Leise Hymne auf das Leben im O-Ton

Mit lärmigen Leitartikeln lässt sich der menschliche Alltag deutlich weniger gut beschreiben – geschweige denn beeinflussen – als mit intimen Interviews. Ein Plädoyer für eine Emotionalisierung journalistischer Gesprächsführung.

Dem Sommerloch sei Dank. Zwölf Seiten für solch eine Titelgeschichte räumt wohl selbst das experimentierfreudige Zeit-Magazin nur Mitte August frei. Drei unprominente, dafür umso interessantere Herren im besten Alter erzählen darin von ihrem Bild und ihrem Abschied vom eigenen Vater. «When I walk in my father’s footsteps, it scares me to death», singt Bob Dylan. Die drei Gespräche variieren dieses ewige Männerthema in berührender, phasenweise bedrückender Manier. Man wird Zeuge einer intimen Atmosphäre voll existenzieller Ehrlichkeit, die weit über die Lektüre hinaus nachhallt.
Die Intensität dieser leisen Töne liess mich aus Dankbarkeit fast meinen ersten Leserbrief schreiben. Okay, biografisch bin ich vermutlich reif und deshalb besonders empfänglich für das Vater-Sohn-Motiv. Waschmaschinenwerbung interessiert ja bekanntlich auch speziell jene Zeitgenossen, die gerade entsprechende Kaufabsichten hegen. Wie die Interviewerin Herlinde Koelbl menschliche Irrungen und Wirrungen in subtile Frage-Antwort-Texte kleidet, bewegte und überzeugte aber schon viele Menschen. Davon zeugen ihre hohen Buchauflagen und die vielen Auszeichnungen der bekannten Autorin und Dokumentarfilmerin.
Koelbl ist eine Grossmeisterin der Empathie und Intuition. Wer diese Qualitäten – auch im Journalismus – für spezifisch weibliche hält, den belehrt André Müller seit mehr als 30 Jahren eines Besseren. Der Österreicher, von seinen Auftraggebern (Weltwoche, Zeit, Spiegel) nicht zu Unrecht als «bedeutendster Interviewer deutscher Sprache» gepriesen, seziert seine prominenten Gegenüber mit dem rhetorischen Skalpell. Seinen horrenden Anspruch, nicht nur der Leser, sondern auch der/die Interviewte solle dabei Neues erfahren, kann er jedenfalls häufig einlösen. Elfriede Jelinek etwa entlockte er, dass sie sich, wie eine ihrer Romanfiguren, auch selbst die Vagina mit einer Rasierklinge zerschnitten hat. So viel Mut zur Selbstentblössung hätte sich die Nobelpreisträgerin nie zugetraut, wie sie später einmal zu Protokoll gab.
Aber es muss ja gar nicht solch emotionaler Extremismus sein. Echte Neugier aufs Gegenüber, mehr Mut zum Risiko und Menschenkenntnis würden die gähnende Langeweile auch schon mildern, die 90 Prozent aller Interviewtexte verbreiten, zumal jener mit Krawatten- bzw. Funktionsträgern. Das Argument, politische und wirtschaftliche Fachgespräche dienten dem Transport von Sachinformationen, ist eine reine Schutzbehauptung uninspirierter Journalisten. Denn dann wären Parteiprogramme und Unternehmenskennzahlen ungleich präzisere und verlässlichere Quellen als Minister und CEOs. Oft steckt mangelnde Empathie und Vorbereitung hinter dem geistlosen Geschwätz, das immer mehr Spalten füllt, noch öfter jedoch schlichte Ahnungslosigkeit bezüglich der Potenziale diese Genres. Interviews werden nicht als Kunstform, sondern allzu häufig bloss als redaktionelle Notlösungen gehandhabt: Wenn einem sonst nichts einfällt, macht man halt schnell noch ein «Inti».
Dabei sind gute Gespräche immer Glücksfälle – privat wie publizistisch. Weshalb sie sich auch nicht am Fliessband (re)produzieren lassen. Müller etwa veranstaltet jährlich nie mehr als zwei bis drei seiner akribisch präparierten Seelenstriptease. Auch beim 2003 als reinem Interview-Magazin gestarteten Galore hat man inzwischen gemerkt, dass Quantität der Qualität abträglich ist. Seit diesem Jahr bringt der Pioniertitel nun auch Reportagen, Features und Kolumnen. Offizielle Begründung: Um künftig noch besser zur Geltung zu kommen, werden die Interviews als «journalistische Königsdisziplin» nun von einem Hofstaat anderer Genres umringt. Dass ich mein Abo direkt nach dieser Ankündigung verlängern liess, habe ich bis heute nicht bereut.

Oliver Classen ist Pressesprecher der entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern und war zuvor Medienredaktor.

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