Jeden Tag eine Gala!
Kolumne Sollen TV-Stationen – ob öffentlich-rechtlich oder privat – redaktionelle Gefässe entwickeln, um Spendenorganisationen die Kassen füllen zu lassen? Hans Stutz über das fragwürdige Ansinnen karitativer Institutionen.
Kolumne Sollen TV-Stationen – ob öffentlich-rechtlich oder privat – redaktionelle Gefässe entwickeln, um Spendenorganisationen die Kassen füllen zu lassen?
Nein, nein, am guten Willen wagen wir nicht zu zweifeln. Und auch nicht am Eifer. Es ist ja auch ein grosser Jammer: «17’000 Menschen im besten Alter sterben jährlich an Krebs.» Und dies nur schon in der Schweiz.Tröstlich immerhin: Alle sterben einmal. Wenn nicht an Krebs, dann eben anders. Meist im besten Alter und fast immer viel zu früh. Für Verleger und Verlagsdirektoren jedenfalls sind Todesanzeigen ein sicherer Budgetposten. Und das wird auch so bleiben.
Aber die Eifrigen der Krebsliga und der Stiftung Krebsforschung Schweiz haben den Kampf gegen das Schicksal aufgenommen und sehen sich im Stich gelassen: «Leider steht bis heute das Schweizer Fernsehen abseits im Kampf gegen die wichtigste Todesursache in der Schweiz.»
Soll etwa das öffentlich-rechtliche Fernsehen täglich für zwei Stunden alle Sendungen einstellen und die Zuschauerinnen und Zuschauer in die Wälder (Achtung Zecken!) oder auf Trainingsvelos im Keller treiben? Immerhin reduziert Bewegung die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, signifikant.
Oder soll das Schweizer Fernsehen täglich Filmchen ausstrahlen mit blutenden Teerlungen oder Kamerafahrten durch einen erkrankten Dickdarm, versehen mit Hinweisen über die Gefahren des Rauchens beziehungsweise des Wurstessens?
Nein, die Eifrigen wollen nicht Abschreckung, sondern Glamour: Eine «Krebsgala», roter Teppich, Prominenz, Kameras und schicke Kleider, alles direkt übertragen zu bester Sendezeit auf SF 1. Sie haben sich in die Vorstellung verbissen, dass Galasendungen «grossartige Möglichkeiten» seien, Spendengelder aufzutreiben und Politiker zu erreichen.
Sie haben über 20’000 Unterschriften gesammelt und diese Petition Mitte April SRG-Generaldirektor Armin Walpen überreicht. Dieser hat die versuchte Einmischung in die Programmautonomie nicht einmal kritisiert, sondern soll eine Diskussion in der SRG-Geschäftsleitung angekündigt haben.
Sollen TV-Stationen – ob öffentlich-rechtlich oder privat – redaktionelle Gefässe entwickeln, um Spendenorganisationen die Kassen füllen zu lassen?
Nein, sicher nicht.
Die «Krebsgala»-Leute wollen – getreu dem neoliberalen Zeitgeist – ganz einfach die Kosten sozialisieren. Sie seien bisher gezwungen gewesen, «auf ein privates Sendegefäss auszuweichen und sich an den Produktionskosten zu beteiligen», erklären sie denn auch ehrlich. Das bisherige «Gala»-Modell: Ringier-TV mobilisierte einen Teil seiner Cervelat-Prominenz, produzierte eine glitzernde Abendunterhaltung, in der Verleger Michael Ringier als edler Spender inszeniert wird. Ausgestrahlt wurde das Ganze auf SF 2, für das die Veranstalterin Presse TV – und indirekt damit auch die Ringier-TV – bereits einen Anteil an SRG-Gebührengeldern erhalten hat.
Und zu guter Letzt bittet Ringier-TV die «Krebsgala»- Promotoren zur Kasse, für die Sondersendung der «Gesundheit Sprechstunde» müssen diese insgesamt eine Viertelmillion Franken hinblättern. Das unangenehme Fazit für die Krebshilfe-Organisatoren: Der Spendenreinerlös ist ziemlich gering.
Aber einmal angenommen, TV-Sender gäben sich für die Ausstrahlung von «Spendengalas» hin, die von Spendenorganisationen bestellt werden. Sei es nun Krebsliga, Lungenliga, Rheumaliga (Rheuma, die «Volkskrankheit Nummer 1»), oder seien es Amnesty International, Caritas, Greenpeace oder Terre des Hommes. Bei der Stiftung Zewo, der schweizerischen Zertifizierungsstelle für gemeinnützige Spenden, sammelnde Organisationen, sind insgesamt mehrere hundert eingetragen. Alle Anliegen sind wichtig, alle Organisationen müssen die gleichen Rechte haben, so dass wir uns wohl mindestens einmal pro Woche eine Gala antun müssten. Nur: Ringiers Unterhaltungsblätter haben in den vergangenen Jahrzehnten noch nicht genug Promis aufgebaut, damit all diese «Gala»-Veranstaltungen genug Glanz erhalten, um erstens Zuschauer vor den Bildschirm zu locken und zweitens zum Spenden zu animieren. Eigentlich tröstlich! Denn frei nach Bertolt Brecht: Weh dem Land, das Promis braucht.
Hans Stutz ist freier Journalist
