Hyde Park Corner
René Worni über die neue Breitenwirkung der Bloggosphäre
René Worni über die neue Breitenwirkung der BloggosphäreEs isch e Ploog. Lautmalerisch liegen im Schweizerdeutschen Blog und Plage dicht beieinander. Und Bloggen, also das Schreiben von Internettagebüchern, hat sich angesichts von Millionen von Weblogs weltweit epidemisch ausgebreitet. Eine Plage? Theoretisch kann sich heute jede und jeder mit ein paar regelmässig getippten Zeilen aus dem Fenster seiner Mansarde lehnen und in der diffusen Öffentlichkeit des Internets auf Echo hoffen. Glaubt man Berlins bekanntestem Blogger Johnny Haeusler (Spreeblick), so wissen jedoch die wenigsten Leute, was überhaupt ein Blog ist. Blogs sind beim passiven Leser noch nicht wirklich angekommen. Blogs lesen vor allem andere Blogger und Journalisten. Und ohne die klassischen Medien gäbe es wohl nur einen Fünftel aller Weblogs, schätzt Katharina Borchert (Lyssas Lounge). Doch die Blogosphäre ist im Wandel, wenn auch nicht so, wie sich das geschäftstüchtige Spindoctors vorstellen, die mit unbeliebten Konzern-Blogs kaum Geld verdienen. Wenn auch nicht so, wie sich das eingeschworene und vor allem jugendliche Blog-Anarchisten wünschen. Denn jetzt haben Politiker das Bloggen entdeckt. Schon bieten die Medien Schützenhilfe als klassische Gatekeeper und erfinden Mischformen. So hat die NZZ (immer mehr auf Augenhöhe mit den medialen Anforderungen der Zeit) den Zürcher Kantonalparteien die Schleusen geöffnet (nzzvotum.ch). Wer in den Zürcher Regierungsrat will, der setzt sich dort einer erbsenzählerisch analysierenden Schar von Kommentatoren aus. Auch die Neue Luzerner Zeitung setzt mit einem Bürgerforum auf leserunterstützten Wahlkampf, und blickt man nach Frankreich, so findet Royale contre Sarkozy vor allem im Web statt. Traumquoten, wie sie der Medienminister derzeit mit seinem Leuenberger-Blog einfährt (Hillary Clinton machts vor), sind die Ausnahme. Doch richtig sexy ist das nicht, denn Blogs haben anarchische Wurzeln, leben von Mitteilungsbedürfnis und vielschichtiger Authentizität, sind manchmal von Krisen und Katastrophen motiviert. Vor allem Jugendliche wollen ungefiltert zu Wort kommen, für deren Ansichten es bisher keine breite Öffentlichkeit gab. Immerhin macht trendy Moritz für diesen virtuellen Hyde Park Corner beste Reklame.
René Worni, Redaktor
René Worni, Redaktor
