Wenn der Sensenmann kommt

Kolumne Mit jeder Publikation, die eingeht, verschwindet auch eine spezielle Form des Journalismus

Kolumne Mit jeder Publikation, die eingeht, verschwindet auch eine spezielle Form des Journalismus.Etwas Trauer muss schon sein, wenn zwei Wochenzeitungen eingestellt werden, auch wenn die Zahlen für sich sprechen. Schade! Was letztlich für das schlechte Abschneiden der beiden Wochenpublikationen Cash und Facts verantwortlich war, ist auch eine Huhn-Ei-Frage. Tatsache ist: Mit Cash und Facts verschwinden zwei Publikationen, welche zur Medienvielfalt beigetragen haben. Je nach Form der jeweiligen Redaktionen haben sie mit mehr oder weniger eigenständigen Stimmen die publizistische Konkurrenz belebt und die Medienbranche journalistisch aufgefrischt. Mit jedem Medium stirbt auch frei nach Medientheoretiker McLuhan eine Message. 
Cash brachte in den neunziger Jahren frischen Wind in den Wirtschaftsjournalismus. Unbeschwert von Traditionen missachtete das Blatt Konventionen im Verhältnis von Medien und Wirtschaft. Journalistisch stärkte es mit einer kreativen Verknüpfung von Text, Grafik und Bild die Leserführung. Der «Prokuristenblick» hat mit seinem Boulevardtouch auf damals ungewöhnliche Art und Weise informiert, aber immer auch provoziert, irritiert. Cash hat gezeigt, dass Zeitungsgestaltung nicht nur auf Lauftexte und vereinzelte Bilder beschränkt sein muss. Geschichtenerzählen bedeutete, alle Informationselemente optimal zu verknüpfen. Der Wirtschaftsjournalismus hat sich dadurch grundsätzlich verändert. Einiges davon ist heute Standard. Nur die Frechheit und Frische sind verloren gegangen, in den letzten Jahren leider auch bei Cash.
 
Facts war der Versuch, in der Deutschschweiz ein Nachrichtenmagazin zu positionieren. Nachdem einige Anläufe und Projekte keine Überlebenschancen hatten, versuchte Tamedia unter anderem mit Chefredaktoren, die wie Jürg Wildberger und Hannes Britschgi bekannt aus dem Fernsehen waren, den Markt mit einem Wochenmagazin zu besetzen. Warum sollte in der Deutschschweiz nicht möglich sein, was in Deutschland mit Focus, Spiegel und Stern funktioniert? Die Nervosität über den ausbleibenden Erfolg führte zu hastigen Anpassungen und Veränderungen. Im Unterschied zu Cash konnte Facts keine eigene Handschrift entwickeln. Trotzdem hat es immer wieder den journalistischen Wettbewerb belebt, die kreativen Möglichkeiten des Magazin-Layouts genutzt und gelegentlich auch Fakten geschaffen.
 
Cash und Facts waren Kinder der neunziger Jahre vor dem Platzen der New-Economy-Blase. Angelsächsische Titel lagen im Trend, die Wirtschaft im Aufschwung, dem Wachstum schienen keine Grenzen gesetzt. Vom Zeitgeist geprägt, gelang ihnen nicht die Etablierung als Klassiker. Cash machte das Zusammenbrechen der Börse zu schaffen. Solange die Aktienmärkte ein Spielplatz waren, auf denen alle die Chance auf einen Gewinn hatten, war das Lesen der Wirtschaftszeitung eine Freude für Erfolgsverwöhnte. Nach dem Crash wurden die Überbringer von unangenehmen Nachrichten unbeliebter. Facts wurde zur Spielwiese für modische grafische und redaktionelle Anpassungen – einmal mehr in Richtung Focus, einmal mehr in Richtung Spiegel –, die das Profil mehr verwässerten als stärkten und die Aufmerksamkeit der Leser und der Werber gewinnen konnten.
 
Was unter der Woche einen schweren Stand hatte, funktionierte hingegen am Wochenende. Die Sonntagszeitungen prosperieren. Sie besetzen alle medienrelevanten Märkte: Publizistisch sind sie die Favoriten für die Platzierung von Neuigkeiten, die Leserschaft verbringt den Sonntagmorgen gerne mit einer Zeitung, und die Werber sind ihnen treu. Am Donnerstag machten sich hingegen Cash, Facts und Weltwoche gleichzeitig den Markt streitig. Immerhin haben sich die Publikationen der Grossverteiler auf den Wochenanfang verlagert.
 
Die beiden Medienhäuser Ringier und Tamedia verzeichneten jahrelange massive Verluste bei beiden Titeln. Das zeugt davon, dass es ihnen nicht leicht fiel, die unrentablen Produkte zu schliessen. Die Kombination von Sparübungen und zaghaften Neupositionierungen verlängerte die Agonie. Die Marke Cash wird in der Multimediaplattform Cash daily weiterleben. Ausser dem Logo erinnert jedoch wenig an das Wochenblatt. Technisch innovativ und interessant ist der neue Auftritt, redaktionell setzen die Nachfahren der Wochenzeitung auf Kürze. Damit sie der Marke ihrer Mutterzeitung würdig werden, müsste zur technischen Entwicklung noch ein journalistischer Aufbruch kommen.
 
Cash und Facts werden beerdigt. Die Verstorbenen setzen Mittel und Raum frei für publizistisch anspruchsvolle Innovationen: Wir warten auf die Geburt von neuen Medien mit einer spannenden Message. 
 
Josefa Haas ist Leiterin des Medieninstituts und war von 1995 bis 1998 Redaktorin bei Cash.

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