Die grosse Award Show in The Hall: Mehr Frühling geht nicht

Blühende Bäume draussen, aufblühende Ideen drinnen: Die Best of Swiss Web Award Night 2026 wurde in The Hall zur verdichteten Momentaufnahme einer Branche, die derzeit kräftig durchgeschüttelt wird und an diesem Abend dennoch vor allem eines zeigte: kreative Vitalität. Vor rund 700 Gästen holte «Swissgrid 24/7» von Swissgrid und Cando den Master-Titel, während Brack mit «Unboxing Football» den Goldbach Crossmedia Award gewann.

Schon der Weg zur Award Night wirkte wie eine passende Ouvertüre. Vor der Halle leuchteten Wiesen und Bäume in satten Frühlingsfarben, drinnen folgte der digitale Frühling in Arbeitsform: Projekte, Ideen, Interfaces, Kampagnen, Plattformen und Produkte, die nicht bloss schön aussehen wollten, sondern wirken. Moderiert von Marco Fritsche, begleitet von Liveband, Dreigangmenü und einer spürbar erwartungsvollen Stimmung, wurde die Best of Swiss Web Night zu mehr als einer Preisverleihung. Sie geriet zu einem Abend, der einer angespannten Branche für ein paar Stunden das gab, was sie derzeit besonders gut gebrauchen kann: Zuversicht.

Wenn Ideen wieder aufkeimen

Die Schweizer Kommunikations-, Web- und Digitalbranche ist in Bewegung, und nicht immer geschieht diese Bewegung freiwillig. AI beschleunigt Prozesse, Budgets stehen unter Druck, Zuständigkeiten verschieben sich, Geschäftsmodelle werden laufend neu vermessen. Gerade deshalb wirkte dieser Abend wie ein Gegenbild zur allgemeinen Verunsicherung. Nicht, weil hier alles leicht gewesen wäre. Sondern weil in der Fülle der Einreichungen sichtbar wurde, wie viel Kraft noch immer in dieser Branche steckt, wenn Strategie, Technologie, Kreativität und Umsetzungswillen zusammenfinden.

Knapp 700 Gäste verfolgten an weiss gedeckten Rundtischen, wie in drei Blöcken Bronze, Silber und Gold in elf Kategorien vergeben wurden. Dazwischen wurde gegessen, gesprochen, gejubelt, gefilmt, gratuliert. Und immer wieder war spürbar, dass es an diesem Abend nicht nur um Trophäen ging, sondern um Anerkennung für Arbeit, die oft unter hoher Komplexität entsteht.

Swissgrid macht das Unsichtbare sichtbar

Zum Master of Swiss Web 2026 wurde «Swissgrid 24/7» gekürt. Auftraggeber ist Swissgrid, entwickelt wurde das Projekt von Cando. Schon zuvor hatte die Arbeit Gold in den Kategorien «Technology» und «User Experience» geholt. Der Master-Titel wirkte deshalb nicht wie eine Überraschung, sondern wie die logische Krönung einer Arbeit, die in mehrfacher Hinsicht exemplarisch ist für das, was gute digitale Produkte heute leisten müssen.

Denn «Swissgrid 24/7» macht etwas sichtbar, das im Alltag meist unsichtbar bleibt: die Vorgänge im Schweizer Hochspannungsnetz. Millionen von Datenpunkten aus mehreren kritischen Quellsystemen werden in einer Form verdichtet und visualisiert, die nicht abschreckt, sondern Orientierung schafft. Oder, wie es die Jury sinngemäss würdigte: eine Art Leitstelle in der Hosentasche.

Im Siegerinterview mit m&k brachte Markus Imhof von Swissgrid den Kern auf den Punkt: Es gehe darum, Mitarbeitenden die komplexen Zusammenhänge des Netzes einfach zugänglich zu machen. Chris Bochsler von Cando ergänzte, die eigentliche Herausforderung sei gewesen, grosse Datenmengen, UX, Design und Nutzerbedürfnisse so zusammenzubringen, dass aus Komplexität Verständlichkeit entsteht. Und Lucius Bochsler sprach von einer «Riesenüberraschung» – auch deshalb, weil B2B-Projekte im Publikumslicht oft weniger offensiv glänzen als publikumsnähere Cases.

Gerade das machte diesen Sieg so stark. «Swissgrid 24/7» zeigte, dass Exzellenz im Digitalen nicht zwingend im Lauten liegt. Sondern im Präzisen, im Nützlichen, im systemisch Relevanten.

Ein Jahrgang mit Breite und Tiefgang

Dass «Swissgrid 24/7» nicht als Solitär wirkte, sondern als Teil eines bemerkenswert breiten Jahrgangs, machte den Abend zusätzlich stark. Gold ging unter anderem auch an «Plural – Plattform für demokratische Mitgestaltung» in der Kategorie Public Value, an «AgriData» in der Kategorie Innovation sowie an den Relaunch von Switzerland Travel Centre in der Kategorie Business. Das ist mehr als eine dekorative Siegerliste. Es zeigt, wie breit das Feld heute geworden ist: von demokratischer Teilhabe über Datenräume in der Landwirtschaft bis hin zu E-Commerce- und Serviceplattformen mit klarem Business-Nutzen.

Auch andere prämierte Arbeiten machten Eindruck. Die Migros-Arbeit «Grittibänz im Benz» gewann in der Kategorie Grand Experience, Bettybossi.ch holte Gold in Digital Commerce, und die Kampagne «AXA Key on Kicking» zur Frauen-EM wurde im Marketing ausgezeichnet. Das alles ergab ein Tableau, das nicht bloss Vielfalt signalisierte, sondern eine Branche zeigte, die sich nicht auf einen Stil, ein Format oder einen Wirkungspfad reduzieren lässt.

Brack spielt Sponsoring «total»

So stark der Master-Titel von Swissgrid war: Einer der emotionalen Höhepunkte des Abends war der Goldbach Crossmedia Award. Diesen gewann Brack gemeinsam mit brinkertlück und Mediaschneider mit «Unboxing Football» – einer Kampagne, die E-Commerce, Fussball, Live-Erlebnis und Verkaufslogik so eng miteinander verzahnt, dass daraus mehr entstand als Sponsoring-Kommunikation. Es entstand ein Gesamterlebnis.

Die Idee: das bekannte Unboxing-Prinzip in die Welt des Fussballs zu übertragen und rund um die Brack Super League auf allen relevanten Touchpoints erlebbar zu machen. Während laufender Spiele wurden exklusive Angebote in Echtzeit aktiviert, abgestimmt auf das Spielgeschehen. Dazu kamen TV, Social Media, Online-Formate, Print, (D)OOH, Stadionpräsenz, Banden, Stadion-TV, gebrandete Ballstehlen, die markante Brack-Paket-Ballsäule und kontinuierlicher Content auf eigenen Kanälen. Brack verlagerte zudem ausgewählte B2B-Events in die Stadien und aktivierte auch intern mit einem Anlass für rund 1’300 Mitarbeitende in der Swissporarena.

Im Gespräch mit m&k sagte Roman Reichelt, Chief Commercial Marketing Officer von Brack.Alltron, der Preis bedeute dem Unternehmen «unfassbar viel», weil die ganze Firma daran mitgearbeitet habe – vom Produktmanagement über die IT bis zum Pricing- und Marketingteam. Besonders stark war seine Verdichtung dessen, was gute Sponsoring-Aktivierung ausmacht: «Fussball total. Mach’s ganz oder gar nicht.»

Diese Aussage ist mehr als ein knackiger O-Ton. Sie ist eine Strategielehre. Wer Sponsoring bloss als Logo-Präsenz denkt, bleibt an der Oberfläche. Wer aber die Sprache, die Rituale, die Reibungspunkte und die Sehnsüchte der Fans wirklich versteht, kann ein Sponsoring so aktivieren, dass es nicht als Fremdkörper, sondern als Teil der Kultur wahrgenommen wird. Reichelt sagte dazu sinngemäss: Man müsse selbst Fussballfan sein und genau wissen, was im Stadion nerve – und was eben nicht.

Dass Brack laut Reichelt bei Traffic, Umsatz, Neukundengewinnung, Bekanntheit und Sponsoring-Awareness über Plan liegt, unterstreicht, weshalb diese Arbeit nicht nur kreativ, sondern auch wirksam war. Genau das hob auch Goldbach-CEO Christoph Marty im Kurzinterview mit m&k hervor: Brack sei exemplarisch für eine integrierte Kampagne mit hohem Impact und sehr guten Leistungsdaten.

Zwischen Herzensprojekt und Präventionsshow

Der Goldbach Crossmedia Award zeigte auch in den weiteren Platzierungen, wie breit Crossmedia heute gedacht werden kann. Silber ging an «100 Jahre Migros», Bronze an «Das Spiel deines Lebens» des Fonds für Verkehrssicherheit mit Family. Den Publikumspreis gewann «Du bisch mir wichtig – Herzenssong über Geschwisterliebe» des Fördervereins für Kinder mit seltenen Krankheiten von Manuela Stier.

Silber ging an «100 Jahre Migros» von Migros Supermarkt AG und die Agenturen Wirz Group, AGESE Agency, Teil.ch GmbH, tit-pit GmbH, JEFF Zürich AG, Suki GmbH, Mutabor Design GmbH, Apps with Love AG sowie dentsu Switzerland AG.

Bronze gewann «Das Spiel deines Lebens» vom Fonds für Verkehrssicherheit und Family AG.

Gerade dieser Publikumspreis verlieh dem Abend eine zusätzliche emotionale Ebene. In ihrer Dankesrede machte Manuela Stier deutlich, worum es bei der Arbeit eigentlich ging: um Geschwister von Kindern mit seltenen Krankheiten, die oft wenig sichtbar sind, aber im Familienalltag enorm viel tragen. In einem Abend voller Cases, KPIs und Kategorien war das ein Moment, der zeigte, dass Crossmedia nicht nur verkaufen oder performen, sondern auch berühren und gesellschaftlich etwas bewegen kann.

KI ist da – aber nicht allein

Der Abend machte auch sichtbar, wie selbstverständlich AI inzwischen in die digitale Praxis eingesickert ist. Das zeigte sich nicht nur im humorvoll zugespitzten digitalen Jahresrückblick von Zock, der von SpaceX, Meta und ChatGPT bis zu Fake News, Burger King und Chuck Norris reichte. Es zeigte sich vor allem in konkreten Arbeiten.

Ein gutes Beispiel dafür ist KPT, die gemeinsam mit Family Silber in der Kategorie Brand Experience holte. Der Case «Loyalty Language Model» basierte darauf, 10’000 individualisierte Videos zu produzieren, in denen CEO Thomas Harnischberg Kundinnen und Kunden persönlich dankt – auf Berndeutsch und mit korrekt ausgesprochenen Schweizer Namen. Christian Reinhard von Family erklärte im m&k-Interview, dass die Herausforderung gerade darin lag, ein eigenes Modell zu entwickeln, weil bestehende Sprachmodelle solche Namen damals noch nicht zuverlässig beherrschten.

Das ist vielleicht eines der spannendsten Signale dieses Jahrgangs: AI war an vielen Stellen präsent, aber sie wurde nicht als Selbstzweck gefeiert. Sie war Werkzeug, Ermöglicherin, Beschleunigerin. Entscheidend blieb, ob am Ende ein besseres Erlebnis, ein echter Nutzen oder eine stärkere Beziehung entstand.

Ein Abend der Übergänge

Zur Aura des Abends gehörte auch das Bewusstsein für Kontinuität und Übergang. Heinrich Meyer wurde mit dem Ehrenpreis ausgezeichnet – als prägende Figur von 25, 26 Jahren Best of Swiss Web. Es war ein würdevoller, leicht augenzwinkernder Moment, der gut zum Selbstverständnis dieses Anlasses passte: Man weiss, woher man kommt, ohne stehenzubleiben.

Auch der scheidende Jury-Präsident Daniel Felix bekam seine Bühne – samt T-Shirt, das die ewige Verwechslung von Vor- und Nachname endgültig klären sollte. Im Gespräch mit m&k sprach er von einem emotionalen letzten Auftritt und wünschte seinem Nachfolger «viel Geduld und gute Nerven, um diesen Affenzirkus im Griff zu behalten». Das war lustig. Und zugleich ziemlich treffend. Denn so geschniegelt und präzise Award-Abende nach aussen wirken mögen: Sie leben von einer Branche, die nie ganz geschniegelt, nie ganz berechenbar und oft genau dann am besten ist, wenn sie etwas wagt.

Wozu diese Nacht dient

Urs Bucher, Gründungsmitglied von Best of Swiss Web, formulierte im Gespräch mit m&k die Kernidee des Formats angenehm unprätentiös: Es gehe darum, der Branche eine Möglichkeit zu geben, gesehen zu werden, die besten Projekte auszuzeichnen und potenziellen Auftraggebern zu zeigen, welche Agenturen und Teams Besonderes leisten. Das klingt schlicht. Ist aber gerade in einem fragmentierten Markt enorm wichtig.

Denn solche Nächte sind nicht nur Selbstfeier. Sie sind Schaufenster, Resonanzraum und Standortbestimmung zugleich. Sie zeigen, wo die Branche gerade steht, welche Themen sie bewegen, welche Technologien sie umarmt, welche Probleme sie löst und welche Geschichten sie erzählen will. Und sie zeigen auch, wie viel Handwerk, Ausdauer und Abstimmung hinter Projekten steckt, die am Ende in wenigen Sekunden auf einer grossen Leinwand vorbeiziehen.

Mehr Frühling ging tatsächlich nicht

Die Best of Swiss Web Award Night 2026 war deshalb mehr als ein Abend mit Bojen, Kuverts und Standing Ovations. Sie war ein Abend, an dem eine Branche für ein paar Stunden ihr bestes Selbst zeigte: neugierig, leistungsfähig, humorvoll, technikaffin, wirksam und erstaunlich lebendig.

Draussen blühte der Frühling. Drinnen ebenfalls. Und vielleicht ist genau das die schönste Pointe dieses Jahrgangs: Während vielerorts über Disruption, Druck und Dauerwandel gesprochen wird, wurde hier sichtbar, dass Veränderung nicht nur etwas ist, das man aushalten muss. Sie kann, wenn sie gut gemacht ist, auch etwas hervorbringen. Oder mit Urs Bucher gesagt: «Die einzige Konstante ist die Veränderung.»

An diesem Abend wirkte sie nicht bedrohlich, sondern produktiv. Mehr Frühling ging tatsächlich kaum.

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