Der verantwortliche Feinstaub oder Vom Wert der Worte
Die Nachrichtensprache ist ein gutes Übungsfeld für Semantiker. Von falschen Bildern bis hin zu gewollten oder ungewollten Wertungen findet sich alles. Gastkommentar von Karl Lüönd, freier Publizist und Buchautor.
Um Goethes willen! Zwei, drei Tage lang etwas genauer auf die Nachrichtensprache in Radio, Fernsehen und Zeitungen geachtet, und du weisst wieder, was Semantik bedeutet: die Lehre von den Wort- und Satzbedeutungen. Semantik umfasst auch die Erfahrung, dass nicht immer und nicht ausschliesslich das gemeint ist, was gesagt wird oder auf dem Papier steht. Mitunter kennzeichnen die Zwischentöne und die unterlegten Bedeutungen (germanistisch: die «Konnotation») die Denkleistung des Absenders, ohne aber immer Klarheit über den beschriebenen Gegenstand oder Vorgang zu schaffen. Solche gewollte Doppelbedeutungen und Zweideutigkeiten werden von guten Rednern oft auch durch Betonung, Akzent und ironische oder höhnische Modulation ausgedrückt. So wird zum Beispiel die Wahrnehmung einer Blocher-Rede durch unmittelbares Dabeisein im Albisgüetli zu einem semantischen Aha-Erlebnis, nicht zu vergleichen mit der stillen Lektüre des Redetextes.
Die Wahl der Worte und der mitschwingenden Wertungen bezeichnet immer auch den Standort des Berichtenden. Dass Radio DRS vom «erzkonservativen österreichischen Priester» spricht, der nun doch nicht Weihbischof von Linz wird, ist wohl eine angängige, weil mehrheitsfähige Wertung – aber eine Wertung ist’s allemal. Eigentlich hätte eine solche in der Nachrichtensprache nichts zu suchen, jedenfalls dann nicht, wenn man die strikten amerikanischen Agenturregeln zugrunde legen wollte. Im Prozessbericht des Landboten hiess es schon öfter, der Angeklagte habe «seine Unschuld beteuert» (der Lügner!), aber er sei «beim Gericht abgeblitzt» (ätsch, geschieht ihm recht!). Nimmt jemand den «selbsternannten Tierschützer» (Tages-Anzeiger) ernst?
Die «Tagesschau» berichtet von den Mujaheddin. Was unterscheidet eigentlich den «Tagesschau»-Sprecher, der sie einmal «Freiheitskämpfer» und ein andermal «Rebellen» nennt, von dem PR-Genie, das den «Bonus» zum «variablen Lohnbestandteil» umgelogen hat? Merke: Es kann die «Katze» jederzeit auch als «Büsi» bezeichnet werden.
Das (Schlag-)Wort, das sich zur rechten Zeit einstellt, setzt – so hat es Mephisto gesagt und auch gemeint – «fehlende Begriffe» voraus, was in den meisten Fällen mit mangelhafter Recherche und/oder nachlässiger Denkarbeit zusammenhängt. «Feinstaub ist für jährlich 6000 Todesfälle verantwortlich», meldet die «Tagesschau» und richtet, genau genommen, mit dieser routiniert-nachlässigen Wortwahl einen absurden Werte-Salat an. Als ob die tote Materie Feinstaub je in der Lage wäre, der ethisch-moralischen Kategorie Verantwortung zu genügen!
Den unbeabsichtigten Tagesrekord an Zynismus hat Radio DRS aufgestellt, das sonst eigentlich um sprachliche Präzision und begriffliche Sorgfalt bemüht ist. In den 10-Uhr-Nachrichten wurde von einem Bootsunglück mit nordafrikanischen Flüchtlingen vor Gran Canaria berichtet. Dieses Drama entstand doch, weil niemand diese Flüchtlinge haben will. Marokko ist froh, sie loszuwerden, die Schlepper haben kassiert und überlassen sie dem Schicksal, die spanischen Marinesoldaten jagen ihre löchrigen Nussschalen, und die Leute auf dem Festland beuten diejenigen, die die illegale Einwanderung geschafft haben, nach Strich und Faden aus, bevor sie sie wie Hunde zum Teufel jagen.
Und vor diesem entsetzlichen Hintergrund endete die Nachricht mit dem geradezu gespenstischen Satz: «20 weitere Bootsflüchtlinge werden noch vermisst.»
Als ob in dieser schrecklichen Welt jemand Bootsflüchtlinge vermissen würde!
Diese und über 50 weitere Kolumnen, Aufsätze, Kommentare und Hintergrundberichte über Medienthemen, die in der Werbewoche und anderswo publiziert worden sind, erscheinen, zu einem medienkritischen Paket zusammengefasst, im Mai als neuestes Buch von Karl Lüönd im Rüegger Verlag Zürich. Constantin Seibt hat als Nachwort ein kritisches Porträt des eigenwilligen Autors geschrieben, und Nico karikiert die Verhältnisse bis zur Kenntlichkeit. Karl Lüönd: Die Macht und die Ehrlichkeit. Kolumnen aus dem Medienzirkus, ca. 230 Seiten, Fr. 28.–, Rüegger Verlag, Zürich.
Die Wahl der Worte und der mitschwingenden Wertungen bezeichnet immer auch den Standort des Berichtenden. Dass Radio DRS vom «erzkonservativen österreichischen Priester» spricht, der nun doch nicht Weihbischof von Linz wird, ist wohl eine angängige, weil mehrheitsfähige Wertung – aber eine Wertung ist’s allemal. Eigentlich hätte eine solche in der Nachrichtensprache nichts zu suchen, jedenfalls dann nicht, wenn man die strikten amerikanischen Agenturregeln zugrunde legen wollte. Im Prozessbericht des Landboten hiess es schon öfter, der Angeklagte habe «seine Unschuld beteuert» (der Lügner!), aber er sei «beim Gericht abgeblitzt» (ätsch, geschieht ihm recht!). Nimmt jemand den «selbsternannten Tierschützer» (Tages-Anzeiger) ernst?
Die «Tagesschau» berichtet von den Mujaheddin. Was unterscheidet eigentlich den «Tagesschau»-Sprecher, der sie einmal «Freiheitskämpfer» und ein andermal «Rebellen» nennt, von dem PR-Genie, das den «Bonus» zum «variablen Lohnbestandteil» umgelogen hat? Merke: Es kann die «Katze» jederzeit auch als «Büsi» bezeichnet werden.
Das (Schlag-)Wort, das sich zur rechten Zeit einstellt, setzt – so hat es Mephisto gesagt und auch gemeint – «fehlende Begriffe» voraus, was in den meisten Fällen mit mangelhafter Recherche und/oder nachlässiger Denkarbeit zusammenhängt. «Feinstaub ist für jährlich 6000 Todesfälle verantwortlich», meldet die «Tagesschau» und richtet, genau genommen, mit dieser routiniert-nachlässigen Wortwahl einen absurden Werte-Salat an. Als ob die tote Materie Feinstaub je in der Lage wäre, der ethisch-moralischen Kategorie Verantwortung zu genügen!
Den unbeabsichtigten Tagesrekord an Zynismus hat Radio DRS aufgestellt, das sonst eigentlich um sprachliche Präzision und begriffliche Sorgfalt bemüht ist. In den 10-Uhr-Nachrichten wurde von einem Bootsunglück mit nordafrikanischen Flüchtlingen vor Gran Canaria berichtet. Dieses Drama entstand doch, weil niemand diese Flüchtlinge haben will. Marokko ist froh, sie loszuwerden, die Schlepper haben kassiert und überlassen sie dem Schicksal, die spanischen Marinesoldaten jagen ihre löchrigen Nussschalen, und die Leute auf dem Festland beuten diejenigen, die die illegale Einwanderung geschafft haben, nach Strich und Faden aus, bevor sie sie wie Hunde zum Teufel jagen.
Und vor diesem entsetzlichen Hintergrund endete die Nachricht mit dem geradezu gespenstischen Satz: «20 weitere Bootsflüchtlinge werden noch vermisst.»
Als ob in dieser schrecklichen Welt jemand Bootsflüchtlinge vermissen würde!
Diese und über 50 weitere Kolumnen, Aufsätze, Kommentare und Hintergrundberichte über Medienthemen, die in der Werbewoche und anderswo publiziert worden sind, erscheinen, zu einem medienkritischen Paket zusammengefasst, im Mai als neuestes Buch von Karl Lüönd im Rüegger Verlag Zürich. Constantin Seibt hat als Nachwort ein kritisches Porträt des eigenwilligen Autors geschrieben, und Nico karikiert die Verhältnisse bis zur Kenntlichkeit. Karl Lüönd: Die Macht und die Ehrlichkeit. Kolumnen aus dem Medienzirkus, ca. 230 Seiten, Fr. 28.–, Rüegger Verlag, Zürich.
