Edward de Bono: Der Freidenker

Edward de Bono ist vor allem für seine «sechs Denkhüte» und die Idee des «lateral thinking» bekannt. Seine Biografin Sarah Tucker will nun zeigen: Damit wird er sträflich unterschätzt. Wir haben sie zum Gespräch getroffen.

m&k: Im Laufe der Zeit sind hunderttausende Menschen mit dem Werk von Edward de Bono in Berührung gekommen, haben Artikel über den Universalgelehrten gelesen oder Reportagen gesehen. Sie allerdings haben ihn persönlich gekannt, mehr als ein Jahrzehnt lang, und veröffentlichen nun seine Biografie «Edward de Bono: Love Laterally». Wie haben Sie sich getroffen?

Sarah Tucker: Wir haben uns zufällig an Silvester 2012 bei einer Party im Corinthia Palace Hotel auf Malta kennengelernt, das früher sein Familiensitz war. Ich erwähnte, dass ich ein Fan seines Buches «Six Thinking Hats» sei, und das war die Basis für unser erstes Gespräch. Wir tauschten Telefonnummern aus, aber ich dachte nicht, dass ich jemals wieder von ihm hören würde – bis ich im Januar 2013 einen Anruf erhielt, bei dem eine Stimme am anderen Ende ganz nonchalant sagte: «Hallo, hier ist Edward!» Wäre er jünger gewesen, hätte er wahrscheinlich versucht, mich zu einem Date einzuladen (lacht). Frauen waren eine Schwachstelle von ihm, aber wir verstanden uns auf Anhieb intellektuell, und das war der Beginn unserer Freundschaft. Eine «professionelle» Freundschaft, könnte man sagen, denn ich habe ihn wiederholt für Zeitungen oder das Fernsehen interviewt … aber wir sprachen auch über private Themen, trafen uns in den Jahren vor seinem Tod zwischen 25- und 30-mal. Er besuchte mich sogar in Frankreich, wo meine Familie ein Sommerhaus hat, und ich zeigte ihm die Region. Er war begeistert, auch wenn er immer betonen musste, dass es in Australien – seinem Lieblingsland – viel schöner sei, und natürlich in «seinem» Malta. Irgendwann hatte ich eine Epiphanie: Es gibt all diese Leute da draussen, die mit seinen Methoden arbeiten, es gibt Dutzende Bücher von und über Edward … aber keine Biografie, die seine Wärme, Brillanz und Komplexität wirklich einfängt. Also … muss ich sie schreiben (lacht)!

«(…) es gibt Dutzende Bücher von und über Edward … aber keine Biografie, die seine Wärme, Brillanz und Komplexität wirklich einfängt.»

 

… das haben Sie getan, und nun werden Sie das Werk am 3. September im britischen House of Lords in London vorstellen. De Bono hatte, wie ich las, eine Faszination für die Aristokratie – das ist also ein passender Ort, oder?

Ich bin sicher, ihm hätte das gefallen, sonst würde ich es nicht tun (lacht)! Das wird allerdings keine typische Buchvorstellung – so etwas dürfen Sie im House of Lords nicht machen –, sondern eher ein Austausch, eine Diskussion zu de Bono, die die Veröffentlichung von «Love Laterally» als Anlass nimmt. Baroness Helena Kennedy hat die Einleitung zu dem Buch geschrieben, da sie die Thesen von Edward häufig in ihrer eigenen Arbeit anwendet, also macht das Sinn. Und … was de Bonos Faszination für die Aristokratie angeht: Da haben Sie schon Recht, aber ich würde eine nuanciertere Betrachtung anbieten.

 

Bitte.

Edward hatte einige Verbindungen zum britischen Hochadel, einschliesslich der Familie Mountbatten, vor allem via gemeinsame Bekannte. Er pflegte auch ein gewisses Mass an Interaktion mit Prinz Philip, aber ich glaube, Edward war mehr darauf bedacht … diese Verbindungen aufrechtzuerhalten, als dass er von den entsprechenden Personen fasziniert war. Man könnte sagen, er pflegte sein Netzwerk. Es ist wichtig, zwischen denen zu unterscheiden, die Edward beeindrucken wollte – von denen er wollte, dass sie erfahren, wenn er wieder ein neues Buch geschrieben hat –, und denen, die ihn wirklich beeindruckten. Zum Beispiel bewunderte er den Erziehungswissenschaftler Howard Gardner weit mehr als irgendeine Persönlichkeit aus der Aristokratie. Edward mag einige Aspekte der Arbeit von Prinz Philip sehr geschätzt haben, insbesondere die Initiativen, die weniger im öffentlichen Fokus standen … dessen Engagement für den Duke of Edinburgh’s Award oder dessen Bemühungen um den Umweltschutz, die König Charles nun weiterführt. Er würdigte sinnvolle Beiträge und substanzielle Leistungen weit mehr als Titel und die vermeintliche Popularität seines Gegenübers. Andererseits muss man der Wahrheit die Ehre geben: Edward wäre wohl gerne in den Ritterstand erhoben worden, und manchmal äusserte er seine … Unzufriedenheit darüber, dass er diese «offizielle Anerkennung» nicht erhalten hatte. Sie sehen – er war ein durchaus vielschichtiger Charakter (lacht)!

 

Auch, was sein Schaffen angeht, richtig? Edward de Bono ist seit vielen Jahren vor allem wegen zweier Ideen «en vogue»: das Konzept der «sechs Denkhüte», das gerne von Managementtrainer:innen verwendet wird, und das Konzept des «lateral thinking», das häufig von «Kreativen» zitiert wird. Das ist aber nur ein Bruchteil seines Wirkens, oder?

Ganz genau – und beides wird häufig verkürzt dargestellt. «Laterales Denken» wird oft als «kreatives Denken» interpretiert, aber es ist weit mehr als das. Edward beschrieb es als Veränderung des Mustersystems innerhalb der selbst organisierenden Strukturen des Gehirns. Das mag etwas technisch klingen, weshalb er eben den Begriff «laterales Denken» prägte – ein Begriff, der am Ende sogar seinen Weg in die Wörterbücher fand.

 

Dekodieren Sie ihn für uns?

«Laterales Denken» verweist darauf, dass wir Menschen dazu neigen, in unseren Überlegungen etablierten Mustern zu folgen. Auch dann, wenn wir damit nicht zum Ziel – also zur Lösung eines Problems – gelangen. Edward fordert, das einzusehen und unsere individuellen Denkmuster immer und immer wieder zu «challengen». Um Menschen dabei zu helfen, entwickelte er Werkzeuge und Spiele, die besagtes «Challengen» sowohl strukturiert als auch unterhaltsam werden lassen. Er testete seine Ideen meistens mit seinen beiden Söhnen Casper und Charlie – spielte mit ihnen, als wäre er selbst ein Kind. Für Edward war nämlich klar: Wenn das, was er propagiert, keinen Spass macht, dann wird es nicht funktionieren.

 

Ich erinnere mich an ein Interview mit dem Designer Sir Paul Smith, in dem selbiger Edward de Bono zitierte und dessen «kindliche, nicht kindische» Herangehensweise lobte. Er selbst versuche, ähnlich zu agieren, so Sir Paul.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, was er meinte. Nehmen wir zum Beispiel das «L-Game», das Edward erfunden hat – es ist wie Schach, aber mit nur vier Figuren, sodass man es überall spielen kann, auch im Flugzeug oder während einer Autofahrt. Man braucht nicht viele Regeln zu kennen, aber es bringt das Gehirn ordentlich in Schwung … während man gleichzeitig Spass hat! Ausserdem hat es einen gewissen Wettbewerbscharakter, den de Bono sehr mochte. Das L-Game ist eine Möglichkeit, «spielerisch provokativ» zu sein.

«‹Laterales Denken› wird oft als ‹kreatives Denken› interpretiert, aber es ist weit mehr als das.»

 

Es ist interessant, dass Sie das Wort «provokativ» benutzen – denn darauf bin ich oft gestossen, als ich zu de Bono recherchiert habe. War er in Ihren Augen ein Provokateur?

Er war zumindest kein Diplomat (lacht). Er beschönigte nichts, stellte Egos und Macht offen infrage, sagte immer seine ehrliche Meinung. Dazu muss man wissen: Edward wurde nicht von typischen Motiven – Geld, Macht oder Status – angetrieben, die andere in einflussreichen Positionen oft anziehen. Sein Verhältnis zu Geld war pragmatisch, auch wenn die Medien das zu seinen Lebzeiten gern anders darstellten – er sah es als Vehikel, nicht mehr. Frauen und Sex waren da schon ein stärkerer Motor für ihn … er war nun mal ein Lebemann. Im Allgemeinen agierte und dachte er jedoch sehr autonom, und das spiegelte sich in der Art und Weise wider, wie er mit seinen Mitmenschen umging. Er liess sich nicht für dumm verkaufen. Wenn jemand versuchte, seine komplexen Theorien allzu sehr zu vereinfachen und sich gegen Edwards – in der Regel wirklich geduldige – Erläuterungen irgendwie … immun zeigte, konnte er sehr, sehr verärgert werden. Und er traute den Medien nicht sonderlich, vor allem in den Jahren, als er auf dem Zenit seiner Bekanntheit stand. Er hatte das Gefühl, dass viele Journalist:innen sich nur für Schlagzeilen interessierten, aber nicht für die «wahre Geschichte». Manchmal schoss er mit dieser Voreingenommenheit ein wenig über das Ziel hinaus, wenn Sie mich fragen. Andererseits: Wenn Journalist:innen mich heute nach de Bono fragen, wollen sie auch immer zuerst wissen, ob wir eine Affäre hatten (lacht).

«Im Gegensatz zu künstlicher Intelligenz, die durch die Vorstellungskraft ihrer Schöpfer:innen begrenzt ist, arbeiten unsere Gehirne ‹grenzenlos›.»

 

Sie sagen, er sei kein Diplomat gewesen – aber ein Weltbürger war er, oder?

Ja. Die Malteser:innen würden ihn mit Stolz als «einen der ihren» bezeichnen, aber obgleich er seine Heimat liebte, dachte Edward global – lange bevor es das Internet und die ultimative Vernetzung der Welt, die heute besteht, gab. Überhaupt war er jemand, der mit Schranken nichts anzufangen wusste. Er verstand das immense Potenzial des menschlichen Gehirns – wie mächtig, ja erschreckend es sein kann, wenn man erkennt, was alles möglich ist. Im Gegensatz zu künstlicher Intelligenz, die durch die Vorstellungskraft ihrer Schöpfer:innen begrenzt ist, arbeiten unsere Gehirne «grenzenlos». Aus diesem Grund schrieb er übrigens auch «Six Value Medals»: Man kann jemanden lehren, lateral zu denken, aber, wenn diese Person unlautere Motive hat, kann de Bonos Denkschule missbraucht werden. Das wollte er … zumindest eindämmen.

 

Er wollte seine Theorien – und dann den zugehörigen Wertekompass – ausserdem in das Curriculum britischer Schulen integriert sehen; er sprach sogar mit dem damaligen Premierminister Tony Blair darüber. Auch wenn das letztendlich nicht gelang – warum war das de Bono so wichtig?

Er war der festen Überzeugung, dass Kinder und Jugendliche ohne «Denkunterricht» in den Schulen anfälliger für diverse Ideologien seien – und er bezweifelte, dass selbst grosse Philosophen wie Aristoteles, Sokrates oder Platon das nötige Rüstzeug liefern könnten, um dem entgegenzuwirken. Er sah ihre Lehren – Aristoteles‘ Betonung der Kategorien, Sokrates‘ argumentativen Ansatz des «Ich habe recht, du hast unrecht» und Platons Glaube an eine absolute Wahrheit – als überholt an. «Wahrheit ist Wahrnehmung im Moment», meinte er – und den Moment der griechischen Philosophie hielt er für passé.

 

Damit dürfte er sich an den Universitäten nicht viele Freund:innen gemacht haben …

Dennoch: Er argumentierte, dass sich das Leben weiterentwickelt und dass dies auch für unser Denken gilt. Er befürchtete, dass Kinder, wenn wir ihnen nicht beibringen, wie sie denken sollen (im Gegensatz zu dem, was sie denken sollen), immer anfälliger für Manipulation werden, insbesondere, wenn Werbung und politische Botschaften immer ausgefeilter werden. Er kritisierte den traditionellen Fokus der schulischen Lehrpläne auf Fächer wie Englisch und Mathematik, die seiner Meinung nach das Denken einschränkten: Grammatik und Rechenregeln würden dazu führen, dass lineares Denken zum «Goldstandard» wird …

 

… und das passte ihm nicht.

Nein. Er hätte gern gesehen, dass Schüler:innen sich mehr mit Kunst beschäftigen dürfen – denn er war überzeugt, dass etwa die Diskussion über ein Gemälde viel mehr Raum für Argumente und intellektuelle Auseinandersetzung lässt als die Frage «Was ist die Summe von zwei plus zwei?». Den Fragen, auf die es nur «I am Right, You Are Wrong»-Antworten gibt, hat er ein ganzes Buch gewidmet, mit dem gleichnamigen Titel. Es gehört zusammen mit «Serious Creativity», «Six Value Medals», «The Happiness Purpose» und «Future Positive» zu meinen persönlichen Favoriten. Aber unter den insgesamt 66 Werken, die er im Laufe seines langen Lebens geschrieben hat, ist eigentlich für jeden etwas dabei (lacht). Wenn Sie seine «Dissertation» lesen wollen, dann empfehle ich Ihnen «The Mechanism of Mind»; spätere Schriften wie «Warum ich König von Australien werden will» und «The Happiness Purpose» sind eher Workshop-Leitfäden, die seine Ideen zugänglich machen.

«Edward hätte gern gesehen, dass Schüler:innen sich mehr mit Kunst beschäftigen dürfen.»

 

Was sollen die Menschen über Edward de Bono lernen, wenn sie Ihre Biografie «Love Laterally» lesen?

Wie ich bereits zu Beginn sagte: Er war warmherzig, brillant und vielschichtig. Er war extrem grosszügig, nicht nur, wenn es darum ging, seine Gedanken zu erklären, sondern auch mit seiner – oft sehr knappen – Zeit. Er war auf charmante Weise exzentrisch: Edward frühstückte in seinen späten Jahren dreimal, trank dabei Unmengen von Kamillentee, von dem er glaubte, er sei «gut für das Gehirn». Er sass auf meiner Veranda, wir unterhielten uns stundenlang, und ich erinnere mich an das schelmische Funkeln in seinen Augen, wenn ich sagte: «Du wirkst heute sehr ruhig, sehr ‚Zen‘.» Ich wusste, dass er diese «Box» nicht mochte, und er wusste, dass ich ihn gerne damit aufzog. «Was auch immer du mir unterstellst, ich bin es nicht!», grummelte er zurück. Und er revanchierte sich bei mir mit geharnischten Komplimenten wie «Oh, du denkst endlich frei! Nur ein bisschen, aber wenigstens ist es ein Anfang!» (lacht). Ich hoffe, dass die Menschen in meinem Buch den Mann jenseits der populären Theorien sehen – und ich versuche, das tiefgründige Denksystem zu beleuchten, das diese Theorien erst hervorgebracht hat. Wie Sie wissen, wurde Edward de Bono 2005 für den Nobelpreis nominiert, hat ihn aber schlussendlich nicht bekommen. Er verdient so viel mehr Anerkennung – und die wird er erhalten, wenn er wirklich verstanden wird.


Sarah Tucker ist eine vielfach ausgezeichnete britische Journalistin und Bestseller-Autorin. Ihre Arbeit handelt oft von ihren Reisen um die Welt und den Eindrücken, die sie dabei sammelt. Für ihr jüngstes Werk, «Love Laterally», hat sie sich eingehend mit dem Leben und dem Werk von Edward de Bono beschäftigt – sie traf den maltesischen Universalgelehrten bis zu seinem Tod 2021 regelmässig und war ihm freundschaftlich verbunden.

«Love Laterally» ist die offizielle Biografie von Edward de Bono. Das Buch ist Anfang September 2024 bei Aurora Metro / Supernova Books erschienen und ist im Netz sowie via den Buchhandel erhältlich.


Dieser Artikel erschien zuerst in der m&k Printausgabe 8-9/2024.

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