Weiss doch jedes Kind (2)

Kolumne Werbewoche-Redaktor René Worni über verdorbenen Appetit alias News Fatigue wegen dünnen Infohäppchen.

René Worni über verdorbenen Appetit alias News Fatigue Im letzten Beitrag in dieser Rubrik wurde die These gewagt, jedes Kind wisse schon längst (ganz im Gegensatz zu den Verlegern), dass das pendulierende Publikum die Flut der Gratisblätter langsam satt habe. Die These war darüber hinaus mit einem Imperativ verknüpft, der Aargauer Verleger Peter Wanner möge doch seinen treuen AZ-Leserinnen und -Lesern nicht auch noch mit Gratisfutter den Appetit verderben, so wie das Wanners Konkurrenten im Mittelland bereits flächendeckend tun. Was Kinder längst schon wissen, beleuchten jetzt auch zwei Studien, deren Ergebnisse hier kurz nachgeliefert werden sollen. So kommt eine Untersuchung im Auftrag des VÖZ (das ist der Verband der österreichischen Zeitungen) unter dem Titel «Medienqualitäten» zu einem eindeutigen Befund: Gratiszeitungen könnten Kaufzeitungen in Sachen Glaubwürdigkeit, Aktualität und Information – wir haben es immer schon geahnt – nicht das Wasser reichen. 88 Prozent von 4300 Befragten halten Kaufzeitungen für glaubwürdig, wogegen «bloss» 72 Prozent den Gratisblättern glauben.
Woran mag das wohl liegen? Die zweite Untersuchung im Auftrag von Associated Press bringt weiteres Licht ins Dunkel und für die Nachrichtenagentur als Auftraggeberin ausserdem eine lebensbedrohliche Diagnose: Der rasende Nachrichtenfluss nämlich produziert nicht bloss News-Junkies in Massen, sondern auch ihr absolutes Gegenteil: Leute, die in lähmendes Desinteresse verfallen, weil sie, andauernd mit dünnen News-Häppchen versorgt, mit ihrem Bedürfnis nach vertiefter Information alleine gelassen werden. Die Forscher beobachten gar die Konditionierung einer sogenannten Pawlow’schen Verknüpfung: Irgendwann lerne der dauernd scheiternde Informationssucher den Begriff Nachricht unmittelbar mit Frustration zu verbinden. Resultat: Nachrichtenmüdigkeit oder auf Neudeutsch News Fatigue (wie doch jedes Kind schon weiss). AP will deshalb neue Methoden entwickeln, damit Medienkonsumenten leichter an vertiefende Informationen gelangen können. Schier schon revolutionär für eine Nachrichtenagentur empfiehlt AP übrigens den Nachrichtenmedien, auf allzu häufige News-Updates zu verzichten.
> René Worni, Redaktor

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