Völker, höret die Signale
Kolumne Paris wollte TV5 seinem Auslandsdienst einverleiben. Und scheiterte am Widerstand der Schweiz.
Kolumne Paris wollte TV5 seinem Auslandsdienst einverleiben. Und scheiterte am Widerstand der Schweiz.
Mitte April: Frankreich hatte gerade den Direktor des frankophonen Weltsenders TV5 Monde zum vorzeitigen Rücktritt genötigt. Bei der zum Vollzug anberaumten Sitzung in Paris sollte gleichzeitig das neue Organisationsmodell für TV5 verabschiedet werden. Doch die Franzosen sassen allein am Tisch. Die Vertreter der Schweiz, Kanadas, Belgiens, des europäischen Kulturkanals Arte wie auch die Delegierten der Mitarbeiterverbände waren unverrichteter Dinge wieder abgereist. Kleinlaut musste sich der neue Chef der französischen Holding France Monde den Medien präsentieren. Die Holding soll den französischen News-Sender France24, die Kurzwellenprogramme Radio France International und eben auch TV5 umfassen. «Seit zwei Monaten versuchen wir, mit unseren frankophonen Partnerländern zu reden. Es gelingt uns nicht», erklärte Alain de Pouzilhac. Doch ganz so blauäugig kann der zum Spitzenbeamten des Aussenministeriums mutierte ehemalige Journalist nicht sein. Die Grande Nation habe schon längst unzumutbare Konzessionen gemacht, muss er sich gedacht haben. Über den Ärger der frankophonen Partner hatten auch die französischen Zeitungen berichtet und dabei sehr viel Verständnis demonstriert.TV5 ist ein Bijou. Man kann den Sender fast überall auf der Welt empfangen. Mit etwas Glück kann man in New York die Tagesschau des Westschweizer Fernsehens sehen, wenn nicht gerade die Belgier dran sind.
Die Franzosen kontrollieren bei TV5 66 Prozent und stellen den Programmdirektor. Kanada, die Schweiz und Belgien verfügen mit je 11,1 Prozent über eine Sperrminorität. Weil die französischsprachige Kultur in vielen Teilen der Welt noch immer hohes Ansehen geniesst, jenes von Frankreich dagegen sehr schnell wechseln kann, profitiert auch die Grande Nation von dieser Konstellation. Doch immer wieder kommt die Erinnerung an diese verlorene «Grandeur» hoch.
Staatspräsident Nicolas Sarkozy will alle Auslandsender zusammenlegen. Das macht Sinn. Aber gleichzeitig will er, dass auf France24 (dem CNN-Konkurrenten) nur noch Französisch geredet wird. Englisch und Spanisch werden abgeschafft und das Arabische wird entgegen dem ursprünglichen Konzept gar nicht erst aufgenommen. Bei Radio France International will man die Zahl der Sprachen drastisch reduzieren. Das hat in den Redaktionen für Unmut gesorgt und ist auch in diplomatischer Hinsicht unsinnig. Die frankophonen Partnerländer wurden nur desto hellhöriger. Sie hegten den Verdacht, Frankreich plane, TV5 in den Hotels und Kabelnetzen der Metropolen durch France24 zu verdrängen – einmal abgesehen von der redaktionellen Einflussnahme in der staatlichen Holding France Monde.
Man weiss um die Beziehungen von Sarkozy zu den Medienbossen und die Abhängigkeit der öffentlich-rechtlichen Sender von der Regierung. Frankreich verfolgt in Afrika bekanntlich eigene Interessen und ist in Konflikte verwickelt. Die geplante Einverleibung von TV5 Monde wurde deshalb als Arroganz, als unfreundliche Annektierung und als Gefahr für die redaktionelle Autonomie empfunden. Obendrauf sollte ausgerechnet die Gattin des Aussenministers Kouchner, die ehemalige Tageschau-Moderatorin «Königin Christine» Ockrent, die Oberaufsicht übernehmen.
Doch die Schweiz stellt sich quer. Normalerweise werden in den Mühlen der helvetischen Politik die Angelegenheiten der Frankophonie systematisch unterschätzt und vernachlässigt. Doch diesmal bekam die Anfrage eines Neuenburger Sozialisten im Parlament schnelle Antwort: Der Bundesrat drohte mit dem Auszug der Schweiz bei TV5. Das «Ultimatum aus Bern» brachte unser Land wieder einmal in die Spalten der französischen Presse. Die «Politik der leeren Stühle» hatte Erfolg. Nach der peinlichen Sitzung in Paris kam man erstaunlich rasch zu einer Lösung. Frankreich hat auf die Mehrheit verzichtet. TV5 Monde wird nicht zur Tochtergesellschaft der französischen Holding – sie bleibt eine Partnerin mit garantierter Unabhängigkeit. Das ist im Übrigen auch für Frankreich und sein Ansehen in der Welt besser. Recht geben kann man den Franzosen in einem Punkt: Es geht nicht nur um die blosse Empfangbarkeit, sondern darum, dass die Frankophonen aller Länder den Sender auch tatsächlich einschalten. Die fehlende Programmqualität kann dann immer noch verbessert werden.
Jürg Altwegg ist Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen in Genf.
