Guckst du ins Röhrchen
René Worni über Fernsehen auf der Handfläche.
René Worni über Fernsehen auf der Handfläche.
Wer hat eigentlich auf Handy-Fernsehen gewartet? «Plötzlich dachten wir, es stünde im Spiel Japan gegen Brasilien 8:1 für Japan – weil wir den Spielstand nicht erkennen konnten», gab an der letztjährigen Screenup etwa Sat-1-Senderchef Mathias Alberti seine WM-Erfahrungen mit Handy-TV zum Besten. Nichtsdestotrotz wird kräftig investiert: In der Schweiz schätzen Branchenkenner, dass Swisscom rund 50 Millionen Franken in Handy-TV mit eigenem DVB-H-Netz für bessere Übertragungsqualität investiert hat. Doch lohnt dieser Aufwand, wenn man auf dem DVB-H-Handy nichts anderes als die bekannten Programme zu Gesicht bekommt? Mit dem Unterschied, dass die Bilder ruckeln, Spielfilme mit Untertiteln zum Problem werden und im Fussballstadion der Stürmer den Ball schon ins linke Lattenkreuz versenkt hat, acht Sekunden bevor das «Tooooor!» auf dem Handy erscheint. Bleibt vielleicht, einige Alltagssituationen nach Potential für Handy-TV abzuklopfen: Fernsehen im Bett, auf dem Klo, im Wartezimmer beim Zahnarzt, auf dem Pausenplatz oder unter der Schulbank. Doch Programme, die dieser speziellen Form des Fernsehens gerecht werden, gibt es noch keine. Der TV-Konsum übers Mäusekino unterliegt sicher anderen Gesetzmässigkeiten, welche die eiligen und von der Euro 08 verblendeten Macher bisher wohl für zu unbedeutend hielten. Denkt man etwa an die Pendlerströme, so drängen sich entsprechende Sendungen fürs Handy geradezu auf. Trendbeobachter prophezeihen denn auch, dass mobile Geräte schon bald der Pendlerpresse das Fürchten lehren werden.
Und so hinterliess die Präsentation des Kommunikationsriesen von vergangener Woche vor allem Fragen. Man mag sich über Sinn und Unsinn von mobilem Fernsehen streiten, doch es bietet, wie jede neue Technologie, Innovationspotenzial. Darüber wurde indessen beharrlich geschwiegen. Die Verantwortlichen hatten bloss ihr Bluewin-TV im Fokus, dessen mobile Ausprägung als Bluewin-TV mobile sich recht monopolistisch ausnimmt. Weitere Anbieter sind zwar zugelassen. Der einzige ist bisher Bruno Bucher mit MoTV, der sein Konzept jedoch umarbeiten musste, weil der Kommunikationsriese innovative Ansätze «made for mobile» wohl eher als störend empfindet.
René Worni, Redaktor
