KI ist tot, lang lebe die KI»

Walders zentrale These klang paradox, war aber präzis gemeint: KI als massenhaft ausgespuckter Inhalt verliert an Wert. KI als Infrastruktur gewinnt an Macht. Er sprach von «AI Slop», von digitalen Müllbergen, von künstlich erzeugten Videos, Bildern, Songs und Texten, die das Netz fluten. Von Bots, die mit Bots sprechen. Von einer Realität, die verhandelbar wird. Von einem Internet, das intelligenter wirkt als je zuvor – und dem man doch immer weniger trauen kann.

Damit legte Walder den argumentativen Boden für Ringiers eigene Positionierung: Wenn draussen alles synthetischer, schneller und austauschbarer wird, steigt der Wert von Marken, die Vertrauen, Urteilskraft und Herkunft versprechen. Das ist die starke Seite der Ringier-Erzählung. Sie ist nicht defensiv. Sie sagt nicht: KI bedroht uns. Sie sagt: KI zwingt uns, besser, schneller und klarer zu werden.

Der Ferrari auf dem Laptop

Die anschliessende Medienrunde an der Dufourstrasse unterstrich nochmals, wie ernst es Ringier meint. Walder sprach davon, dass alle Mitarbeitenden faktisch einen «Ferrari auf dem Laptop» hätten. Gemeint waren die 7000 Google-Workspace-Lizenzen inklusive Gemini.

Die Botschaft war klar: KI soll nicht punktuell genutzt werden. KI soll in die tägliche Arbeit integriert werden. Redaktion, Sales, Produkt, Marketing, Controlling, Legal – alle Bereiche sollen AI-getrieben effizienter, präziser und schneller werden.

Wer das nicht adaptiere, so Walder sinngemäss, werde Mühe bekommen.

Das ist technologisch nachvollziehbar. Und vermutlich alternativlos. Die Medienindustrie erlebt derzeit eine Disruption, die womöglich noch fundamentaler ist als jene durch das Internet selbst.

Die Zahlen geben Rückenwind

CFO Annabella Brassler lieferte dazu die betriebswirtschaftliche Dramaturgie. Ringier wirkt derzeit stabil und handlungsfähig. Das EBITDA stieg 2025 auf 120,3 Millionen Franken, die EBITDA-Marge erreichte mit 15,8 Prozent einen Rekordwert. Bereits 83 Prozent des operativen Gewinns stammen aus digitalen Geschäften.

Der erfolgreiche Börsengang der Swiss Marketplace Group brachte zusätzliche Liquidität und zeigt gleichzeitig, wo Ringier heute besonders stark ist: bei digitalen Plattformen, Jobbörsen, Immobilien- und Ticketinggeschäft.

Gerade dort zeigt sich auch die wirtschaftliche Realität moderner Medienhäuser. Das grosse Geld fliesst zunehmend aus kommerziellen Plattformen und digitalen Services – nicht primär aus der klassischen Vermarktung journalistischer Inhalte.

Und doch wäre es voreilig, daraus den Niedergang des Journalismus abzuleiten.

Die neue Chance für Qualitätsumfelder

Walders Analyse der Plattformökonomie war an diesem Morgen scharf. Wenn Nutzerinnen und Nutzer ihre Informationsreise künftig bei ChatGPT, Perplexity oder Claude beginnen, verliert der klassische Medien-Funnel massiv an Kraft. Walder nannte dazu eine dramatische Zahl: Von 1’700 Anfragen zu News-Themen leite etwa OpenAI nur eine Person auf eine Medienplattform weiter. Die Zahlen dürften bei anderen KI-Modellen ähnlich sein.

Das ist Sprengstoff für Reichweite, Sichtbarkeit und Werbeerlöse. Gleichzeitig liegt genau darin eine neue Chance: Wenn AI-generierter Content die Social-Media-Plattformen flutet und Suchmaschinen ihre alte Gatekeeper-Rolle verlieren, könnten qualitativ hochwertige, glaubwürdige Medienumfelder wieder an Bedeutung gewinnen.

Und wenn Marken zunehmend Mühe haben, ihre Werbung neben synthetischem KI-Müll, Fake-Inhalten oder fragwürdigen AI-Feeds zu platzieren, gewinnt das kontrollierte publizistische Umfeld wieder an Wert. Vertrauen wird zur Währung. Ringier verfügt mit Ringier Advertising über einen starken Vermarkter, dem zuzutrauen ist, diese Entwicklung aufzunehmen und in Wachstum zu übersetzen.

Auch journalistisch schafft Ringier Voraussetzungen dafür. Walder betonte mehrfach, dass jeder veröffentlichte Inhalt journalistisch verantwortet und redigiert werden müsse. KI soll unterstützen, beschleunigen, strukturieren und recherchieren helfen – nicht den publizistischen Kern ersetzen.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Der nächste Roger Benoit

Eine weitere Frage ist deshalb weniger technologischer oder wirtschaftlicher Natur. Sondern kultureller. Wie verändert sich Ringier als Unternehmen, wenn KI vom Tool zur Haltung wird?

Wenn man Walders Aussagen für bare Münze nimmt, gehört KI-Kompetenz künftig zum Pflichtprogramm. Das erzeugt Tempo, Druck und einen gewissen Darwinismus innerhalb der Organisation. Für viele Mitarbeitende dürfte das inspirierend wirken. Für andere eher wie ein permanenter Stresstest.

Transformation braucht deshalb nicht nur Konsequenz, sondern auch Fingerspitzengefühl und Empathie. Denn Medienhäuser leben nicht allein von Technologie oder Margen. Sie leben von Persönlichkeiten. Von Menschen mit Haltung, Ecken, Instinkt und Stimme.

Ergo: Kann ein AI-getriebenes Ringier weiterhin Figuren hervorbringen wie Roger Benoit? Journalisten also, die mehr sind als effiziente Content-Produzenten. Die Brillanz, Stil und Eigenwilligkeit verkörpern. Und die man erkennt, noch bevor man ihre Byline liest. Lesen Sie dazu unseren Bericht zum Buch «Formel Wahnsinn».

Wie viel Ringier steckt noch in Ringier?

Auch die Diskussion um die Familie Ringier schwang  mit. Während der Medienrunde wurde mehrfach die Frage gestellt, wie viel klassisches Familienunternehmen künftig noch in Ringier steckt – insbesondere nach dem Abgang von Robin Ling, Vertreter der sechsten Generation.

Die Frage ist nicht nur organisatorisch. Sie reicht tiefer. Am Anfang war Hans Ringier, der Küfer und Fassbinder, der 1527 in Zofingen Bürger wurde. Ein Mann des Handwerks, der Fässer baute, lange bevor seine Nachkommen Druckereien, Zeitungen und später digitale Plattformen schufen. Fast 500 Jahre später steht Ringier erneut an einer historischen Medienkante: von der Epoche des Buchdrucks in die Epoche der KI.

Walder versuchte zu beruhigen. Die DNA des Hauses bleibe bestehen. Ringier sei mehr als eine Firma, Ringier sei eine – Haltung.

Und tatsächlich: Vieles an diesem Vormittag wirkte weiterhin très Ringier. Die grosse Bühne. Die Selbstinszenierung. Das Tempo. Die Lust an Technologie. Der publizistische Machtanspruch. Die Mischung aus Boulevard, Business und Zukunftsvision.

Technologisch scheint Ringier die Kurve gut zu kriegen. Wirtschaftlich ebenfalls. Fast wie in der Formel 1: Wer zu spät bremst, fliegt raus. Wer zu früh bremst, verliert Anschluss. Ringier sucht derzeit die Ideallinie zwischen Tempo, Kontrolle und Risiko.

Die nächste Kurve wartet deshalb nicht im Maschinenraum der Technologie, sondern in der Kultur des Unternehmens. Denn selbst das beste Auto gewinnt kein Rennen ohne Fahrer mit Instinkt. Ergo: Kann ein AI-getriebenes Ringier weiterhin Figuren hervorbringen wie Roger Benoit? Journalisten also, die mehr sind als effiziente Content-Produzenten. Die Brillanz, Stil und Eigenwilligkeit verkörpern. Und die man erkennt, noch bevor man ihre Byline liest.

Genau daran wird sich zeigen, wie viel Ringier künftig noch in Ringier steckt – und ob aus dem historischen Fassbinder-Handwerk der Familie erneut ein tragfähiges Gefäss für die nächste Medienepoche entsteht – und dereinst kein Fass ohne Boden…

Regisseur des Wandels

Marc Walder wirkte an diesem Vormittag tatsächlich ein wenig wie ein Hollywood-Protagonist. Nicht, weil Ringier im Kugelhagel steht oder den Stoff für eine Historienserie liefet. Sondern weil grosse Transformationen immer etwas Filmisches haben: Licht aus. Spot an. Eine klare Ansage. Ein kalkuliertes Risiko.

Ringier geht mit AI nach vorne. Schnell. Konsequent. Mit Kapital, Technologie und erstaunlicher Entschlossenheit.

Und vielleicht liegt genau darin die wichtigste Erkenntnis dieses Vormittags: Die Zukunft des Journalismus entscheidet sich nicht daran, ob Medienhäuser KI einsetzen. Sondern daran, ob sie es schaffen, trotz aller Technologie menschlich, glaubwürdig und unverwechselbar zu bleiben.

More articles on the topic