Annabella Bassler: «Die Fortschritte sind fragil»

Sichtbarkeit ist kein Zufall. Mit der Initiative EqualVoice möchte Ringier Frauen in der Berichterstattung präenter machen und Gleichstellung vorantreiben. Doch wo stehen wir im Jahr 2026 wirklich? CFO von Ringier, Annabella Bassler, spricht über neue Narrative, mediale Verantwortung – und darüber, wie der EqualVoice-Assistant zum echten Gamechanger für Redaktionen wird.

Bild: Ringier, Illustrationen: Silvan Borer
Annabella Bassler Bild: Ringier

m&k Frau Bassler, kennen Sie den feministischen Jodelchor «Echo vom Eierstock»? Er pflegt eine uralte Tradition und verbindet sie mit modernen Themen wie Wechseljahre, Gleichstellung und Sexualität. Was sagt der Erfolg des Chors über das Bedürfnis nach neuen Stimmen und Narrativen in unserer Gesellschaft – und in den Medien – aus?

Annabella Bassler Ja, dieses Beispiel ist äusserst spannend, weil es gleich mehrere Ebenen verbindet. Einerseits sehen wir hier eine traditionsreiche Kulturform, die lange stark männlich konnotiert war, und andererseits Themen, die in der öffentlichen Debatte nach wie vor zu wenig Platz bekommen. Dass der Chor damit so grossen Anklang findet, zeigt sehr deutlich: Es gibt ein enormes Bedürfnis nach Identifikation, nach neuen Perspektiven und nach Erzählungen, die Lebensrealitäten abbilden, die bisher oft unsichtbar geblieben sind. Für Medien ist das ein klares Signal. Wenn gesellschaftliche Themen so viel Resonanz erzeugen, müssen sie auch journalistisch stärker abgebildet werden. Medien prägen, welche Stimmen als relevant gelten – und welche nicht. Genau hier setzt EqualVoice an.

Ist dieses Beispiel aus Ihrer Sicht eher eine Randerscheinung oder ein Zeichen für echten strukturellen Wandel?

Ich würde sagen: Es ist ein Symptom eines Wandels, aber noch kein Beweis dafür, dass er abgeschlossen ist. Wir sehen viele solcher Initiativen, Projekte und Bewegungen, die deutlich machen, dass sich etwas verändert. Gleichzeitig beobachten wir aber auch, wie hartnäckig alte Strukturen sind, gerade in den Medien. Ein echter struktureller Wandel bedeutet, dass Vielfalt nicht mehr vom Engagement Einzelner abhängt, sondern systematisch mitgedacht wird. Solange Frauen, insbesondere Expertinnen, in bestimmten Ressorts oder Machtkontexten unterrepräsentiert sind, können wir nicht von echter Gleichstellung sprechen.

«Viele Ungleichgewichte entstehen nicht aus Absicht, sondern aus Gewohnheit.»

2025 wurde vielerorts als «Gleichstellungsjahr» bezeichnet. Wie fällt Ihre persönliche Bilanz aus?

Unsere Bilanz fällt ambivalent aus. Auf der einen Seite haben wir 2025 eine hohe Sichtbarkeit für Gleichstellungsthemen erlebt: Es wurde intensiv diskutiert, zahlreiche Initiativen wurden angestossen, und das gesellschaftliche Bewusstsein ist spürbar gewachsen. Gleichstellung ist längst kein Randthema mehr, sondern wird zumindest auf der Ebene der öffentlichen Debatte ernst genommen. Gleichzeitig erleben wir aber auch eine deutliche Gegenbewegung. Politische Entwicklungen – allen voran der Einfluss aus den USA und der dadurch geprägte Diskurs – haben international dazu beigetragen, dass Gleichstellungs- und Diversity-Themen zunehmend infrage gestellt oder bewusst zurückgedrängt werden. Diese Dynamik wirkt weit über die USA hinaus und verstärkt auch in Europa eine Stimmung, in der Gleichstellung wieder als ideologisch oder verzichtbar dargestellt wird. Genau das zeigt, wie fragil die erzielten Fortschritte sind. In Zeiten multipler Krisen geraten Gleichstellungsfragen schnell unter Druck. Umso klarer wird: Gleichstellung darf kein Projekt sein, das je nach politischer oder wirtschaftlicher Lage priorisiert oder pau- siert wird. Sie muss strukturell verankert sein; gerade in den Medien, die massgeblich beeinflussen, welche Perspektiven sichtbar werden und welche nicht.

Gab es im vergangenen Jahr eine Situation, in der Sie dachten: Genau deshalb braucht es EqualVoice?

Solche Momente gibt es leider regelmässig. Besonders deutlich wird es in der Berichterstattung über Krisen, Politik oder Wirtschaft. Sobald es um Macht, Sicherheit oder globale Konflikte geht, verschwinden Frauen wieder aus der medialen Sichtbarkeit – als Expertinnen, Entscheidungsträgerinnen oder Protagonistinnen. EqualVoice wurde genau aus diesem Grund gegründet: um diese Muster sichtbar zu machen. Und inzwischen gehen wir einen Schritt weiter. Mit dem KI-unterstützenten EqualVoice-Assistant können wir Redaktionen nicht nur im Nachhinein zeigen, wo Ungleichgewichte bestehen, sondern sie bereits im Entstehungsprozess eines Textes darauf aufmerksam machen.

Auch die Frauen-Fussball-EM in der Schweiz hat viel Aufmerksamkeit erzeugt. Was hat dieses Event für die Gleichstellung beigetragen – auch langfristig?

Solche Grossereignisse sind enorm wichtig, weil sie Sichtbarkeit schaffen und neue Vorbilder hervorbringen. Junge Mädchen sehen, dass sportlicher Erfolg, Professionalität und mediale Aufmerksamkeit keine Frage des Geschlechts sind. Langfristig wird sich aber erst zeigen, wie nachhaltig dieser Effekt ist. Entscheidend ist, ob Frauenfussball auch jenseits von Turnieren regelmässig, ernsthaft und gleichwertig berichtet wird. Genau hier sehen wir oft Rückfälle – und genau hier können datenbasierte Tools wie der EqualVoice-Factor helfen, diese Ungleichgewichte frühzeitig zu erkennen.

Die Ergebnisse des EqualVoice-Factors 2024 zeigten einen positiven Trend. Wie sehen die aktuellen Zahlen aus – und gehen sie in dieselbe Richtung?

Grundsätzlich ja, wir sehen weiterhin Verbesserungen bei vielen Medienmarken. Aber die Entwicklung ist nicht gleichmässig. Einige Redaktionen machen grosse Fortschritte, andere stagnieren. Besonders deutlich wird: Fortschritt passiert dort, wo Verantwortung klar definiert ist und wo Daten aktiv genutzt werden. Der EqualVoice-Factor war der erste Schritt, um Gleichstellung messbar zu machen. Der EqualVoice-Assistant ist nun die konsequente Weiterentwicklung, weil er diese Erkenntnisse direkt in den redaktionellen Alltag integriert und einfach nutzbar macht.

Was würden Sie sagen: Welche Meilensteine haben Sie seit der Gründung von EqualVoice erreicht?

Der wichtigste Meilenstein war zweifellos die Einführung des EqualVoice-Factors. Er hat eine sachliche, datenbasierte Grundlage geschaffen und die Diskussion entemotionalisiert. Der zweite grosse Meilenstein ist der EqualVoice-Assistant. Damit verlassen wir die reine Analyse-Ebene und gehen in die operative Unterstützung. Redaktionen bekommen erstmals ein KI-gestütztes Werkzeug, das sie in Echtzeit bei einer bewussteren Berichterstattung unterstützt.

«In Zeiten multipler Krisen geraten Gleichstellungsfragen schnell unter Druck.»

Parität ist dennoch nicht erreicht. Wann glauben Sie, wird dieses Ziel Realität?

Da gibt es kein fixes Datum. Parität ist kein Selbstläufer. Sie wird nur erreicht, wenn wir kontinuierlich daran arbeiten – mit klaren Zielen, messbaren Kriterien und geeigneten Werkzeugen. Was ich aber sagen kann: Ohne strukturelle Unterstützung wird es deutlich länger dauern. Genau deshalb setzen wir auf technologische Lösungen wie den EqualVoice-Assistant.

In der gesellschaftlichen Debatte ist oft von einem «Backlash» die Rede. Teilen Sie diese Einschätzung?

Ja, auch wir spüren diesen Gegenwind. In politisch und wirtschaftlich unsicheren Zeiten werden Diversity- und Gleichstellungsthemen schnell als verzichtbar dargestellt. Das ist gefährlich, weil es suggeriert, Gleichstellung sei ein Luxus. Dabei ist sie ein Qualitätsmerkmal – gerade im Journalismus. Medien, die Vielfalt abbilden, berichten präziser, relevanter und näher an der Realität. Auch in der Wirtschaft führt mehr Diversität zu besseren Diskussionen und dadurch zu besseren Entscheidungen.

Auch Unternehmen ziehen sich teilweise aus Diversitätsprogrammen zurück. Welche Folgen hat das?

Kurzfristig mag das Kosten sparen, langfristig ist es ein klarer Rückschritt. Unternehmen verlieren an Innovationskraft, Glaubwürdigkeit und Attraktivität. Für Europa bedeutet das, dass wir sehr wachsam sein müssen, um nicht hinter bereits erreichten Standards zurückzufallen. Initiativen wie EqualVoice sind deshalb wichtiger denn je.

Kommen wir zur KI: Sie haben den EqualVoice-Assistant kürzlich auch für externe Partner geöffnet. Wie wird das Tool angenommen?

Die Resonanz ist äusserst positiv. Viele Journalistinnen und Journalisten empfinden den EqualVoice-Assistant nicht als Kontrolle, sondern als Unterstützung. Er analysiert Texte während des Schreibens, erkennt etwa Ungleichgewichte bei der Geschlechterverteilung, stereotype Zuschreibungen oder einseitige Perspektiven – und macht konkrete Verbesserungsvorschläge. Wichtig ist: Der EqualVoice-Assistant entscheidet nichts. Er sensibilisiert. Die redaktionelle Verantwortung bleibt immer beim Menschen. Der EqualVoice-Assistant ist nicht nur für Medien zugänglich, auch Webseitentexte, Social Media Beiträge oder Jobinserate können damit analysiert werden.

Was kann ein Tool wie der EqualVoice- Assistant konkret bewirken?

Es senkt die Einstiegshürde. Gleichstellung wird es nicht zu einer zusätzlichen Aufgabe, sondern Teil des normalen Workflows. Das ist entscheidend für nachhaltige Veränderung. Ausserdem schafft es Bewusstsein dort, wo Routinen greifen. Viele Ungleichgewichte entstehen nicht aus Absicht, sondern aus Gewohnheit. Hier setzt der Assistant an.

Inwiefern kann KI generell zur Gleichstellung in den Medien beitragen?

KI kann Muster erkennen, die wir übersehen. Sie kann Daten auswerten, Trends sichtbar machen und Entscheidungsgrundlagen liefern. Richtig eingesetzt, ist sie ein mächtiges Werkzeug für mehr Fairness und Qualität. Voraussetzung ist allerdings, dass sie verantwortungsvoll entwickelt wird – mit klaren ethischen Leitlinien.

Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass KI bestehende Stereotype verstärkt. Wie begegnen Sie diesem Risiko?

Diese Gefahr ist real. KI lernt aus bestehenden Daten – und die sind nicht neutral. Deshalb war es uns wichtig, den EqualVoice-Assistant auf Basis unserer eigenen, langjährigen Datenarbeit zu entwickeln und ihn kontinuierlich zu überprüfen. KI darf nicht einfach reproduzieren, sie muss gezielt hinterfragen. Das ist eine Frage der Haltung, aber auch der Technologie.

Überwiegt für Sie am Ende Chance oder Risiko?

Ganz klar die Chance – wenn wir KI aktiv ge- stalten. Wenn wir sie sich selbst überlassen, überwiegt das Risiko. Der EqualVoice-Assistant zeigt, dass KI ein Instrument für Fortschritt sein kann, wenn sie bewusst eingesetzt wird.

Zum Abschluss: Was wünschen Sie sich für das neue Jahr, und welche Themen stehen bei Ihnen im Fokus?

Ich wünsche mir, dass Gleichstellung wieder stärker als gemeinsame Verantwortung verstanden wird – nicht als ideologisches Projekt, sondern als Qualitätsfrage. Inhaltlich werden wir uns weiterhin auf datenbasierte Lösungen konzentrieren und den EqualVoice-Assistant weiterentwickeln. Unser Ziel ist klar: Unternehmen dabei zu unterstützen, Vielfalt nicht nur zu wollen, sondern sie auch umzusetzen.

Über Annabella Bassler

Dr. Annabella Bassler ist seit 2012 CFO von Ringier, wo sie u.a. die digitale Transformation der Ringier Gruppe vorantreibt. Der Fokus liegt auf der Strategie, den M&A Aktivitäten und der finanziellen Steuerung. Im November 2019 initiierte und lancierte Bassler die Ringier EqualVoice Initiative, deren Ziel es ist, Frauen in der Medienberichterstattung sichtbarer zu machen und die Gleichwertigkeit von Frauen und Männern zu fördern. Kern der Initiative ist der EqualVoice-Factor: Ein Algorithmus, der Equality messbar macht.

«EqualVoice United vereint heute 23 führende Schweizer Unternehmen. Im Zentrum der Zusammenarbeit stehen Kooperation, Wissensaustausch und datengestützte Analysen zur Förderung der Gleichstellung der Geschlechter und der Stärkung von Frauen und Mädchen.»

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