Radio Gaga
René Worni über Alternativen in Zeiten des Erwachsenenradios.
René Worni über Alternativen in Zeiten des Erwachsenenradios.
Zugegeben, der wundervolle Titel (Freddy Mercury selig hat einen seiner zünftigsten Songs damit überschrieben) ist nicht von mir, sondern steht am Anfang eines Berichts des Standard. Doch davon später.Um beim Stück von Queen zu bleiben: Heutzutage, in Zeiten des Erwachsenenradios, hat man(n) und frau wohl auf Radio 1 die besten Aussichten, das Lied mit der beissenden Stimme von Mercury zu hören.
Radio 1 will bekanntlich der Sender für all jene Erwachsenen sein, die im Einerlei des gängigen Animier-Dudelfunks heimatlos geworden sind und die immer schon den Soundtrack ihrer ruhmreichen Teenagerjahre vermisst haben. Seitdem sich der Sender des nimmermüden Medienmannes Roger Schawinski zur Tagesberieselung anwählen lässt, hat das vor dem Sendestart noch glänzende Konzept des emsigen Quasi-Erfinders jedoch etwas den Lack ab.
Hat das möglicherweise mit der ernüchternden Feststellung der Mehrheit meiner Bekannten zu tun, Radio 1 unterscheide sich gar nicht so sehr von den anderen Privatradios? Unterdessen haben sich jedoch auch verdiente Journalistenpersönlichkeiten und Medienspezialisten den Sender zur Brust genommen und bestätigen diesen Eindruck. So kommt etwa Jean-Martin Büttner nach einem risikoreichen Selbstversuch im Tagi zum Schluss: «Keinerlei Widerstand, keine Entdeckung, keine Leidenschaft, stattdessen unablässige aerodynamische Gefälligkeit.»
Nach solchem Befund ist guter Rat teuer. Doch Hoffnung naht. Von Radio La Colifata aus Buenos Aires, dem Sender einer Nervenheilanstalt, gemacht von Colifatos, von Verrückten. Was dort im Rahmen eines Radio-Therapiekonzeptes abgeht, begeistert inzwischen die Massen: Bis zu zwölf Millionen Hörer lauschen den Träumen, Ansichten und Delirien der Klinik-Patienten, weiss der Standard. Die Beiträge verbreiten Privatradios bis nach Mexiko und Uruguay. Selbst Weltmusiker Manu Chao schwärmt von La Colifata als «unendlicher Quell der Inspiration. Klarheit gemischt mit Surrealismus.» Mit leichten Korrekturen und dem Claim «Radio 1 – für Verrückte, die auch schon etwas erwachsen sind» böte sich Roger Schawinski augenblicklich die sichere nationale Perspektive für seinen Sender und der Urheberrechtsstreit mit Berlins Radio Eins wäre – zack! – vom Tisch.
René Worni, Redaktor
