Inspiration kennt keine Grenzen

Wenn Isolationismus die Welt bestimmt, müssen Agenturen gegensteuern: Unsere Ideen können nur «grenzenlos» gedeihen.

Illustration: Silvan Borer.
(Illustration: Silvan Borer)

Das Jahr 2024 wird in den Medien häufig als «Schicksalsjahr» bezeichnet – denn in einigen der mächtigsten Staaten der Erde finden nationale oder zumindest regionale Wahlen statt, die unser aller Zukunft stark zu beeinflussen drohen. In den deutschen Bundesländern Sachsen und Thüringen droht die rechtsextreme AfD die Landtagswahlen zu gewinnen, in Russland festigt ein Autokrat seinen Zugriff auf jeden Bereich der Gesellschaft – und in den USA steht im November nicht weniger als die Weltordnung, wie wir sie kennen, zur Disposition. Jenseits des Atlantiks entscheidet sich nämlich, ob Isolationismus wieder salonfähig gemacht wird; ob «die Grossen für sich, die Kleinen für die Grossen» als (geo-)politischer Trend aufersteht. Warum das hochgradig gefährlich wäre, muss ich Ihnen, liebe Leser:innen, nicht erklären. Aber vielleicht darf ich einen Punkt zu der Liste jener Gefahren, derer Sie sich bereits bewusst sind, hinzufügen? Isolationismus macht die Welt nicht nur unsicher. Er ist auch ein Garant dafür, dass Innovationen und der Austausch von Ideen zum Erliegen kommen. Und damit ist er gröbster Sand im Getriebe der globalen (Kreativ-)Wirtschaft.

Abschottung führt in die Krise

Schon in meiner vergangenen Kolumne zitierte ich – in anderem Kontext – die erschütternd leidenschaftliche Bitte des Marquis von Posa an König Philipp II. von Spanien, formuliert in Schillers «Don Carlos»: «Geben Sie Gedankenfreiheit!» Dass ich den Satz noch einmal bemühe, soll zeigen: Er passt nicht nur hervorragend in unsere Gegenwart, sondern auch zu dem, was wir Agenturen «tun». «Gedankenfreiheit», also der schranken- und barrierefreie Fluss von Inspiration und Konzepten – der freundschaftliche Austausch mit Kolleg:innen auf der anderen Seite des Planeten – und der neugierige Blick über Sprach- und Landesgrenzen hinweg befähigen uns, den Problemen unserer Kund:innen mit frischen, unkonventionellen Lösungen zu begegnen. «Super-Apps», die in China oder Südkorea längst zum Alltag gehören, spornen uns an, mobile Kommunikationsplattformen weiterzuentwickeln. Die Investments, die im Silicon Valley in künstliche Intelligenz getätigt werden, sind uns Aufruf und Mahnung zugleich, mit eigenen Ressourcen nachzulegen. Und globale Kampagnen, mit denen Megamarken neue Produkte lancieren, zeigen uns immer wieder, dass kluge Kommunikation sich in effektives Unternehmenswachstum übersetzen lässt. All das fällt weg, wenn unsere Inspirationsquellen plötzlich versiegen – oder wir uns externen Einflüssen verweigern.

Jetzt sind wir gefragt!

Wenn Isolationismus zum politischen Trend wird, müssen Agenturen gegensteuern, denn unsere Ideen können nur «grenzenlos» gedeihen. Wir, die es gewohnt sind, die Stimme anderer zu verstärken, müssen jetzt zu unserer eigenen Stimme finden. Wir haben das Know-how, wir haben die Expert:innen, wir haben vitales Interesse am Fortbestand einer offenen Welt. Jene, die Letztere abschaffen wollen, dürfen wir nicht gewähren lassen.


* Unser Kolumnist Alexander Haldemann ist CEO der Publicis Groupe Switzerland.

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