Bis zur Bewusstlosigkeit?

Kolumne Gespenstisch, dass kaum jemand aus der hyperaktiven und gesprächigen Kommunikationsbranche gegen den Unsinn von Werbeverboten antritt, findet Karl Lüönd.

Kolumne Gespenstisch, dass kaum jemand aus der hyperaktiven und gesprächigen Kommunikationsbranche gegen den Unsinn von Werbeverboten antritt.Der Satz stammt aus dem staatsbürgerlichen Lehrbuch. «Wer nicht politisiert, mit dem wird politisiert.» Der Satz ist so spannend wie eingeschlafene Füsse – und er stimmt haargenau. Gerade jetzt können wir wieder nachvollziehen, wie die mit Steuer- und Spendengeld gefütterte Gesundheitslobby dank der Gleichgültigkeit der Gegenseite die öffentliche Debatte besetzt. Im Kanton Solothurn steht ein neues Gesundheitsgesetz zur Abstimmung, das nicht nur rauchfreie Beizen vorsieht, sondern gleich auch ein Tabakwerbeverbot. Gemäss Basler Zeitung vom 11. November werde es das wohl schärfste Antitabak-Gesetz der ganzen Schweiz werden. Im kantonalen Parlament hat es mit 45 gegen 42 Stimmen nur eine knappe Mehrheit gefunden. Das vertraute Bild: FDP, SVP und Wirtschaftsverbände dagegen, SP, Grüne und Gesundheitsorganisationen dafür – und bei den Befürwortern auch die von Natur aus heimtückische CVP mit ihrem pfäffischen Doppelgesicht, das wir schon von der Medienpolitik her kennen.
Einmal mehr werden die alten Argumente abgenudelt, und der Eindruck verfestigt sich: Die Taliban des gesunden Lebens sind vom heiligen Eifer beseelt, ihre Version der Wahrheit allgemein verbindlich zu erklären. «Man muss das Produkt aus dem Sichtfeld nehmen und die Erhältlichkeit einschränken. Tabakwaren gehören unter den Ladentisch», fordert eine Funktionärin namens Verena El Fehri von der Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention. Dem stellt Piero Schäfer, der unentwegte Kämpfer gegen Werbeverbote, die simple Tatsache entgegen, dass in Italien zwar seit 1962 ein Tabakwerbeverbot gilt, ohne dass weniger geraucht würde oder sich die Konsumgewohnheiten verändert hätten.
Der Ausgang des Solothurner Glaubenskriegs ist voraussehbar. Am 24. September hat der Kanton Baselland mit 71 Prozent Mehrheit für Werbebeschränkungen entschieden. Gespenstisch ist, dass ausser dem tapferen Piero und ein paar bezahlten Verbandsfunktionären niemand aus der sonst so hyperaktiven und gesprächigen Kommunikationsbranche mit aller Macht und Wortgewalt gegen den menschenverachtenden Unsinn von Werbeverboten antritt.
Prompt tritt jetzt ein, was wir der geistig und politisch trägen Branche seit Jahren vorausgesagt haben: Mit dem Mittel der Werbeverbote sollen Zivilisationsschäden aller Art «bekämpft» werden: Alkoholismus, Zuckerkonsum, schnelle Autos. Das alles wird – nicht nur, aber auch in den Couloirs der Brüsseler EU-Bürokratie – allen Ernstes erwogen und entworfen. Die Bürokraten wiegen sich und uns in der falschen Sicherheit, ein Übel sei bekämpft, indem man das Werben für das besagte Übel verbietet. Es ist wie Gespensterbekämpfung durch die Abergläubischen: Bloss nicht drüber reden, dann verschwinden sie schon. Augen zu und durch – auch um den Preis der Freiheit. Denn Werbung für legal erhältliche Produkte ist ein Teil der Meinungsäusserungsfreiheit und als solcher in einer freiheitlichen Gesellschaft eigentlich nicht verhandelbar. Die Alternative dazu wäre, konsequent zu Ende gedacht, die staatlich verordnete Wahrheit, verkündet und kontrolliert durch das Wahrheitsministerium, wie George Orwell es skizziert hat.
Hat eigentlich die Mehrheit der Schweizer Werbe- und Kommunikationsbranche das politische Bewusstsein von Amöben? Klar, es betrifft die Mächtigen in dieser Liga nicht. Die Zeitungs- und Zeitschriftenverleger zum Beispiel partizipieren nur mit ein paar lausigen Prozenten an der Tabak- und Alkoholwerbung (jedenfalls solange sie Denners Weininserate nicht mitrechnen). 72 Prozent der einschlägigen Budgets fliessen zu den Plakatiereren, 14 Prozent in die Kinowerbung. Die Tabakindustrie selber wehrt sich kaum spürbar für ihre Werbefreiheit. Als typisches Oligopol können ihr Werbebeschränkungen aus Kostengründen nur recht sein; schliesslich wissen sie aus Erfahrung am besten, was Tabakwerbung wirklich bewirkt: nicht so sehr die Zunahme der Zahl der Rauchenden, sicher aber eine Verschiebung der Marktanteile.
Heute Tabak, morgen Alkohol – und übermorgen? Wer gelegentlich seine Lauscher in Richtung Brüssel stellt und sich die weltverbessernden Visionen der dortigen Bürokraten anhört, müsste alle Alarmglocken schrillen lassen. Aber es tut sich nichts, mit Ausnahme der besagten tapferen Funktionäre, die von der Basis der gut verdienenden Berater und Lieferanten im Stich gelassen werden. Ob sie ihren eigenen Argumenten nicht mehr glauben? Oder ob sie sich nicht mehr zutrauen, mit der Kraft der Überzeugung und der besseren Argumente auf- und gegen die verschlagene Verbotsmentalität der jakobinischen Aufpasser anzutreten? Oder ist es die Trägheit der Satten, die sich nicht betroffen wähnen, nur weil sie gerade kein Zigaretten- oder Schnapsbudget verwalten?
Karl Lüönd ist freier Publizist.

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