Jeder spielt Verleger

Kolumne Schleichend werden die Grossen an ausländische Verlage verscherbelt. Und die kleineren Häuser rotten sich zu Verbünden zusammen. Die Konsequenz: ein Jekami-Effekt in der Verlagsbranche und langweiliger Agenturjournalismus.

Kolumne Schleichend werden die Grossen an ausländische Verlage verscherbelt. Und die kleineren Häuser rotten sich zu Verbünden zusammen. Die Konsequenz: ein Jekami-Effekt in der Verlagsbranche und langweiliger Agenturjournalismus.  
Täglich erleben wir eine Flut von Nachrichten und einander widersprechenden Meinungen, die auf uns einströmt. Unser Gehirn wird vollgestopft mit den «neuesten Meldungen» der Zeitungen, der Illustrierten, der elektronischen und der Online-Medien. Sie alle stehen in heftigem Wettbewerb zueinander. Sie kämpfen um Auflagen, Einschaltquoten und Werbekunden. Die Zeit ist knapp für Recherchen, für Qualität, für einen adäquaten Umgang mit den Mitarbeitenden. Und genau sie wären es, deren Wohlergehen der Redaktionsleitung und dem Verlag am Herzen liegen sollte. Gute Mitarbeiter sind Gold wert. Und  gute Mitarbeiter mit tollen Beziehungen sind unbezahlbar.Doch in den grossen Verlagshäusern scheint es an zwei Dingen massiv zu mangeln: an Zeit und an qualifizierten Mitarbeitenden oder qualifizierten Vorgesetzten. In den letzten Jahren haben weder Ringier noch Tamedia ein inhaltlich wirklich gutes Produkt entwickelt. Die neuen Blätter sind meist schale Kopien früherer Medienprodukte. Neue Konzepte müssen her, alte Konzepter werden verpflichtet. Ich höre immer wieder in beiden Häusern: «Es gibt niemanden. Wer könnte so etwas machen?» Also greift man immer auf die zwei, drei bekannten Namen zurück, die seit Jahrzehnten in Adresskarteien vor sich hin gammeln. Am Ende stammt jedes zweite Printkonzept aus demselben Hirn. Doch auch Hirne werden mal alt. Ihre Besitzer reisen nicht mehr so viel. Sie verlieren den Kontakt zum Puls der Zeit. Und so kommt, was kommen muss: Alter Wein in neuen Schläuchen, ein paar Milliönchen für die Lancierung. Doch wirklich glücklich ist schon zu Beginn keiner der Verlagsbosse damit.
Zweites Gejammer: «Es gibt keine Chefredaktoren und -innen.» Hä? Ich glaub, ich träume. Geeignete Medienschaffende gäbe es genügend. Aber man sollte sich vielleicht auch mal ausserhalb der Häuser umsehen. Stattdessen kommen immer dieselben Nasen an den Chefposten zum Einsatz. Eine Blutauffrischung scheint aussichtslos. Und dann wundert man sich, warum die Titel so schlecht laufen, warum die TV-Quoten sinken etc. Das Resultat: In der Hektik der sinkenden Umsätze werden rasch, rasch neue Titel entwickelt, ohne Zeit und ohne Geld. Sie sollen die Löcher stopfen. Ein neues «Trash-Kind» wird geboren, der Redaktion ein so minimes Budget zur Verfügung gestellt, dass sie praktisch nur «Trash-News» liefern kann. So entsteht, was heute bereits Realität ist: der Agenturenjournalismus.
Diese «Qualität» im Journalismus genügt vielen potenziellen
Lesern nicht mehr. Also heuern Unternehmer kurzerhand ehemalige Topjournalisten an und investieren in neue Verlagsprodukte. Früher galt die Investition in ein marodes Fünfsternehotel als schick. Heute finden es CEOs lässig, eine eigene Zeitung, einen TV-Sender oder einen Verlag zu finanzieren. So verkommen Medienschaffende zu Spielbällen diverser Machtgruppen. Eine politisch unabhängige Berichterstattung scheint unmöglich. Was tun, wenn beispielsweise das Unternehmen des Financiers in die Schlagzeilen gerät? Krisenkommunikation wird zum Spitzentanz, und qualitativ einwandfreier Journalismus kann nicht mehr stattfinden.
Wie nie zuvor findet heute die politische Willensbildung und die machtpolitische Durchsetzung von Interessen über die Medien statt. Gleichzeitig kommt es zu einer zunehmenden Übereinstimmung der von Medien transportierten und festgelegten Meinungen. Dies beruht wesentlich auf einer sehr engen Verzahnung der meisten Medien mit Nachrichtenagenturen und mit den Interessen von Gesellschaftern, Anzeigenkunden, politischen Parteien und weiteren Gruppierungen. Die journalistische Suche nach Wahrheit wird unmöglich.
Ich bin überzeugt: Je mehr Gratisblätter die Konkurrenz beflügeln, desto mehr wird der Wunsch nach Qualitätsjournalismus wachsen. Die Frage ist, wer den tatsächlichen Aufwand für gut recherchierte Stories berappen wird. Dies wäre eigentlich die Aufgabe eines guten Verlagshauses. Das Mäzenatentum für Qualität im Journalismus muss weichen. Stattdessen sollten gute Recherchen und fundiert ausgebildete Journalisten den Verlagshäusern wieder einiges wert sein.
> Karin Müller,

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